Boeing 737-800 (Foto: Getjet Airlines).
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Zwischenfall in Norwegen: GetJet Airlines Boeing 737 kippt am Heck nach Landung

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Ein ungewöhnlicher Zwischenfall ereignete sich am 10. Juni 2025 auf dem Flughafen Haugesund Karmøy (HAU) in Norwegen. Eine Boeing 737-800 der litauischen Fluggesellschaft GetJet Airlines, die im Rahmen eines sogenannten Wet-Lease-Vertrages für Wizz Air Flüge durchführte, kippte nach der Landung während des Entladevorganges auf das Heck.

Der Vorfall, der durch ein Ungleichgewicht in der Gewichtsverteilung im hinteren Bereich des Flugzeuges verursacht wurde, führte zu einer leichten Beschädigung am Heck des Flugzeuges. Die Maschine wurde inzwischen zur Wartung in die litauische Stadt Šiauliai überführt, wo sie einer technischen Überprüfung unterzogen wird, bevor sie voraussichtlich wieder in den Dienst zurückkehren kann.

Der Vorfall im Detail: Ein Hecklastiges Gleichgewichtsproblem

Am besagten 10. Juni 2025 absolvierte die GetJet Airlines Boeing 737-800 mit der Registrierung LY-UNO den Wizz Air Flug W6 1749 vom Lech Wałęsa Flughafen in Danzig (GDN) nach Haugesund Karmøy. Nach der planmäßigen Landung um 12:00 Uhr Ortszeit (UTC +2) und während der anschließenden Entladung der Passagiere und des Gepäcks kam es zu dem ungewöhnlichen Zwischenfall. Die Maschine neigte sich plötzlich nach hinten und kippte auf ihr Heck.

Jan Ove Solstrand, der Betriebsleiter des Flughafens Haugesund, erklärte gegenüber dem lokalen Nachrichtenmagazin Radio Haugaland, daß das Flugzeug aufgrund eines Gewichtsungleichgewichtes auf das Heck kippte. Eine zu hohe Beladung im hinteren Teil der Boeing 737-800 führte dazu, daß der Schmalrumpfjet am norwegischen Flughafen auf seinem Heck zu liegen kam. Dies ist ein seltenes, aber bekanntes Phänomen, das bei Flugzeugen auftreten kann, wenn die Schwerpunktlage während des Be- und Entladens nicht korrekt überwacht wird, insbesondere wenn der vordere Bereich des Flugzeuges bereits entladen ist, während der hintere Bereich noch voll beladen ist.

Der Zwischenfall führte nach Angaben von Solstrand zu einer Delle im hinteren Bereich des Flugzeugrumpfes. Die GetJet Airlines, der Betreiber der 737-800, veranlaßte umgehend die Überführung des Jets zurück nach Litauen, um eine umfassende technische Überprüfung des Rumpfes durchzuführen. Solche Überprüfungen sind nach derartigen Vorfällen Standard, um die strukturelle Integrität des Flugzeuges sicherzustellen, selbst wenn die Beschädigungen auf den ersten Blick gering erscheinen.

Betriebliche Reaktion und Ersatzflug: Eine zeitliche Verzögerung für Reisende

Die Sicherheit der Passagiere hat bei solchen Zwischenfällen oberste Priorität. Unmittelbar nach dem Kippen des Flugzeuges wurde die Maschine stillgelegt, um den Vorfall zu untersuchen und weitere Schäden zu verhindern. Dies hatte natürlich Auswirkungen auf den nachfolgenden Flug. GetJet Airlines traf die Entscheidung, für den Rückflug W6 1750 von Haugesund nach Danzig eine Ersatzmaschine einzusetzen.

Ein Airbus A321ceo mit der Registrierung LY-WSA wurde vom Flughafen Vilnius (VNO) in Litauen nach Haugesund überführt. Daten des Flugverfolgungsdienstes ADS-B Exchange zeigten, daß der Ersatz-A321 die litauische Hauptstadt gegen 18:00 Uhr Ortszeit (UTC +3) verließ und gegen 18:58 Uhr am 10. Juni auf dem norwegischen Flughafen landete. Nach der Ankunft und der Vorbereitung hob der Wizz Air Flug W6 1750 dann um 20:50 Uhr von Haugesund ab und landete um 22:12 Uhr in Polen. Dies bedeutete eine erhebliche Verzögerung für die Passagiere, da der planmäßige Landezeitpunkt in Danzig ursprünglich für 14:10 Uhr vorgesehen war, was eine Verspätung von rund acht Stunden zur Folge hatte. Der betroffene Boeing 737-800, der in den Heckkipp-Zwischenfall verwickelt war, wurde am 11. Juni von GetJet Airlines unter der Flugnummer GW802 zum internationalen Flughafen Šiauliai (SQQ) überführt und landete dort um 20:06 Uhr.

