Boeing 737-800 (Foto: Konstantin von Wedelstaedt).
Redakteur
Letztes Update
Give a coffee
Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee einladen.
Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.
Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Hinweise wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.
Ihr
Aviation.Direct-Team

Vorwürfe gegen Air India Express: Missachtung von EASA-Anweisungen und mutmaßliche Dokumentenfälschung enthüllt

Werbung

Ein vertrauliches Regierungsdokument, das Reuters vorliegt, offenbart gravierende Vorwürfe gegen Air India Express, die Billigflugtochter von Air India. Demnach soll die Fluggesellschaft eine Anweisung der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (EASA) zur Wartung von Triebwerken an ihren Airbus A320-Flugzeugen ignoriert und anschließend Dokumente gefälscht haben, um Konformität vorzutäuschen.

Diese Enthüllung kommt nur wenige Monate nach dem tragischen Absturz einer Boeing 787-8 Dreamliner von Air India, der die Sicherheit der indischen Luftfahrt bereits unter verstärkte Beobachtung rückt. Während die indische Luftfahrtbehörde DGCA Air India Express bereits gerügt hat, verstärken die neuen Vorwürfe die Sorgen internationaler Aufsichtsbehörden hinsichtlich der Transparenz und Gründlichkeit der Sicherheitsstandards im indischen Luftverkehr.

EASA-Direktive ignoriert: Ein Fall von mutmaßlicher Dokumentenfälschung

Die Vorwürfe gegen Air India Express sind schwerwiegend und könnten weitreichende Konsequenzen für das Ansehen und die Betriebssicherheit der Fluggesellschaft haben. Im Jahre 2023 hatte die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) die Lufttüchtigkeitsanweisung 2023-0108 für CFM International LEAP-1A-Triebwerke erlassen. Diese Anweisung forderte den Austausch spezifischer Komponenten. Hintergrund war eine Untersuchung des Herstellers, die ergeben hatte, daß einige Teile, darunter Hochdruckturbinenstufen-1-Scheiben (HPT), vordere Außendichtungen und Kompressorrotorstufen 6–10 Spulen, aus Material mit reduzierter Festigkeit aufgrund von Eisenverunreinigungen hergestellt worden sein könnten. Solche Mängel können die Integrität der Triebwerke beeinträchtigen und stellen ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar.

Ein vertrauliches Memo der indischen Regierung, das im März 2025 an die Billigfluggesellschaft geschickt und von Reuters eingesehen wurde, enthüllte nun, daß eine Überwachung durch die indische Luftfahrtaufsichtsbehörde DGCA ergeben habe, daß die erforderliche Triebwerksmodifikation an einem Airbus A320neo von Air India Express mit der Registrierung VT-ATD nicht innerhalb der festgelegten Frist abgeschlossen worden war. Noch gravierender ist der Zusatz in dem Memo, daß „um zu zeigen, daß die Arbeit innerhalb der vorgeschriebenen Grenzen ausgeführt wurde, die AMOS-Aufzeichnungen anscheinend geändert/gefälscht wurden“. AMOS ist ein häufig verwendetes Softwarepaket für die Wartungsplanung und -dokumentation in der Luftfahrt. Die Fälschung solcher Aufzeichnungen würde eine bewußte Mißachtung von Sicherheitsvorschriften darstellen und einen schweren Vertrauensbruch gegenüber den Aufsichtsbehörden.

Die betroffene VT-ATD ist ein fünf Jahre altes Schmalrumpfflugzeug, das von AerCap geleast wurde. Seit 2023 fliegt es unter dem Markenauftritt von Air India Express, nachdem es zuvor von AIX Connect betrieben wurde (die 2024 mit Air India Express fusionierte). Laut Daten von ch-aviation hatte das Flugzeug am 30. September 2023 insgesamt 14.159 Flugstunden und 6.930 Flugzyklen absolviert. Die DGCA hat Air India Express daraufhin gerügt. Air India Express teilte Reuters mit, daß man den Fehler gegenüber der Regulierungsbehörde eingeräumt und „Abhilfemaßnahmen und präventive Maßnahmen ergriffen“ habe.

Der jüngste Dreamliner-Absturz und die Folgen für die indische Luftfahrtsicherheit

Die Enthüllungen über Air India Express kommen zu einem Zeitpunkt, zu dem die indische Luftfahrtsicherheit ohnehin unter intensiver Beobachtung steht. Am 12. Juni 2025 ereignete sich der tragische Absturz einer Boeing 787-8 Dreamliner von Air India, bei dem 241 der 242 Insassen ums Leben kamen. Dieses Unglück löste eine breite Debatte über die Sicherheitsstandards in der indischen Zivilluftfahrt aus.

