Der Flughafen Wien-Schwechat hat einen der am längsten diskutierten Infrastrukturpläne Österreichs, den Bau einer dritten Start- und Landebahn, offiziell beendet. Nach fast 30 Jahren, in denen das Projekt seit 1996 immer wieder Gegenstand intensiver Debatten war, wurde die Entscheidung nach eingehender Analyse verworfen.
Günther Ofner, Vorstand des Flughafens Wien, begründete den strategischen Kurswechsel primär mit wirtschaftlichen Faktoren und betonte, dass der Flughafen auch ohne die zusätzliche Piste seine Wachstumskapazitäten voll ausschöpfen könne. Die Absage des Zwei-Milliarden-Euro-Projekts markiert einen Paukenschlag in der österreichischen Wirtschaftspolitik.
Massive Kostensteigerung und Widerstand der Fluggesellschaften
Die Entscheidung gegen den Bau der dritten Piste, die als notwendige Kapazitätserweiterung für die kommenden Jahrzehnte galt, basierte laut Flughafenvorstand Ofner auf einer nüchternen Kosten-Nutzen-Analyse. Zwei zentrale finanzielle und marktbezogene Aspekte gaben den Ausschlag:
- Explosion der Baukosten: Ofner hob hervor, dass die Baukosten allein seit 2019 um massive 30 Prozent gestiegen seien. Ein Infrastrukturprojekt dieser Größenordnung – geschätzt auf rund zwei Milliarden Euro – sei unter diesen Umständen finanziell kaum mehr darstellbar.
- Ablehnung höherer Gebühren durch Carrier: Die entscheidenden Airline-Kunden des Flughafens, darunter die Austrian Airlines (aua) als größter Nutzer, aber auch die wichtigen Billigfluggesellschaften wie Ryanair, hätten signalisiert, dass sie nicht bereit seien, die zur Refinanzierung notwendigen höheren Flughafengebühren zu akzeptieren. Ohne eine gesicherte Refinanzierung durch Gebühren sei die Investition in das Zwei-Milliarden-Projekt nicht tragbar, so Ofner.
Die Haltung der Fluggesellschaften spiegelt den harten Wettbewerb in der europäischen Luftfahrt wider, wo jeder Kostenfaktor intensiv geprüft wird und Fluggesellschaften Routen schnell zu günstigeren Flughäfen verlagern können. Die Ablehnung des Gebührenanstiegs machte das Projekt somit ökonomisch unattraktiv.
Wachstumspotenzial im Zwei-Pisten-System gesichert
Entgegen früherer Annahmen, dass die dritte Piste für künftiges Wachstum unerlässlich sei, versicherte Günther Ofner, dass der Flughafen Wien auch mit dem bestehenden Zwei-Pisten-System weiter expandieren könne.
Aktuell fertigt der Flughafen Wien rund 32 Millionen Passagiere pro Jahr ab. Ofner stellte klar: „Wir können, wenn wir alle Investitionen in den Terminalbereich umsetzen, die wir geplant haben, rund 52 Millionen Passagiere auch im Zwei-Pisten-System abfertigen.“ Diese Kapazität sichere das Wachstum des Flughafens für die kommenden Jahre und Jahrzehnte. Das Zwei-Pisten-System in Wien, das aus zwei sich kreuzenden Bahnen besteht, ist in seiner jetzigen Konfiguration in der Lage, die erwartete Zunahme des Verkehrsaufkommens zu bewältigen, wenn auch unter Umständen mit höheren operativen Anforderungen an die Steuerung.
Um die Wettbewerbsfähigkeit weiter zu stärken, kündigte Ofner zudem eine Senkung der Flughafentarife um 4,6 Prozent zum 1. Januar an. Dieser Schritt zielt darauf ab, den Flughafen im Vergleich zu anderen europäischen Drehkreuzen attraktiver zu machen und neue Flugverbindungen und Airlines nach Wien zu locken. Ofner sieht daher in der Absage des Bauvorhabens keinen Standortnachteil, sondern vielmehr eine Möglichkeit, die Kostenstruktur zu optimieren und somit die Marktposition zu verbessern.
Kritik an langen Verfahrensdauern und offene Zukunft
Ein weiterer, wenn auch sekundärer Grund für die Absage war die extrem lange Verfahrensdauer des Genehmigungsprozesses. Das Projekt befand sich seit den 1990er-Jahren in der Diskussion und war Gegenstand komplexer und langwieriger Genehmigungsverfahren.
Ofner kritisierte in diesem Zusammenhang eine „sehr, sehr sonderbare Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts“, gegen die Rechtsmittel beim Verwaltungsgerichtshof eingelegt worden seien. Die Tatsache, dass der Flughafen seit 17 Monaten keine Rückmeldung vom Verwaltungsgerichtshof erhalten habe, habe ebenfalls zur Entscheidung beigetragen, nicht länger „Geld und Zeit“ in ein Verfahren zu investieren, dessen Ausgang und Zeithorizont völlig unklar waren. Die jahrelangen rechtlichen Auseinandersetzungen und die damit verbundene Planungsunsicherheit haben die gesamte Entwicklung des Projekts belastet.
Obwohl die Frage nach einer dritten Piste vorerst vom Tisch ist, schloss Ofner eine Wiederaufnahme der Diskussion für die ferne Zukunft nicht aus. Sollte der Flughafen in den 2040er-Jahren die Kapazitätsgrenze von 52 Millionen Passagieren erreichen, könnte sich die Frage erneut stellen. Dies würde jedoch ein neues Verfahren und einen neuen Antrag erfordern. Die nun getroffene Entscheidung verschiebt die Notwendigkeit einer weiteren großen Infrastrukturerweiterung auf einen späteren Zeitpunkt und ermöglicht dem Flughafen, sich auf die dringend notwendigen Investitionen in die bestehenden Terminalstrukturen und die Servicequalität zu konzentrieren.