Die australische Luftfahrtbranche steht aufgrund einer geplanten Partnerschaft zwischen der Qantas-Gruppe und Qatar Airways vor einer neuen Herausforderung. Im Zentrum dieser Partnerschaft steht der Erwerb eines 25-prozentigen Anteils von Qatar Airways an Virgin Australia sowie die Wiederaufnahme von Langstreckenflügen durch die zweitgrößte Fluggesellschaft Australiens.
Doch diese potenzielle Zusammenarbeit ist nicht ohne Kontroversen. Qantas, Australiens größte Fluggesellschaft, hat ihre Zustimmung zu diesem Schritt zwar nicht verweigert, jedoch erhebt das Unternehmen Bedenken hinsichtlich des Wettbewerbs und möglicher Auswirkungen auf die heimische Luftfahrtindustrie. Besonders im Fokus stehen dabei die Bedingungen des sogenannten Wet-Lease-Modells und die Frage nach möglichen Auswirkungen auf den australischen Arbeitsmarkt.
Die geplante Partnerschaft zwischen Qatar Airways und Virgin Australia
Qatar Airways, die weltweit größte Golf-Fluggesellschaft, strebt an, einen Anteil von 25 Prozent an Virgin Australia zu erwerben. Dies ist Teil eines größeren Plans, Virgin Australia bei der Wiederaufnahme von Langstreckenflügen zu unterstützen. Dazu sollen geleaste Boeing 777-Flugzeuge von Qatar Airways verwendet werden. Die australische Wettbewerbs- und Verbraucherschutzbehörde (ACCC) sowie das Australian Foreign Investment Review Board prüfen derzeit diese geplante Partnerschaft. Dabei wird insbesondere die Art des Wet-Lease-Modells, das im Rahmen der Vereinbarung genutzt werden soll, unter die Lupe genommen.
Ein Wet-Lease-Vertrag bedeutet, dass eine Fluggesellschaft, in diesem Fall Virgin Australia, ein Flugzeug samt Crew und Personal von einer anderen Fluggesellschaft mietet. In diesem Fall würde Virgin Australia also Flugzeuge und Besatzungen von Qatar Airways übernehmen. Der Vorteil eines solchen Modells liegt in der schnellen Erweiterung der Kapazitäten, ohne dass die Fluggesellschaft in eigene Crews und Flugzeuge investieren muss. Für Virgin Australia könnte dies eine schnelle Möglichkeit sein, Langstreckenflüge wieder anzubieten und damit verlorene Marktanteile zurückzugewinnen, nachdem das Unternehmen während der COVID-19-Pandemie und der anschließenden Restrukturierung einen erheblichen Teil seines internationalen Geschäfts verloren hatte.
Qantas‘ Vorbehalte gegenüber der Wet-Lease-Vereinbarung
Qantas hat sich in einer Stellungnahme an die ACCC mit einer klaren Botschaft zu Wort gemeldet. Der CEO der Qantas-Gruppe, Cam Wallace, äußerte seine Anerkennung für die positiven Auswirkungen, die die Wiederaufnahme von Langstreckenflügen durch Virgin Australia auf die australische Luftfahrtindustrie haben könnte. Dies sei insbesondere für die Verbraucher und den Wettbewerb in Australien von Nutzen. Dennoch zeigte sich Qantas kritisch gegenüber der langfristigen Nutzung von Wet-Lease-Verträgen, die ihrer Meinung nach potenziell den Wettbewerb verzerren könnten.
Ein zentrales Argument von Qantas betrifft den Einsatz von katarischen Piloten und Besatzungsmitgliedern, deren Arbeitsbedingungen und Gehälter im Vergleich zu denen der australischen Besatzungen wesentlich schlechter seien. Wallace warnte, dass dies Virgin Australia dazu verleiten könnte, Langstreckenflüge dauerhaft mit günstigeren, ausländischen Arbeitskräften durchzuführen, statt in die Ausbildung und Beschäftigung von australischen Crews zu investieren. Qantas befürchtet, dass dieser Umstand langfristig dazu führen könnte, dass die australischen Arbeitskräfte in der Luftfahrtbranche benachteiligt würden.
