Die türkische Billigfluggesellschaft AJet, eine einhundertprozentige Tochtergesellschaft von Turkish Airlines, setzt den Ausbau ihrer Flotte durch den Abschluss neuer Leasingverträge fort. Wie das in Singapur ansässige Leasingunternehmen BOC Aviation mitteilte, wurde eine Vereinbarung über die Bereitstellung von fünf fabrikneuen Verkehrsflugzeugen des Typs Airbus A321neo unterzeichnet.
Die Maschinen stammen aus dem bestehenden Auftragsbuch des Leasinggebers bei Airbus und sollen in den kommenden Monaten an den türkischen Low-Cost-Carrier übergeben werden. Dieser Schritt reiht sich in eine Serie von Flottenmaßnahmen ein, mit denen das Unternehmen seine Kapazitäten auf den Routen zwischen Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten ausbauen möchte. Angesichts der ehrgeizigen Wachstumsziele der Fluggesellschaft und der komplexen Struktur ihrer aktuellen Flotte wirft das rasche Wachstum jedoch auch Fragen bezüglich der operativen Effizienz und der logistischen Herausforderungen bei der Integration unterschiedlicher Flugzeugtypen auf.
Strukturelle Details der neuen Leasingvereinbarung mit BOC Aviation
Die Kooperation zwischen AJet und BOC Aviation stellt eine Vertiefung der bestehenden Geschäftsbeziehungen zwischen dem Leasinggeber und dem Mutterkonzern Turkish Airlines dar. Bei den fünf vereinbarten Flugzeugen handelt es sich um das Modell Airbus A321neo, das sich im Segment der Schmalrumpfflugzeuge durch eine hohe Sitzplatzkapazität auszeichnet. Paul Kent, kommerzieller Leiter von BOC Aviation, betonte bei der Bekanntgabe am 8. Juli 2026, dass diese Maschinen die bestehende Flottenstruktur der Fluggesellschaft ergänzen und das geplante Netzwerkwachstum in den Kernmärkten unterstützen sollen.
Für AJet bedeutet der Zugriff auf das Auftragsbuch eines großen Leasingunternehmens einen operativen Vorteil, da direkte Bestellungen beim Hersteller Airbus derzeit mit langen Wartezeiten verbunden sind. Das Management der Fluggesellschaft, angeführt von Vorstandschef Kerem Sarp, sieht in der Übernahme der Schmalrumpfjets einen relevanten Schritt zur Modernisierung der Flotte. Die Flugzeuge bieten dem Betreiber die Möglichkeit, auf nachfragestarken Routen im Kurz- und Mittelstreckensegment die Produktionskosten pro angebotenem Sitzkilometer zu senken, was im preissensiblen Urlaubs- und ethnischen Verkehrsmarkt von zentraler Bedeutung ist.
Die kontinuierliche Diversifizierung der Flotte und frühere Großaufträge
Der jüngste Vertrag mit BOC Aviation ist Teil einer Reihe von kurz- und mittelfristigen Flottenbeschaffungen, die AJet in den vergangenen Monaten getätigt hat. Die Fluggesellschaft verfolgt dabei einen dualen Ansatz, der sowohl Flugzeuge von Airbus als auch von Boeing umfasst. Bereits im Dezember 2025 schloss das Unternehmen einen langfristigen Leasingvertrag mit Dubai Aerospace Enterprise über die Lieferung von zehn neuen Flugzeugen des Typs Boeing 737 MAX 8 ab. Zuvor war zudem eine Vereinbarung mit SMBC Aviation Capital über die Bereitstellung von fünf Airbus A320neo unterzeichnet worden.
Diese Mischung aus verschiedenen Flugzeugfamilien führt zu einer heterogenen Flottenstruktur. Laut Branchendaten von ch-aviation betreibt AJet aktuell eine Flotte von insgesamt 126 Flugzeugen. Diese umfasst neben den moderneren Varianten des Typs Airbus A321neo und Boeing 737 MAX 8 auch ältere Modelle wie den Airbus A320-200 und die weit verbreitete Boeing 737-800. Die parallele Nutzung zweier unterschiedlicher Flugzeugplattformen im Low-Cost-Segment gilt unter Luftfahrtexperten als untypisch, da sie im Vergleich zu reinen Einheitsflotten höhere Kosten für die Pilotenausbildung, die Bevorratung von Ersatzteilen und die technische Wartung verursacht.
Kritische Analyse der operativen Struktur und des Wetlease-Anteils
Ein genauerer Blick auf die operative Aufstellung von AJet offenbart erhebliche strukturelle Abhängigkeiten. Von den 126 betriebenen Flugzeugen befinden sich derzeit 64 Maschinen im sogenannten Wetlease. Das bedeutet, dass mehr als die Hälfte der angebotenen Kapazität von externen Partnerfluggesellschaften inklusive Cockpit- und Kabinenpersonal sowie Versicherung angemietet wird. Diese hohe Quote an Fremdkapazitäten ermöglicht zwar ein schnelles Wachstum ohne lange Vorlaufzeiten, birgt jedoch erhebliche Risiken hinsichtlich der Qualitätskontrolle, der Pünktlichkeit und der betrieblichen Flexibilität.
Die Reduzierung dieses hohen Wetlease-Anteils durch den Zulauf eigener Leasingmaschinen wie der nun vereinbarten Airbus A321neo gilt als eine der dringlichsten Aufgaben des Managements. Erst im Jahr 2024 war die Fluggesellschaft nach einer vollständigen Markenübertragung aus der ehemaligen AnadoluJet hervorgegangen und mit einer neuen Bemalung, einem modifizierten Logo und einem eigenständigen Markenauftritt am Markt positioniert worden. Die Transformation von einer internen Regionalmarke der Turkish Airlines zu einer eigenständig agierenden Billigfluggesellschaft erfordert eine Konsolidierung der internen Prozesse, die durch den hohen Anteil an Fremdoperteuren erschwert wird.
Langfristige Wachstumsziele und die Herausforderungen im Wettbewerb
Die langfristigen Pläne des Unternehmens sehen vor, die Flotte innerhalb der kommenden zehn Jahre auf insgesamt 200 Flugzeuge auszubauen. Das Streckennetz soll demnach Flüge in 44 Länder umfassen und sich auf 42 Inlandsrouten innerhalb der Türkei sowie 80 internationale Verbindungen erstrecken. Der Fokus liegt dabei auf der Verbindung anatolischer Großstädte sowie des Flughafens Istanbul-Sabiha Gökçen mit Zielen in West- und Mitteleuropa, dem Nahen Osten und den Staaten Nordafrikas.
Ob dieses Wachstum in dem prognostizierten Tempo realisiert werden kann, hängt maßgeblich von externen Faktoren ab. Der europäische und nahöstliche Luftverkehrsmarkt ist durch einen intensiven Verdrängungswettbewerb geprägt, in dem etablierte Low-Cost-Anbieter über erhebliche Größenvorteile verfügen. Zudem kämpfen die Triebwerkshersteller und Flugzeugbauer weiterhin mit Lieferverzögerungen, was die pünktliche Übergabe der geleasten Maschinen beeinträchtigen könnte. AJet steht somit vor der Herausforderung, die aggressive Expansion mit einer Stabilisierung des eigenen Flugbetriebs und einer Optimierung der Kostenstrukturen in Einklang zu bringen.