Inmitten wirtschaftlicher Turbulenzen und operativer Herausforderungen steht die belgische Fluggesellschaft Air Belgium vor einer entscheidenden Abstimmung ihrer Gläubiger, die das Schicksal des Unternehmens bestimmen könnte.
Der 4. September 2024 markiert einen kritischen Moment, an dem die Gläubiger über einen umfangreichen Reorganisationsplan entscheiden müssen. Dieser Plan, der im Rahmen eines gerichtlichen Reorganisationsverfahrens (procédure de réorganisation judiciaire – PRJ) ausgearbeitet wurde, könnte der letzte Rettungsanker für die angeschlagene Fluggesellschaft sein. Andernfalls droht Air Belgium die Insolvenz, was schwerwiegende Folgen für die Gläubiger und die Zukunft der Airline haben könnte.
Ein Plan zur Rettung: Die Eckpunkte des Reorganisationsplans
Der am 14. August 2024 fertiggestellte Reorganisationsplan von Air Belgium wurde in Zusammenarbeit mit dem unabhängigen Sanierungsexperten Bernard Vanham erstellt und zielt darauf ab, die finanzielle Stabilität des Unternehmens wiederherzustellen. Der Plan sieht eine klare Priorisierung der Fluggäste vor, die als Gläubiger der „Klasse H“ eingestuft sind und bis April 2025 eine vollständige Rückerstattung ihrer Gelder erhalten sollen. Diese Maßnahme ist bemerkenswert, da sie zeigt, dass Air Belgium großen Wert darauf legt, das Vertrauen ihrer Kunden zurückzugewinnen, auch wenn dies bedeutet, andere Gläubiger stärker zu belasten.
Andere Gläubigergruppen müssen hingegen erhebliche finanzielle Einbußen hinnehmen. Banken, die als Gläubiger der höheren Klassen gelten, müssen mit einer Kürzung ihrer Forderungen um 40 % rechnen. Noch drastischer sind die Kürzungen für Kreditgeber und Aktionäre, die bis zu 95 % ihrer Forderungen verlieren könnten. Diese harten Maßnahmen verdeutlichen die Schwere der finanziellen Krise, in der sich Air Belgium befindet, und die Entschlossenheit des Managements, das Unternehmen um jeden Preis zu retten.
Sollte der Plan von den Gläubigern angenommen werden, würde das gerichtliche Verfahren am 19. September 2024 abgeschlossen sein, und Air Belgium könnte mit der Rückzahlung der Forderungen beginnen. Eine Ablehnung des Plans würde jedoch die ohnehin prekäre finanzielle Lage des Unternehmens weiter verschlechtern und könnte letztlich zur Insolvenz führen.
Reaktionen und Bedenken der Gläubiger
Die Stimmung unter den Gläubigern ist gemischt. Während einige die Bemühungen von Air Belgium, eine geordnete Umstrukturierung zu erreichen, anerkennen, äußern andere Bedenken über die drastischen Einschnitte, die der Plan vorsieht. Besonders die Banken, die erhebliche Kredite an Air Belgium vergeben haben, könnten Schwierigkeiten haben, die vorgeschlagenen Kürzungen zu akzeptieren. Kreditgeber und Aktionäre, die fast ihren gesamten Einsatz verlieren würden, könnten ebenfalls Widerstand leisten.
Air Belgium selbst hat sich bisher nicht öffentlich zu den Details des Plans geäußert und verweist auf die Vertraulichkeit der Informationen. Ein Sprecher des Unternehmens betonte, dass der Schutz der Interessen von Partnern und Kunden oberste Priorität habe und dass man die Vertraulichkeit des Verfahrens respektiere.
Hintergrund der Krise: Was führte Air Belgium in diese Lage?
Air Belgium, gegründet 2016, hatte von Anfang an mit verschiedenen Herausforderungen zu kämpfen. Ursprünglich als eine Fluggesellschaft mit Fokus auf Langstreckenverbindungen konzipiert, musste das Unternehmen seine Strategie mehrfach anpassen, um auf die sich schnell verändernden Marktbedingungen zu reagieren. Die COVID-19-Pandemie verschärfte die Probleme zusätzlich, da der internationale Flugverkehr nahezu zum Erliegen kam und die Passagierzahlen dramatisch sanken.
Im September 2023 stellte Air Belgium den Passagierlinienflugbetrieb ein und verlagerte seine Ressourcen auf rentable Geschäftsfelder wie ACMI (Aircraft, Crew, Maintenance, Insurance)-Leasing für den Passagier- und Frachttransport. Trotz dieser Umstrukturierung und der Konzentration auf ein profitableres Geschäftsmodell gelang es der Fluggesellschaft nicht, ihre finanzielle Lage zu stabilisieren.
Ein weiteres Problem, das zur aktuellen Situation beitrug, war der fehlgeschlagene Versuch, eine strategische Partnerschaft mit der Sichuan Airlines Group einzugehen. Das chinesische Staatsunternehmen hatte Interesse an einer Investition in Air Belgium gezeigt, machte dies jedoch von einer Verbesserung der finanziellen Lage des belgischen Unternehmens abhängig. Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist unklar, ob diese Partnerschaft noch zustande kommen wird.
Die Zukunft von Air Belgium: Ein Balanceakt zwischen Rettung und Insolvenz
Die bevorstehende Abstimmung der Gläubiger wird entscheidend für die Zukunft von Air Belgium sein. Eine Zustimmung zum Reorganisationsplan könnte dem Unternehmen eine neue Chance geben, sich zu stabilisieren und langfristig wieder rentabel zu werden. Allerdings bleibt abzuwarten, ob die Gläubiger bereit sind, die erheblichen finanziellen Einbußen hinzunehmen, die der Plan vorsieht.
Falls der Plan abgelehnt wird, könnte dies das Ende von Air Belgium bedeuten, was nicht nur für die Mitarbeiter und Gläubiger, sondern auch für die belgische Luftfahrtbranche insgesamt einen herben Rückschlag darstellen würde. Die Auswirkungen einer möglichen Insolvenz würden weit über das Unternehmen hinausgehen und könnten auch das Vertrauen in den Luftfahrtsektor in Belgien beeinträchtigen.
Insgesamt zeigt der Fall Air Belgium, wie fragil die wirtschaftliche Lage vieler Fluggesellschaften ist und wie schnell externe Schocks, wie die Pandemie, Unternehmen in existenzielle Krisen stürzen können. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob Air Belgium einen Weg aus der Krise findet oder ob das Unternehmen letztlich den Betrieb einstellen muss.