Als Reaktion auf den Absturz hat das indische Oberhaus des Parlaments eine umfassende Sicherheitsüberprüfung des zivilen Luftfahrtsektors des Landes vorgeschlagen. Ein von Reuters eingesehener Entwurf des Memos besagt, daß Flughafenbetreiber, Fluglotsen und Fluggesellschaften, darunter Air India und IndiGo, aufgefordert wurden, an dieser Überprüfung teilzunehmen, um die Sicherheitsstandards zu verbessern. Dies zeigt, daß die indische Regierung die Notwendigkeit einer gründlichen Untersuchung und möglicher Reformen erkannt hat.

Zusätzlich zu den internen Bemühungen haben auch westliche Luftfahrtaufsichtsbehörden in den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich und Frankreich Bedenken hinsichtlich der Transparenz der von indischen Behörden geführten Untersuchung des Boeing 787 Dreamliner-Absturzes geäußert. Zwei mit der Angelegenheit vertraute Quellen berichteten der italienischen Zeitung Corriere della Sera, daß es hinter den Kulissen Befürchtungen gebe, lokale politische Zwänge könnten die Untersuchung und ihren Abschlußbericht beeinflussen.

Diese Bedenken entstanden insbesondere nach der Handhabung der beiden Black Boxes, die entgegen internationaler Gepflogenheiten nicht zur Analyse in die Vereinigten Staaten oder nach Frankreich geschickt wurden, obwohl beide Länder über anerkannte Expertise in diesem Bereich verfügen. Zusätzlich dazu wurde die Ablehnung von Beobachtern der Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO), an der Untersuchung teilzunehmen, kritisiert. Solche Maßnahmen können den Eindruck erwecken, daß eine umfassende und unabhängige Untersuchung nicht vollständig gewährleistet ist, was das Vertrauen in die Ergebnisse untergraben könnte.

Air India Express im Wandel: Teil des Tata-Konzerns

Air India Express wurde im Jahre 2005 als Billigflugtochter von Air India gegründet. Im Jahre 2022 wurde die Muttergesellschaft Air India offiziell vom Tata-Konzern übernommen. Diese Übernahme weckte Hoffnungen, daß das Geschäftsgeschick des Tata-Konzerns, eines der größten indischen Konglomerate, dazu beitragen würde, Air India und ihre Billigflugtochter Air India Express zu „Weltklasse-Fluggesellschaften“ zu entwickeln. Die Tata Group hat sich zum Ziel gesetzt, die Effizienz und Qualität der Fluggesellschaften deutlich zu verbessern und sie auf eine globale Ebene zu heben.

Air India Express betreibt laut ch-aviation eine Flotte von 114 Flugzeugen. Diese Flotte umfaßt eine Mischung aus verschiedenen Flugzeugtypen, darunter 49 Boeing 737 MAX 8, 26 Boeing 737-800, 24 Airbus A320-200, 12 Airbus A320neo und drei Airbus A321neo Schmalrumpfflugzeuge. Diese Diversifizierung der Flotte ermöglicht es der Fluggesellschaft, verschiedene Streckenprofile und Passagierzahlen zu bedienen. Mit Blick auf die Zukunft erwartet die Fluggesellschaft laut ch-aviation zudem die Auslieferung von weiteren 50 Boeing 737 MAX 10 und 91 Boeing 737 MAX 8. Diese umfangreichen Bestellungen zeigen die ambitionierten Wachstumspläne von Air India Express und das Vertrauen des Tata-Konzerns in das Potential des indischen Luftverkehrsmarktes.

Die aktuellen Vorwürfe und die Bedenken hinsichtlich der Sicherheit könnten jedoch einen Schatten auf diese Wachstumspläne werfen und die Bemühungen des Tata-Konzerns, die Airlines zu reformieren, erschweren. Das Vertrauen in die Sicherheitsstandards ist für jede Fluggesellschaft von größter Bedeutung, insbesondere im internationalen Luftverkehr.

Ein Weckruf für die indische Luftfahrt

Die Enthüllungen über die mutmaßliche Mißachtung von EASA-Direktiven und Dokumentenfälschung bei Air India Express sind ein ernster Rückschlag für das Image der indischen Luftfahrt und des Tata-Konzerns, der sich vorgenommen hat, die Airlines zu Weltklasse-Niveau zu führen. In Kombination mit den internationalen Bedenken zur Untersuchung des jüngsten Dreamliner-Absturzes ergibt sich ein Bild, das dringenden Handlungsbedarf in der indischen Luftfahrt unterstreicht.

Die Forderung nach einer umfassenden Sicherheitsüberprüfung durch das indische Parlament ist ein notwendiger Schritt. Es ist entscheidend, daß diese Überprüfung transparent und unabhängig erfolgt, um das Vertrauen der internationalen Luftfahrtgemeinschaft und der Passagiere in die Sicherheit des indischen Luftraums und seiner Fluggesellschaften wiederherzustellen. Nur so kann Indien seine ambitionierten Wachstumsziele im Luftverkehr nachhaltig erreichen und seine Rolle als aufstrebende Luftfahrtnation festigen.

Werbung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Werbung