Die Luftfahrtbranche gilt als eine der wichtigsten Säulen der Weltwirtschaft und trägt nach Angaben der International Air Transport Association (IATA) mit 3,9 Prozent zum globalen Bruttoinlandsprodukt bei. Auf den ersten Blick scheinen Nationen ohne eine eigene staatliche Fluggesellschaft nur eine geringe Rolle in diesem komplexen Ökosystem zu spielen. Das baltische Land Litauen widerlegt dieses Narrativ jedoch eindrucksvoll.
Mit einem Beitrag von 2,8 Prozent zum eigenen Bruttoinlandsprodukt hat sich Litauen zu einem bedeutenden Akteur in der Luftfahrt entwickelt, ohne auf das Prestigeprojekt einer nationalen Airline zu setzen. Der Erfolg beruht auf einer strategischen Fokussierung auf das breitere Luftfahrt-Ökosystem, das von der Pilotenausbildung und Flugzeugwartung bis hin zu modernen Navigationslösungen reicht. Die treibende Kraft hinter diesem bemerkenswerten Wachstum ist die enge Zusammenarbeit zwischen der Regierung und Branchenverbänden wie der Lithuanian Aviation Association (LAVIA), die eine koordinierte Strategie vorantreiben und die Interessen des gesamten Sektors vertreten.
Der ungewöhnliche Weg zum Erfolg: Eine Bilanz nach dem Verlust der Staatsfluglinie
Die heutige Situation der litauischen Luftfahrt ist das Ergebnis einer bewußten strategischen Neuausrichtung. Der ungewöhnliche Weg Litauens begann nach dem Ende des staatlichen Flaggschiffs. Die staatliche Fluggesellschaft Lithuanian Airlines (später FlyLAL) geriet in finanzielle Schwierigkeiten und stellte im Jahre 2009 den Flugbetrieb ein. Dieser Schritt hinterließ im Land eine Lücke, die die Branche zwang, ihre Strategie grundlegend zu überdenken. Anstatt erneut auf das teure und oft politisch belastete Modell einer nationalen Fluggesellschaft zu setzen, entschied man sich, die Stärken des Landes in den weniger sichtbaren, aber ebenso wichtigen Bereichen der Luftfahrt zu fördern. Litauen entwickelte sich zu einem Hub für Dienstleister, die im Hintergrund der globalen Luftfahrt agieren.
Heute sind es nicht einzelne, über den Globus verstreute Firmen, die das Bild prägen, sondern große Unternehmen, die sich auf das Servicegeschäft spezialisiert haben. Dazu gehören weltweit tätige Konzerne wie die Avia Solutions Group, die ein umfassendes Portfolio von der Flugzeugwartung (Maintenance, Repair, Overhaul, MRO) über Pilotenausbildung bis hin zu Charterflügen anbietet. Andere Unternehmen wie FL Technics, ein international anerkannter MRO-Dienstleister, tragen ebenfalls maßgeblich zu diesem Erfolg bei. Diese Firmen operieren in über 25 Ländern und unterstreichen, daß Luftfahrtgeschäfte weit über den reinen Linienflugverkehr hinausgehen. Sie beweisen, daß ein Land eine führende Rolle in der globalen Luftfahrt einnehmen kann, indem es sich auf die Wertschöpfung in spezialisierten Segmenten konzentriert.
Die Kraft der Kooperation: Eine Stimme für eine ganze Branche
In Abwesenheit einer nationalen Fluggesellschaft, die als Aushängeschild der Industrie dienen könnte, übernimmt in Litauen die Organisation der gesamten Branche eine entscheidende Rolle. Branchenverbände wie die LAVIA, die die größten litauischen Luftfahrtunternehmen vereint, koordinieren die Strategie, vertreten die Interessen des Sektors gegenüber der Regierung und den Regulierungsbehörden und fördern die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Dienstleistern. In einem exklusiven Interview mit dem Magazin AeroTime betonte Aleksandras Nemunaitis, der Vorsitzende und Geschäftsführer der LAVIA, die Bedeutung dieses Zusammenschlusses. „Wenn man sich an Entscheidungsträger, oft Politiker oder Regulierungsbehörden, wendet, wirkt man glaubwürdiger, wenn man einen ganzen Sektor vertritt und nicht nur eine einzelne Firma“, erklärte Nemunaitis.
Der Verband hat eine offizielle Registrierung und besitzt einen Lobbying-Status, was ihm ermöglicht, Prozesse offen und transparent zu gestalten und als Sprachrohr für die Branche zu fungieren. Diese gebündelte Stärke hilft nicht nur, einheitliche Positionen zu wichtigen Themen zu formulieren, sondern auch, Entscheidungen zu beschleunigen und Bürokratie abzubauen. Nemunaitis betonte, daß die Zusammenarbeit mit einem offiziell registrierten Verband für Institutionen oft einfacher sei, um den Vorwurf der Bevorzugung zu vermeiden. Der Erfolg der litauischen Luftfahrtindustrie zeigt daher, daß kollektive Organisation ein Schlüsselfaktor für Wachstum sein kann.
