Der deutsche Ferienflugmarkt erlebt eine anhaltend hohe Fluktuation und die strategische Verschiebung von Kapazitäten zwischen den Airlines. Jüngstes Beispiel hierfür ist die kurzfristige Übergabe der Verbindung von Berlin nach Hurghada durch Condor an ihre estnische Schwestergesellschaft Marabu. Dieser operative Schritt, der im laufenden Winterflugplan wirksam wurde, markiert nicht nur einen Neuzugang am Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg (BER), sondern verdeutlicht auch die zunehmende Verschränkung der Flugplan- und Kapazitätssteuerung innerhalb der Condor-Gruppe, die beide dem Finanzinvestor Attestor gehören.
Die Sprecherin von Condor bestätigte den Wechsel und erklärte, dass Marabu in diesem Winterflugplan als Partnerairline auf der Strecke zwischen Berlin und dem ägyptischen Badeort Hurghada zum Einsatz komme. Obwohl in den Buchungssystemen Condor weiterhin als durchführende Fluggesellschaft gelistet sei, wurde der Erstflug von Marabu mit einem Airbus A320neo bereits durchgeführt. Die strategische Einbindung von Marabu dient Condor dazu, die eigenen Kapazitäten optimal zu steuern und die Flugpläne flexibler zu gestalten.
Marabu: Ein strategischer Ableger mit estnischem Luftverkehrsbetreiberzeugnis
Die Fluggesellschaft Marabu wurde im November 2022 in Tallinn, Estland, gegründet und hat ihren Betrieb im Jahr 2023 aufgenommen. Sie fungiert als direkter strategischer Partner von Condor, wobei sie in erster Linie Flüge von Deutschland zu beliebten Ferienzielen im Mittelmeerraum, nach Ägypten, auf die Kanarischen Inseln und nach Portugal anbietet. Obwohl die Airlines organisatorisch getrennt sind und Marabu unter einem estnischen Luftverkehrsbetreiberzeugnis (AOC) operiert, nutzen sie Vertriebskanäle und die Markenbekanntheit von Condor.
Das Geschäftsmodell von Marabu sieht vor, Kapazitäten für die Condor-Gruppe zu generieren, insbesondere in Zeiten, in denen Condor selbst aufgrund von Flottenmodernisierungen, Wartungszyklen oder strategischen Vorgaben Kapazitäten binden muss. Die estnische Airline setzt eine moderne Flotte von Airbus A320neo und A321neo ein. Der Einsatz einer Partnerairline, die unter einem anderen AOC fliegt, erlaubt es der Gruppe, schnell auf Marktbedürfnisse und die hohe Nachfrage im touristischen Segment zu reagieren, ohne die eigene operative Basis zu überlasten.
Die Übergabe der Hurghada-Route ist somit ein typisches Beispiel für dieses flexible Kapazitätsmanagement. Für den ber bedeutet die Aufnahme des Flugbetriebs durch Marabu eine Premiere, da die estnische Gesellschaft erstmals planmäßig vom Hauptstadtflughafen aus operiert.
Der Standort Berlin: Stabilität und Expansion bei Condor
Trotz der kurzfristigen Übertragung der Hurghada-Verbindung auf die Schwestergesellschaft bleibt die Condor-Basis in Berlin unverändert. Die Fluggesellschaft hat im laufenden Winterflugplan weiterhin ein Flugzeug am ber stationiert. Dieses Flugzeug wird primär für die attraktive Direktverbindung nach Dubai genutzt.
Die Fokussierung auf die Dubai-Route unterstreicht die wachsende strategische Bedeutung des ber für den deutschen Ferienflieger. Condor hatte ihr Angebot am ber für den Winterflugplan 2025/2026 signifikant ausgebaut und fliegt die arabische Metropole sogar mehrmals täglich an. Diese Verbindung dient nicht nur als attraktives Endziel für deutsche Reisende, sondern auch als wichtiger Zubringer zum erweiterten Langstreckennetz des Partners Emirates im Nahen Osten, in Afrika, Zentralasien und auf dem indischen Subkontinent, was durch eine seit Oktober 2024 bestehende Codeshare-Partnerschaft ermöglicht wird.
Neben der stationierten Maschine am ber bedient Condor den Hauptstadtflughafen weiterhin regelmäßig mit Zubringerflügen aus ihrem Hauptdrehkreuz in Frankfurt am Main (fra), um Passagieren aus der Region Berlin/Brandenburg den Zugang zu ihrem weltweiten Langstreckennetz zu ermöglichen. Diese Kombination aus Direktflügen zu populären Zielen wie Dubai und den Zubringerflügen nach Frankfurt festigt die Position von Condor als bedeutender Akteur am ber.
Herausforderungen und die Rolle von Wet-Lease im Tourismus
Die Nutzung von Partner-Airlines und Wet-Lease-Vereinbarungen ist in der europäischen Luftfahrt ein weit verbreitetes Instrument, um operative Engpässe zu überbrücken und Kapazitätsspitzen in der Hochsaison abzudecken. Im Fall der Condor-Gruppe, die sich im Besitz des Investors Attestor befindet, erlaubt die Nutzung von Marabu eine agile Steuerung der Flottenauslastung.
Allerdings waren die Betriebsaufnahme und die anfängliche Performance von Marabu in der Vergangenheit nicht immer reibungslos verlaufen. In ihrer ersten Sommersaison sah sich Marabu mit Herausforderungen konfrontiert, die teilweise auf technische Probleme mit der eigenen Flotte und die Notwendigkeit, Kapazitäten von weiteren Subcharter-Airlines anzumieten, zurückzuführen waren. In einigen Fällen musste sogar Condor selbst einspringen, um Flüge für die Schwestergesellschaft durchzuführen. Diese anfänglichen Schwierigkeiten haben die Debatte um die Verlässlichkeit und das Geschäftsmodell von Airlines, die stark auf Wet-Lease und Subcharter angewiesen sind, befeuert.
Die Übergabe der Berlin-Hurghada-Route in den Wintermonaten – eine klassische Ferienroute – deutet darauf hin, dass die Kapazitäten von Marabu nun gezielter zur Entlastung der Condor-Flotte eingesetzt werden, um Condor selbst die Konzentration auf die strategisch wichtigeren Verbindungen wie die Langstrecken-Anbindung nach Dubai zu ermöglichen. Die Reisenden auf der Hurghada-Strecke sehen sich nun einer operativen Durchführung durch Marabu gegenüber, während sie den Flug möglicherweise weiterhin unter einer Condor-Flugnummer gebucht haben, was gängige Praxis bei solchen Partnerschaften ist. Flugreisende werden in solchen Fällen üblicherweise vorab über den Wechsel der durchführenden Airline informiert.
Die weitere Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen Condor und Marabu, insbesondere im Hinblick auf die geplante Verdoppelung der Dubai-Frequenzen ab Berlin im Winter 2025/2026, wird zeigen, wie stabil und verlässlich das aufgeteilte Flugbetriebskonzept in der Praxis funktioniert.