Die irische Fluggesellschaft Aer Lingus evaluiert die Zukunft ihrer Betriebsbasis am Flughafen Manchester (MAN). Diese Neubewertung könnte zur vollständigen Einstellung aller Langstreckenflüge von Manchester führen, nur vier Jahre nach dem Start der ehrgeizigen Expansion am wichtigen nordenglischen Drehkreuz im Jahr 2021.
Die Entscheidung hat unmittelbare Auswirkungen auf die lokale Belegschaft, da rund 200 Arbeitsplätze gefährdet sind. Das Management hat ein formelles Konsultationsverfahren mit den Mitarbeitern und den zuständigen Gewerkschaften eingeleitet, um alle Szenarien, einschließlich einer vollständigen Schließung der Basis, zu prüfen. Als Hauptgrund für die strategische Überprüfung nannte das Unternehmen die anhaltend unbefriedigende Rentabilität der Langstreckenaktivitäten in Manchester im Vergleich zu den Kernmärkten in Irland.
Der gescheiterte Expansionsversuch in Nordengland
Aer Lingus hatte die Basis in Manchester im Jahr 2021 mit dem strategischen Ziel eröffnet, die starke Nachfrage nach transatlantischen Freizeitreisen in Nordengland direkt zu bedienen. Bis dahin waren viele Reisende aus dieser Region gezwungen, über die großen Londoner Flughäfen oder Amsterdam zu fliegen, um interkontinentale Ziele zu erreichen. Die Basis in Manchester sollte diesen Markt direkt erschließen und bot Flüge zu attraktiven Langstreckenzielen in Nordamerika und der Karibik an.
Die Basis unterstützte zuletzt folgende Langstreckenrouten:
- New York (JFK)
- Orlando (MCO)
- Barbados (BGI)
Ergänzt wurde dies durch Kurzstreckenverbindungen nach Dublin (DUB), dem Hauptdrehkreuz der Fluggesellschaft, und Belfast (BFS). Insbesondere der Dienst nach Orlando, der bei britischen Urlaubern, die die Themenparks in Florida besuchen, beliebt ist, wäre von einer möglichen Schließung als einer der ersten betroffen.
Trotz der vielversprechenden Marktanalyse und des anfänglichen Optimismus konnte die Operation in Manchester die Erwartungen nicht erfüllen. In einer internen Mitteilung, die später öffentlich wurde, räumte Aer Lingus ein, dass die operative Margenleistung der Langstreckenflüge in Manchester weiterhin deutlich hinter der Rentabilität des irischen Langstreckengeschäfts zurückbleibe. Dieser anhaltend große Unterschied in der Profitabilität hat die Notwendigkeit einer Überprüfung der langfristigen Tragfähigkeit des Standorts ausgelöst.
Wirtschaftliche Hintergründe und Wettbewerbsdruck
Die strategische Schwierigkeit der Aer Lingus in Manchester ist vielschichtig und spiegelt die intensive Wettbewerbssituation im transatlantischen Markt abseits der etablierten Drehkreuze wider. Die Eröffnung der Basis fiel in eine Phase, die von Unsicherheiten im Reiseverkehr geprägt war. Obwohl die Nachfrage nach Nordamerika und der Karibik nach der globalen Gesundheitskrise stark anzog, sahen sich Fluggesellschaften mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert:
- Hohe Betriebskosten: Die Kosten für Personal, Wartung und Betrieb in Großbritannien sind im Vergleich zu anderen europäischen Standorten gestiegen.
- Intensiver Wettbewerb: Der Flughafen Manchester ist bereits ein wichtiges Drehkreuz mit starker Präsenz von etablierten Transatlantik-Carriern wie Virgin Atlantic, British Airways (indirekt über London) und US-Fluggesellschaften. Aer Lingus musste sich gegen etablierte Frequenzen und Marken durchsetzen.
- Kapazitätsmanagement: Aer Lingus nutzt ihre Basis in Dublin als ihren Haupt-Hub. Dort profitieren Passagiere auf dem Weg in die USA von den US-Grenzschutz- und Zollabfertigungsstellen (Pre-Clearance), die es erlauben, bereits in Dublin in die USA einzureisen. Dieser Komfortvorteil, der in Manchester nicht existiert, macht die irische Basis für transatlantische Reisende attraktiver.
Die Notwendigkeit, Flugzeuge auf Routen mit höchster Rentabilität einzusetzen, ist angesichts des globalen Wettbewerbs in der Luftfahrtindustrie ein entscheidender Faktor. Sollte die Schließung der Basis beschlossen werden, ist davon auszugehen, dass die Flugzeuge, die derzeit in Manchester stationiert sind, auf rentablere Strecken umverteilt werden, wobei das Hauptdrehkreuz in Dublin als primärer Nutznießer gilt.
Arbeitsplatzrisiko und Konsultationsprozess
Die Überprüfung der Basis hat unmittelbare soziale Konsequenzen. Die möglichen Konsequenzen für die rund 200 Mitarbeiter am Standort Manchester sind derzeit Gegenstand eines kollektiven Konsultationsprozesses. Diese Verhandlungen mit den Handelsgewerkschaften sind nach britischem und europäischem Arbeitsrecht erforderlich, wenn größere Personalmaßnahmen, wie Massenentlassungen oder die Schließung von Standorten, drohen.
Während des Konsultationsprozesses werden das Management und die Arbeitnehmervertreter alle potenziellen Alternativen zu einer vollständigen Schließung erörtern. Dies kann die Reduzierung der Streckenfrequenzen, die Verlagerung des Geschäftsmodells oder die Prüfung von Maßnahmen zur Kostensenkung umfassen. Die Dauer und der Ausgang dieses Prozesses sind entscheidend für die betroffenen Mitarbeiter. Aer Lingus hat zwar keinen genauen Zeitplan für die endgültige Entscheidung genannt, diese wird jedoch nach dem Abschluss der Gespräche erwartet.
Die Entscheidung von Aer Lingus reflektiert die harten Realitäten der Luftfahrt nach der Krise, in der Fluggesellschaften gezwungen sind, ihre Netzwerke aggressiv zu straffen und Ressourcen ausschließlich auf jene Routen und Basen zu konzentrieren, die eine überlegene Rendite versprechen. Die Schließung der Basis Manchester wäre ein klares Signal, dass die Langstreckenexpansion abseits des Kernmarktes Irland für Aer Lingus nicht die erwartete Rentabilität gebracht hat.