Strategie als Wegweiser: Die Luftfahrt-Richtlinien bis 2030
Eine der bemerkenswertesten Leistungen der LAVIA ist ihr Beitrag zur Ausarbeitung der „Lithuanian Aviation Guidelines for 2030“. Dieses Dokument, das 2022 vom Ministerium für Transport und Kommunikation des Landes genehmigt wurde, ist das Ergebnis einer einzigartigen Zusammenarbeit zwischen der Luftfahrtindustrie und staatlichen Stellen. Es dient als strategischer Fahrplan und legt konkrete Ziele für die Entwicklung der Branche fest.
Zu den wichtigsten Zielen gehören die Steigerung des Beitrags der Luftfahrt zum nationalen Bruttoinlandsprodukt auf rund 5 Prozent bis zum Jahr 2030, die Anbindung von mindestens 150 Flugzielen, die Förderung treibstoffeffizienter Technologien in der Luftfahrt und eine deutliche Verbesserung der globalen Erreichbarkeit des Landes. Nemunaitis hob die Bedeutung dieser Richtlinien hervor und bezeichnete sie als einen seltenen Fall echter Kooperation. „Diese Strategie war ein sehr wichtiger Erfolg und ein seltener Fall echter Zusammenarbeit, und heute leitet sie konkrete Aktionen und Gesetze“, sagte er. Die enge Abstimmung zwischen Politik und Industrie sorgt dafür, daß die notwendigen Gesetze und Maßnahmen nicht nur auf dem Papier existieren, sondern auch die reale Entwicklung der Branche vorantreiben.
Kampf um Talente: Die Sicherung der Fachkräfte für eine wachsende Industrie
Das Wachstum der litauischen Luftfahrtindustrie erfordert eine bestens ausgebildete Belegschaft. Aktuelle Daten von LAVIA zeigen, daß die Branche derzeit rund 15.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze im Land schafft und jährlich fast 100 Millionen Euro an Steuern zum nationalen Budget beisteuert. Um die ambitionierten Ziele der Strategie für 2030 zu erreichen, wird jedoch ein signifikanter Bedarf an qualifizierten Fachkräften entstehen.
Die Herausforderung ist nicht nur national, sondern globaler Natur. Nach Angaben von CAE, einem globalen Anbieter für Pilotenausbildung, wird der Luftfahrtsektor in den nächsten zehn Jahren 1,465 Millionen neue Fachkräfte benötigen. Dies schließt Piloten, Wartungstechniker, Kabinenpersonal und Fluglotsen ein. LAVIA hat die Wichtigkeit erkannt, diesen Bedarf proaktiv zu decken. „Die Kernaufgabe unseres Verbandes ist die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Bildung“, erklärte Nemunaitis. Der Verband arbeitet eng mit Universitäten, Hochschulen und Berufsschulen zusammen, um sicherzustellen, daß es genügend Spezialisten für die Luftfahrtbranche gibt.
Von Drohnen und Bürokratie: Innovation und die Hürden der Umsetzung
Neben den traditionellen Bereichen hat Litauen auch die Integration neuer Technologien, wie die unbemannte Luftfahrt, vorangetrieben. LAVIA hat eine wichtige Rolle dabei gespielt, die Zusammenarbeit zwischen der Branche und den Regulierungsbehörden zu fördern, um Drohnen sicher in den gemeinsamen Luftraum zu integrieren. Litauen gilt heute als eines der führenden Länder in der EU in diesem Bereich. Um die EU-Drohnenverordnungen umzusetzen, investierte der litauische Flugsicherungsdienstleister Oro Navigacija in ein U-space-System, das es Drohnenpiloten ermöglicht, ihre Flüge zu planen und zu genehmigen.
Trotz der bemerkenswerten Erfolge sind dem Wachstum auch Grenzen gesetzt. Nemunaitis verweist auf wiederkehrende Herausforderungen wie bürokratische Hürden und die manchmal übermäßige Vorsicht seitens staatlicher Stellen. Er kritisiert zum Beispiel die Notwendigkeit jährlicher Sicherheitsüberprüfungen für langjährige Flughafenmitarbeiter und die oft langwierigen politischen Entscheidungsprozesse. Diese Faktoren könnten notwendige Reformen verlangsamen.
Dennoch bleibt Nemunaitis optimistisch. „Die baltische Region, und Litauen im Besonderen, ist leistungsstärker, als man erwarten würde“, schlußfolgert er. Er plädiert dafür, inländische Investitionen genauso zu behandeln wie ausländische, um die heimischen Unternehmen zu stärken und das Wachstum zu fördern.