Die finnische Fluggesellschaft Finnair hat angekündigt, 36 ihrer Langstreckenpiloten in Kurzarbeit zu schicken. Die Massnahme tritt spätestens Ende September 2025 in Kraft und wird voraussichtlich mindestens bis Mai 2026 andauern. Hintergrund sind Änderungen im Wetlease-Geschäft der Airline, die auf andauernde Arbeitskampfmassnahmen der Piloten zurückzuführen sind. Die Entwicklung stellt für Finnair eine erneute Herausforderung dar, während sich die Branche allgemein weiterhin von den schweren Verwerfungen der letzten Jahre zu erholen versucht.
Finnair hatte bislang zwei Strecken im Rahmen eines Wetlease-Abkommens für eine Partnerfluggesellschaft betrieben. Wetlease-Modelle, bei denen Flugzeuge samt Crew von einer Airline an eine andere vermietet werden, stellen für viele Fluggesellschaften eine wichtige Einnahmequelle dar. Infolge anhaltender Streiks und anderer Arbeitskampfhandlungen durch die Pilotengewerkschaft seit Dezember 2024 wurde die Durchführung dieser Flüge jedoch zunehmend unzuverlässig.
Wie Jaakko Schildt, Chief Operating Officer von Finnair, erläuterte, habe diese Situation die Zuverlässigkeit des Angebots gegenüber dem Partner erheblich beeinträchtigt. „Leider haben die Arbeitskampfmaßnahmen der Piloten unsere Fähigkeit beeinträchtigt, unseren Wetlease-Betrieb mit der erforderlichen Zuverlässigkeit durchzuführen. Dies hat zu Änderungen in unserer Zusammenarbeit und infolgedessen zur Notwendigkeit geführt, einige unserer Piloten zu beurlauben“, erklärte Schildt.
Zukünftig wird die Kooperation mit dem Partner nur noch auf einer Strecke fortgesetzt, was den Personalbedarf bei Finnair spürbar reduziert. Die Massnahme betrifft ausschliesslich das Langstreckensegment, da die Wetlease-Vereinbarungen ausschliesslich Langstreckenflüge umfassten.
Hintergründe des Arbeitskampfes
Seit Dezember 2024 befinden sich die Finnair-Piloten in einem Arbeitskampf, der sich vorrangig auf Themen wie Arbeitsbedingungen, Vergütung und Einsatzzeiten konzentriert. Nach Angaben der Pilotengewerkschaft verlangen die Piloten insbesondere eine Verbesserung der Dienstpläne sowie Anpassungen an internationale Standards im Bereich der Entlohnung.
Trotz mehrfacher Verhandlungsrunden zwischen der Pilotengewerkschaft und der Unternehmensleitung konnten bislang keine durchgreifenden Einigungen erzielt werden. Während Finnair nach eigenen Angaben versuchte, den Konflikt durch Kompromissvorschläge zu lösen, beklagt die Gewerkschaft eine unzureichende Bereitschaft des Unternehmens, zentrale Forderungen der Piloten zu berücksichtigen.
Branchenkenner bewerten die Situation als angespannt. In einem aktuellen Bericht des finnischen Wirtschaftsblattes Kauppalehti wird darauf hingewiesen, dass die Pilotengewerkschaft angesichts der wirtschaftlichen Erholung der Fluggesellschaft nach der Pandemie stärkere Positionen beanspruche und mit Nachdruck Verbesserungen anstrebe.
Auswirkungen auf Finnair und die Piloten
Die Entscheidung, 36 Piloten in Kurzarbeit zu schicken, ist nicht nur ein betriebswirtschaftlicher Schritt, sondern hat auch erhebliche persönliche Konsequenzen für die betroffenen Mitarbeiter. Die Kurzarbeit bedeutet für sie reduzierte Arbeitszeiten und Einkommensverluste über einen langen Zeitraum hinweg.
Für Finnair selbst bedeutet die Reduzierung des Pilotenbestandes auf absehbare Zeit eine flexiblere Anpassung an die veränderten Geschäftsbedingungen im Wetlease-Segment. Gleichzeitig bleibt ein Restrisiko bestehen, dass weitere Arbeitskampfmassnahmen die Stabilität des Betriebs beeinträchtigen könnten, insbesondere wenn sich die Verhandlungen zwischen Unternehmen und Gewerkschaft weiterhin in die Länge ziehen.
Auch das Image der Fluggesellschaft könnte durch den langanhaltenden Konflikt Schaden nehmen. Laut einer Analyse des Marktforschungsunternehmens Taloustutkimus bewerten derzeit 27 Prozent der Finnen Finnair kritischer als noch vor einem Jahr, unter anderem aufgrund der häufigeren Flugausfälle und der wahrgenommenen Unsicherheiten im Betrieb.
Wetlease-Markt unter Druck
Der Wetlease-Markt befindet sich aktuell europaweit unter Druck. Viele Airlines haben nach der Pandemie auf Wetlease-Kooperationen gesetzt, um schnell auf Nachfragesteigerungen reagieren zu können, ohne selbst die gesamte Flottenkapazität vorhalten zu müssen. Gleichzeitig sind Arbeitskräfte – insbesondere Piloten – in mehreren Ländern knapp, was das Modell zunehmend erschwert.
Finnairs Rückzug aus Teilen des Wetlease-Geschäfts steht somit auch im Kontext einer allgemeinen Marktentwicklung. Laut einem aktuellen Bericht der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) erwarten Experten, dass Wetlease-Modelle in den kommenden Jahren stärker konsolidiert werden und zunehmend auf grössere, spezialisierte Anbieter übergehen.
Ein langfristiger Konflikt?
Ob der Konflikt bei Finnair zeitnah beigelegt werden kann, bleibt ungewiss. Beobachter wie der finnische Arbeitsrechtsexperte Jukka Ahtela halten eine baldige Einigung für möglich, mahnen jedoch auch an, dass verfestigte Fronten und Vertrauensverluste auf beiden Seiten die Verhandlungen erheblich erschweren könnten.
Finnair selbst betont, dass die Kurzarbeit als temporäre Massnahme angelegt sei und man bestrebt sei, die betroffenen Piloten nach Möglichkeit rasch wieder vollständig einzusetzen. Zugleich wird betont, dass eine vollständige Wiederherstellung der Wetlease-Kooperationen ohne Lösung der zugrunde liegenden Arbeitskonflikte unrealistisch sei.
Eine weitere Eskalation könnte jedoch auch finanzielle Folgen für die Fluggesellschaft haben, insbesondere wenn geplante Einnahmen aus Wetlease-Vereinbarungen endgültig wegbrechen oder zusätzliche Streikmassnahmen den Betrieb auf anderen Strecken beeinträchtigen.
Die Entscheidung von Finnair, 36 Langstreckenpiloten in Kurzarbeit zu schicken, ist ein Symptom eines tieferliegenden Konfliktes, der nicht nur die finnische Fluggesellschaft betrifft, sondern auch auf breitere Herausforderungen in der Luftfahrtbranche verweist. Arbeitskonflikte, Fachkräftemangel und die Neustrukturierung von Geschäftsmodellen stellen Unternehmen europaweit vor erhebliche Aufgaben.
Finnair wird in den kommenden Monaten zeigen müssen, ob es gelingt, durch konsensorientierte Verhandlungen eine Rückkehr zur Stabilität zu erreichen. Für die betroffenen Piloten und ihre Familien bedeutet die aktuelle Situation jedoch bereits jetzt eine Phase der Unsicherheit und wirtschaftlichen Einbußen.