Schriftzug am Terminal des Flughafens Amsterdam-Schiphol (Foto: Jan Gruber).
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Amsterdam-Schiphol will Chaostage mit externen Beratern aufarbeiten

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Der Beginn des Jahres 2026 markierte für die niederländische Fluggesellschaft KLM und ihren Heimatflughafen Amsterdam-Schiphol eine der schwersten betrieblichen Krisen der jüngeren Geschichte. Ein heftiger Wintereinbruch, der zwischen dem 3. und 9. Januar das gesamte Land erfasste, führte zu einer weitgehenden Lähmung des Flugverkehrs an einem der wichtigsten Drehkreuze Europas.

Massive Schneefälle, vereiste Startbahnen und anhaltende Starkwinde zwangen die Verantwortlichen zur Streichung von über 1.750 Flügen innerhalb weniger Tage. Während tausende Passagiere am Flughafen festsaßen und die logistischen Kapazitäten an ihre Grenzen stießen, zeichnet sich nun eine umfassende Untersuchung der Ereignisse ab. Ziel ist es, die strukturellen Defizite in der Bodenabfertigung und der Krisenkommunikation zu identifizieren, um künftigen Wetterereignissen dieser Intensität besser begegnen zu können.

Logistische Herausforderungen und Ressourcenengpässe

Die Intensität der Wetterlage traf den Flughafen Amsterdam in einer Phase, in der das Passagieraufkommen nach den Feiertagen traditionell hoch bleibt. In der Spitze fielen an einem einzigen Tag bis zu 600 Flugverbindungen der KLM aus, was etwa zwei Drittel des regulären Flugplans entspricht. Die verbliebenen Flüge waren von massiven Verspätungen im Bereich mehrerer Stunden betroffen. Besonders kritisch gestaltete sich die Situation bei der Bereitstellung von Enteisungskapazitäten. Da jedes Flugzeug vor dem Start vollständig von Eis und Schnee befreit werden muss, stieg der Verbrauch von Enteisungsflüssigkeit sprunghaft an. Ein drohender Versorgungsengpass konnte nur durch eine kurzfristig organisierte Notfalllieferung aus Deutschland abgewendet werden. Ohne diesen grenzüberschreitenden Logistik-Einsatz hätte der Flugbetrieb vermutlich komplett eingestellt werden müssen.

Nicht nur die startenden Maschinen waren betroffen; auch ankommende Flüge gerieten in den Sog des Chaos. Ein prominentes Beispiel war der Flug Emirates 147 aus Dubai. Der Airbus A380, das größte Passagierflugzeug der Welt, musste nach der Landung rund drei Stunden auf dem Rollfeld verharren, da aufgrund der blockierten Vorfelder und des Personalmangels kein freies Gate zugewiesen werden konnte. Solche Szenarien verdeutlichen die Kettenreaktion, die ein Wintereinbruch in einem hochkomplexen Drehkreuz-System auslöst: Blockierte Gates verhindern die Abfertigung ankommender Maschinen, was wiederum zu Staus auf den Rollwegen führt und die Kapazitäten der Start- und Landebahnen weiter reduziert.

Maßnahmen zur Evakuierung gestrandeter Passagiere

Um die Lage am Terminal zu entspannen, griff KLM zu unkonventionellen operativen Maßnahmen. In kurzen Wetterfenstern, in denen ein sicherer Flugbetrieb möglich war, setzte die Airline gezielt Großraumflugzeuge auf Strecken ein, die normalerweise mit kleineren Kurzstreckenmaschinen bedient werden. Durch diesen Kapazitätsboost konnten deutlich mehr gestrandete Reisende gleichzeitig befördert werden, als es der reguläre Flugplan vorgesehen hätte. Dennoch blieb die Situation für viele Fluggäste prekär, da Hotels im Umfeld des Flughafens innerhalb kürzester Zeit ausgebucht waren und die Kommunikation über Ausfälle und Umbuchungen zeitweise überlastet war.

Finanziell dürfte das Winterchaos bereits in der ersten Januarwoche tiefe Löcher in die Bilanz der Fluggesellschaft gerissen haben. Experten schätzen den Schaden durch Flugausfälle, Entschädigungszahlungen, zusätzliche Hotelkosten und den erhöhten Ressourceneinsatz auf einen hohen Millionenbetrag. Neben den direkten Kosten wiegt auch der Imageschaden schwer, insbesondere da die Zuverlässigkeit eines Drehkreuzes ein entscheidendes Kriterium für Transferpassagiere im internationalen Wettbewerb ist.

Strukturierte Aufarbeitung und externe Beratung

Angesichts der Schwere der Störungen haben KLM und die Leitung des Flughafens Schiphol eine gemeinsame Analyse angekündigt. Diese soll nicht nur intern erfolgen; zusätzlich wurde eine externe Unternehmensberatung beauftragt, um eine neutrale Bewertung der Prozesse vorzunehmen. Die Untersuchung konzentriert sich auf die Effektivität der Betriebs- und Kommunikationsabläufe. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Kapazitätsplanung für die Start- und Landebahnen sowie der Organisation der Enteisungsvorgänge.

Ein weiterer kritischer Punkt der Analyse wird die Kommunikation mit den Passagieren sein. Viele Reisende berichteten von unzureichenden Informationen und langen Wartezeiten in den digitalen Servicekanälen. Die Aufarbeitung soll klären, wie Informationsflüsse in Krisenzeiten automatisiert und beschleunigt werden können, um die Belastung in den Terminals zu senken. Der Abschlussbericht dieser Untersuchung wird für Ende März 2026 erwartet. Er soll konkrete Empfehlungen enthalten, wie die Resilienz des Flughafens gegenüber extremen Witterungsbedingungen gesteigert werden kann.

Ausblick auf künftige Winterperioden

Die Ereignisse in Amsterdam zeigen einmal mehr, wie verwundbar die moderne Luftfahrt gegenüber klimatischen Extremen bleibt. Trotz modernster Technik hängen die Kapazitäten eines Flughafens maßgeblich von der Geschwindigkeit der Bodenabfertigung ab. Schiphol steht nun vor der Aufgabe, seine Winterdienst-Strategie grundlegend zu überdenken. Dazu gehört unter anderem die Frage, ob die Lagerkapazitäten für Enteisungsmittel dauerhaft erhöht werden müssen und ob die Personalplanung für den Winterdienst flexibler gestaltet werden kann.

Für KLM geht es darum, die betrieblichen Abläufe so zu straffen, dass im Falle von unvermeidbaren Streichungen die Wiederaufnahme des Flugbetriebs schneller gelingt. Die Analyse der ersten Januarwoche 2026 wird somit wegweisend für die operative Planung der kommenden Jahre sein. Nur durch eine lückenlose Identifikation der Fehlerquellen kann das Vertrauen der Passagiere in die Stabilität des Standorts Amsterdam langfristig gesichert werden. Die Luftfahrtbranche wird die Ergebnisse des Berichts im März mit großem Interesse verfolgen, da viele der hier aufgetretenen Probleme auch andere europäische Großflughäfen in ähnlichen Situationen betreffen könnten.

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