Solche Zwischenfälle, obwohl selten, können zu erheblichen Störungen im Flugplan führen und zeigen die Notwendigkeit robuster Notfallpläne und schneller Reaktionen der Fluggesellschaften, um die Auswirkungen für die Passagiere zu minimieren. Die Nutzung von Wet-Lease-Verträgen, bei denen eine Fluggesellschaft (der Leasinggeber) nicht nur das Flugzeug, sondern auch die Besatzung und oft auch die Wartung für eine andere Fluggesellschaft (den Leasingnehmer) stellt, ist in der Luftfahrtbranche weit verbreitet, um Kapazitätsengpässe zu überbrücken oder saisonale Nachfragespitzen zu bedienen.

Wet-Lease-Vereinbarungen: GetJet Airlines und Wizz Air im Fokus

Der Vorfall rückt die Wet-Lease-Beziehung zwischen GetJet Airlines und Wizz Air ins Licht. GetJet Airlines ist eine litauische Fluggesellschaft, die sich auf Charterflüge und Wet-Lease-Dienste für Reiseveranstalter und andere Fluggesellschaften spezialisiert hat. Wet-Leasing ist eine Form des Leasing, bei der das Flugzeug samt Besatzung (Piloten und Flugbegleiter), Wartung und Versicherung an eine andere Fluggesellschaft vermietet wird. Dies unterscheidet sich vom Dry-Lease, bei dem nur das Flugzeug ohne Besatzung vermietet wird.

Wizz Air, eine ungarische Billigfluggesellschaft mit einem umfangreichen Netzwerk in Europa, hat in jüngster Zeit vermehrt auf Wet-Lease-Vereinbarungen zurückgegriffen. Dies ist insbesondere auf Kapazitätsengpässe zurückzuführen, die das Unternehmen aufgrund der beschleunigten Ausbauten und Inspektionen von Flugzeugen der Airbus A320neo-Familie mit Pratt & Whitney PW1100G-Triebwerken erlebt. Diese Triebwerksprobleme haben dazu geführt, daß zahlreiche Flugzeuge weltweit vorübergehend stillgelegt werden mußten, um notwendige Kontrollen und Wartungsarbeiten durchzuführen. Um den Flugplan aufrechtzuerhalten und die Auswirkungen auf die Passagiere zu minimieren, greifen Fluggesellschaften wie Wizz Air auf Wet-Leasing zurück.

Nach Angaben von ch-aviation hatte Wizz Air zum Zeitpunkt des Vorfalls lediglich zwei Flugzeuge von GetJet Airlines im Wet-Lease-Betrieb. Die in den Vorfall verwickelte Boeing 737-800 nahm ihre Flüge im Auftrag von Wizz Air am 27. Mai auf. Der andere GetJet-Airbus A321 wurde bereits vom 30. März bis zum 18. April für Wizz Air eingesetzt, dann erneut vom 16. bis 26. Mai und schließlich wieder ab dem 10. Juni, dem Tag des Heckkipp-Zwischenfalls in Haugesund. Dies zeigt, wie kurzfristig und flexibel solche Leasingverträge gestaltet sein können, um auf unvorhergesehene Kapazitätslücken zu reagieren.

Šiauliai: Ein Flughafen mit militärischer und ziviler Bedeutung und Wartungsbasis

Der Flughafen Šiauliai International (SQQ) in Litauen, an dem die beschädigte GetJet Boeing 737-800 zur Wartung überführt wurde, ist ein Ort von besonderer Bedeutung. Es handelt sich um einen Dual-Use-Flughafen, der sowohl für zivile als auch für militärische Zwecke genutzt wird. Seit dem Beitritt Litauens, Estlands und Lettlands zum Militärbündnis NATO im Jahre 2004 dient Šiauliai als Hauptbasis für die NATO-Mission zur Luftraumüberwachung im Baltikum (Baltic Air Policing). Von hier aus starten Kampfflugzeuge von NATO-Staaten, um den Luftraum über den baltischen Staaten zu sichern, die über keine eigene umfangreiche Luftverteidigung verfügen.

Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 verstärkte die NATO ihre Präsenz in der Region und etablierte eine zusätzliche Luftraumüberwachungsmission auf dem Luftwaffenstützpunkt Ämari in Estland. Dies unterstreicht die strategische Wichtigkeit von Šiauliai für die regionale Sicherheit.

Neben seiner militärischen Funktion beherbergt der Flughafen auch zivile Unternehmen, darunter Aviatic MRO, ein Wartungs- und Überholungsunternehmen (Maintenance, Repair, and Overhaul – MRO). Aviatic MRO eröffnete seine Einrichtung im August 2023 und bietet ein breites Spektrum an Wartungsdienstleistungen an, darunter sogenannte Basiswartungen, die „Struktur- und Verbundreparaturen, Korrosionsschutzprogrammprüfungen“, Linienwartungen, sowie Dienstleistungen im Bereich des fortgesetzten Lufttüchtigkeitsmanagements (CAMO) und Lösungen für Lieferketten- und Bestandsmanagement umfassen.

GetJet Airlines hatte Aviatic MRO als Wartungspartner gewählt, wobei das Unternehmen betonte, daß „A-Klasse-Service und Zuverlässigkeit unserer Flotte unsere Priorität sind.“ Die Wartungsbasis in Šiauliai wird von GetJet Airlines als strategisch günstig gelegen angesehen, da sie nur drei Stunden von wichtigen europäischen Drehkreuzen entfernt ist. Die Einrichtung ist darauf ausgelegt, eine umfassende Palette von Dienstleistungen anzubieten, darunter Linien- und Basiswartung sowie geplante schwere Wartungsprüfungen und Übergabe-/Rückgabe-Prüfungen von Flugzeugen. GetJet Airlines hatte bereits angekündigt, daß die Wartungsarbeiten an ihren Flugzeugen während der damals bevorstehenden Wintersaison in Šiauliai beginnen würden. Die Überführung der beschädigten Boeing 737-800 nach Šiauliai zur Inspektion und Reparatur ist somit eine logische Konsequenz der bestehenden Partnerschaft und der Verfügbarkeit spezialisierter Wartungsdienste vor Ort.

Lehren aus dem Zwischenfall und die Bedeutung der Lastverteilung

Der Zwischenfall am Flughafen Haugesund, bei dem die Boeing 737-800 auf das Heck kippte, erinnert an ähnliche Vorkommnisse in der Luftfahrtgeschichte, auch wenn sie selten sind. So kippte beispielsweise im April 2024 ein Airbus A321 von JetBlue an einem Gate auf dem New Yorker Flughafen JFK auf das Heck. Solche Ereignisse unterstreichen die kritische Bedeutung der korrekten Lastverteilung und des Schwerpunkts eines Flugzeuges, insbesondere während der Be- und Entladevorgänge am Boden.

Flugzeuge sind so konstruiert, daß ihr Schwerpunkt innerhalb bestimmter Grenzen liegen muß, um sicher zu fliegen und am Boden stabil zu stehen. Ein übermäßiges Gewicht im hinteren Bereich, während der vordere Bereich entlastet wird, kann dazu führen, daß das Flugzeug nach hinten kippt. Dies kann durch menschliches Versagen, unzureichende Verfahren oder ungenaue Gewichts- und Schwerpunktberechnungen verursacht werden. Fluggesellschaften und Bodenabfertigungsunternehmen schulen ihr Personal intensiv in diesen Verfahren, um solche Zwischenfälle zu vermeiden. Der Vorfall in Haugesund wird zweifellos eine interne Untersuchung nach sich ziehen, um die genauen Umstände zu klären und gegebenenfalls die Verfahren zur Lastverteilung weiter zu optimieren, um solche Ereignisse in Zukunft auszuschließen. Es ist ein seltenes, aber ernstzunehmendes Ereignis, das die ständige Wachsamkeit im Flugbetrieb unterstreicht.

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