Die seit rund zehn Jahren andauernde bewaffnete Auseinandersetzung im Jemen erlebt eine signifikante Zuspitzung, die sich nun im Süden des Landes konzentriert. Truppen des sogenannten Südlichen Übergangsrats (STC), die maßgeblich von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) unterstützt werden, haben durch jüngste Vormärsche die Kontrolle über den gesamten Südjemen und weite Teile des Ostens erlangt.
Diese Entwicklung, insbesondere die Einnahme großer Gebiete in der ölreichen Provinz Hadramaut, führt zu einer Neubewertung der militärischen und politischen Kräfteverhältnisse in der Region. Die Ereignisse lassen die Möglichkeit einer erneuten Abspaltung des Südjemen vom Norden, ein Szenario, das zuletzt vor der Wiedervereinigung der beiden Landesteile im Jahr 1990 bestand, wieder als denkbar erscheinen.
Komplexer Machtkampf im geteilten Land
Der Jemen ist seit Längerem Schauplatz eines vielschichtigen Bürgerkriegs mit zahlreichen Akteuren und divergierenden Interessen. Die Hauptkonfrontation findet traditionell zwischen der vom Iran unterstützten Huthi-Miliz, die weite Teile des Nordens kontrolliert, und der von Saudi-Arabien geführten Koalition statt, die die international anerkannte, aber stark geschwächte Regierung unterstützt. Parallel zu diesem Hauptkonflikt hat sich im Süden des Landes ein eigenständiger Machtkampf entwickelt, bei dem Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate – nominell Verbündete gegen die Huthi – zunehmend als Rivalen mit unterschiedlichen Zielsetzungen auftreten.
Während Riad primär daran interessiert ist, den Einfluss Irans an seiner südlichen Grenze zurückzudrängen und eine stabile Sicherheitslage herzustellen, verfolgen die Emirate vermehrt eigene strategische Ziele. Diese beinhalten insbesondere den Ausbau ihres Einflusses in den südlichen Küstenregionen, um den Zugang zu strategisch wichtigen Häfen und Schifffahrtswegen in der Region zu sichern und zu optimieren. Der Vormarsch des STC, einer Schlüsselinstitution der VAE-Interessen im Jemen, unterstreicht diese ambitionierte Regionalstrategie.
Abzug der saudischen Truppen aus Aden
Die jüngsten militärischen Verschiebungen kulminierten in einem bemerkenswerten Schritt Saudi-Arabiens. Über das Wochenende zogen saudische Kämpfer vom Präsidentenpalast in der strategisch wichtigen Hafenstadt Aden sowie vom dortigen Flughafen ab. Aden ist der formelle Sitz der international anerkannten jemenitischen Regierung, deren Existenz und Autorität wesentlich von der Unterstützung Riads abhängen. Dieser Abzug, der aus Regierungskreisen bestätigt, jedoch zunächst nicht offiziell verlautbart wurde, deutet auf eine Anerkennung der veränderten Machtverhältnisse vor Ort durch Saudi-Arabien hin und signalisiert eine mögliche Neubewertung der eigenen Engagements im Südjemen.
Experten sehen in diesem saudischen Rückzug entweder ein taktisches Manöver zur Deeskalation der Spannungen mit dem STC oder eine faktische Hinnahme der gewachsenen Dominanz des VAE-gestützten Südlichen Übergangsrats in diesem Schlüsselgebiet. Unabhängig von der Motivation festigt dieser Schritt die Kontrolle des STC über die wichtigste Stadt im Süden.
Folgen für den regionalen Flugverkehr
Die direkten Auswirkungen der militärischen und politischen Eskalation zeigten sich unmittelbar im Flugverkehr der Region. Die Spannungen in Aden führten zu einer vorübergehenden Schließung des Luftraums über der Stadt und zur Streichung von Flügen, was Hunderte von Passagieren stundenlang am Boden festhielt.
Aus Flughafenkreisen verlautete, dass das von Saudi-Arabien geführte Bündnis nach seinem Abzug vom Flughafen nicht mehr in der Lage war, die notwendigen Genehmigungen für Starts und Landungen zu erteilen. Dies legt nahe, dass die Kontrolle über die luftfahrttechnische und Sicherheitsinfrastruktur des Flughafens unmittelbar an die abziehenden saudischen Truppen geknüpft war. Die Wiederaufnahme des Flugbetriebs hängt nun von der Etablierung neuer Genehmigungsverfahren durch die faktisch kontrollierenden STC-Kräfte oder eine Koordination mit den verbleibenden Autoritäten ab. Die Fähigkeit zur Gewährleistung von Sicherheit und zur Erteilung von Freigaben ist in Bürgerkriegsregionen ein kritischer Indikator für die tatsächliche Machtausübung.
Ungewisse Zukunft: Abspaltung oder neue Offensive
Die unmittelbare Zukunft des Jemen ist nach dem Vormarsch des STC ungewiss und hängt von den Entscheidungen der zentralen Akteure ab. Mit der Kontrolle über den gesamten Südjemen, einschließlich der Gebiete wie der ölreichen Hadramaut, wird die Idee einer erneuten Teilung des Landes konkret. Die historische Teilung in Nord- und Südjemen von 1967 bis 1990 bildet einen politischen Präzedenzfall für die separatistisch gesinnten STC-Kräfte.
Parallel dazu könnte die gestärkte Position des STC zu einer neuen militärischen Dynamik führen. Eine Option ist, dass die STC-Truppen oder die sie unterstützenden Emirate eine neue Offensive gegen die Huthi-Miliz im Norden starten könnten. Ebenso denkbar ist, dass die Huthi-Miliz in Reaktion auf die veränderte Lage ihre Angriffe auf Ziele in Saudi-Arabien und den VAE wieder aufnimmt.
Saudi-Arabien, das weiterhin an einer Umsetzung einer dauerhaften Waffenruhe mit den Huthi arbeitet, die seit April 2022 gilt, muss nun seine strategischen Ziele im Jemen neu definieren. Die neue Realität im Süden schafft eine zusätzliche Komplexität für diese Bemühungen und könnte die Friedensverhandlungen erschweren, da die Interessen der neuen regionalen Machtzentrale – der STC und der VAE – nun stärker berücksichtigt werden müssen.
Die strategische Bedeutung der eroberten Gebiete, insbesondere der Hadramaut, liegt in den dortigen Ölvorkommen. Die Kontrolle über diese Ressourcen verschafft dem STC und seinem Unterstützer, den VAE, erhebliche finanzielle und politische Hebel. Darüber hinaus sind die südlichen Häfen und die jemenitische Küstenlinie für die VAE von entscheidender Bedeutung, da sie im Rahmen ihrer maritimen Handels- und Sicherheitsstrategie eine Schlüsselrolle in der Bab al-Mandab-Straße und im Golf von Aden spielen. Die Ausweitung der Kontrolle in diese Gebiete dient der Absicherung logistischer und kommerzieller Interessen in einer der wichtigsten Schifffahrtsregionen der Welt. Die Machtverschiebung im Süden des Jemen ist somit nicht nur ein innerjemenitischer Konflikt, sondern ein Indikator für die komplexen und sich wandelnden geostrategischen Ambitionen der Golfstaaten.