Zudem weckt der Wet-Lease-Vertrag Bedenken, dass er als ein Schlupfloch genutzt werden könnte, um die strengen australischen Luftverkehrsgesetze zu umgehen. Ohne klare zeitliche Begrenzung könnte dies dazu führen, dass Wet-Lease-Modelle auf unbestimmte Zeit weitergeführt werden, was die Wettbewerbsbedingungen im australischen Luftverkehr erheblich verändern könnte. Laut Wallace könnten solche Vereinbarungen langfristig dazu führen, dass bilaterale Luftverkehrsabkommen, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs das Fundament des internationalen Flugverkehrs bilden, in Frage gestellt werden.
Reaktionen und Unterstützung aus der Branche
Trotz der Bedenken von Qantas haben verschiedene australische Institutionen und Unternehmen Unterstützung für die geplante Partnerschaft geäußert. Mehrere Flughäfen, darunter der Flughafen Adelaide, der Flughafen Brisbane und der Sydney Airport, sowie die Australian Travel Industry Association (ATIA) haben Stellungnahmen abgegeben, in denen sie die Vorteile der Partnerschaft betonen. Besonders hervorgehoben wird die Schaffung neuer Kapazitäten für Langstreckenflüge, die das Luftverkehrsangebot in Australien verbessern und den Wettbewerb auf internationalen Routen stärken würden. Die ATIA fordert jedoch auch, dass jegliche Preisabsprachen zwischen den beteiligten Fluggesellschaften ausgeschlossen werden müssen, um eine faire Marktstellung zu gewährleisten.
Auf der anderen Seite gibt es auch kritische Stimmen, die vor allem die langfristige Nutzung von Wet-Lease-Vereinbarungen und den Einsatz ausländischer Arbeitskräfte anprangern. Insbesondere das Fehlen von zeitlichen Begrenzungen für die Wet-Lease-Verträge wird als Problem angesehen, da dies den australischen Arbeitsmarkt und die Luftfahrtindustrie destabilisieren könnte.
Qantas und der strategische Einfluss von Qatar Airways
Die Entscheidung von Qatar Airways, in Virgin Australia zu investieren, steht nicht isoliert. Qatar Airways hat in den letzten Jahren wiederholt versucht, seine Präsenz auf dem australischen Markt zu erweitern. Bereits zuvor hatte die Fluggesellschaft ihre Forderungen nach einer Erhöhung der Flugfrequenzen auf Australien-Routen durchgesetzt, was zu Spannungen mit Qantas geführt hatte. Durch die Beteiligung an Virgin Australia könnte Qatar Airways nun eine noch stärkere Position im Wettbewerb mit Qantas einnehmen.
Für Qantas bedeutet dies eine zusätzliche Herausforderung im ohnehin umkämpften australischen Luftverkehrsmarkt. Das Unternehmen muss nicht nur den Wettbewerb mit internationalen Fluggesellschaften wie Qatar Airways und Emirates annehmen, sondern auch auf die wachsende Bedeutung von Virgin Australia und deren Kooperation mit Qatar reagieren.
Die geplante Partnerschaft zwischen Qatar Airways und Virgin Australia könnte weitreichende Auswirkungen auf die australische Luftfahrtindustrie haben. Die Wiederaufnahme von Langstreckenflügen durch Virgin Australia könnte den Wettbewerb stärken und den Markt für australische Verbraucher bereichern. Dennoch gibt es erhebliche Bedenken, insbesondere in Bezug auf die langfristigen Auswirkungen von Wet-Lease-Vereinbarungen und den möglichen Einsatz von ausländischen Arbeitskräften. Qantas fordert daher eine genauere Prüfung der Vereinbarung, um sicherzustellen, dass der Wettbewerb auf dem australischen Markt nicht zu Ungunsten der heimischen Luftfahrtindustrie und der Arbeitskräfte verzerrt wird.