Der Konflikt zwischen der Geschäftsführung von Lufthansa Cityline und den Arbeitnehmervertretungen hat eine neue, kritische Stufe erreicht.
In einem emotional geführten Schlagabtausch warnen CEO Fabian Schmidt und COO Frank Maleiner die Belegschaft in einem Schreiben vor den wirtschaftlichen Folgen weiterer Streikmaßnahmen, während die Kabinengewerkschaft Ufo der Unternehmensleitung Einschüchterungsversuche vorwirft. Hintergrund der Auseinandersetzung ist die für das Jahr 2027 vorgesehene Abwicklung der Regionaltochter, deren Flotte und Aufgaben schrittweise auf die neu gegründete Lufthansa City Airlines übertragen werden sollen. Während die Geschäftsführung Perspektiven innerhalb des Konzerns verspricht, fordern die Gewerkschaften verbindliche soziale Absicherungen und werfen dem Management vor, die Beschäftigten mit vagen Aussichten hinzuhalten. Die Situation wird durch die laufende Urabstimmung der Pilotenschaft zusätzlich angeheizt, deren Ergebnis Ende Februar erwartet wird und den Weg für unbefristete Arbeitskämpfe ebnen könnte.
Wirtschaftlicher Druck und die Warnung der Geschäftsführung
In ihrem Brief an die rund 2.200 Mitarbeiter der Cityline zeichnen Schmidt und Maleiner ein düsteres Bild der aktuellen Lage. Sie bezeichnen die jüngsten Arbeitsniederlegungen als kontraproduktiv für die Reputation der Fluggesellschaft innerhalb der Lufthansa Group. Kundenorientierung und Zuverlässigkeit seien das Kapital, mit dem man sich für künftige Aufgaben im Konzern qualifiziere. Durch die Streiks im Februar, die zu massiven Flugausfällen an den Drehkreuzen Frankfurt und München führten, sei dieses Vertrauen beschädigt worden. Das Management kritisiert insbesondere den Abbruch der Tarifgespräche durch die Vereinigung Cockpit und die Einleitung der Urabstimmung.
Die Unternehmensführung betont, dass bereits in den Jahren 2023 und 2024 Gehaltserhöhungen gewährt wurden und man ein verhandlungsfähiges Angebot vorgelegt habe, das auch Vergütungsangleichungen und Kompensationsmodelle beinhalte. Eine weitere Eskalation gefährde nicht nur die operative Wettbewerbsfähigkeit, sondern schränke auch den Spielraum für künftige Sozialpläne ein. Diese Formulierungen werden von den Gewerkschaften als indirekte Drohung wahrgenommen, die darauf abzielt, die Streikbereitschaft der Belegschaft kurz vor dem Ende der Urabstimmung zu schwächen.
Harte Reaktionen der Kabinengewerkschaft Ufo
Die Kabinengewerkschaft Ufo reagierte mit ungewöhnlicher Schärfe auf das Schreiben der Geschäftsführung. Ein Sprecher verglich die Tonalität des Briefes mit Methoden aus kriminellen Milieus und wies die Darstellung zurück, dass attraktive Wechselangebote für das Personal bereitstünden. Laut Ufo gebe es zwar Gespräche mit der Konzernmutter über eine Übernahme des Personals, doch fehle es an jeglichen rechtlich belastbaren Zusagen. Die Gewerkschaft befürchtet, dass die erfahrenen Mitarbeiter lediglich bis zur endgültigen Abwicklung der Cityline ausgenutzt werden sollen, um danach ohne adäquate Absicherung dazustehen.
Ein zentraler Streitpunkt bleibt die Qualität der angebotenen Stellen bei der neuen Tochtergesellschaft City Airlines. Ufo berichtet von Angeboten aus dem Sommer 2024, die deutlich schlechtere Arbeitsbedingungen und geringere Vergütungen vorsahen als die aktuellen Verträge bei Cityline. Insbesondere für langjährige Mitarbeiter, deren Lebensentwürfe an die Standorte Frankfurt oder München gebunden sind, seien die bisherigen Offerten indiskutabel. Die Gewerkschaft fordert daher prioritär einen tariflich fixierten Sozialplan, der Abfindungen und Übergangsregelungen regelt, falls ein Wechsel innerhalb des Konzerns nicht möglich oder zumutbar ist.
Die Rolle der Pilotenschaft und die strategische Neuausrichtung
Die Vereinigung Cockpit fordert für die Piloten der Cityline moderate Vergütungsanpassungen von jeweils 3,3 Prozent für die kommenden drei Jahre. Das Unternehmen lehnt diese Forderungen jedoch ab, sofern sie nicht durch Einsparungen an anderer Stelle kompensiert werden. Die Piloten befinden sich in einer besonders schwierigen Lage, da ihre Lizenzen und Senioritätsstufen oft eng mit dem spezifischen Flugbetrieb verknüpft sind. Ein Wechsel zur Kernmarke Lufthansa oder zur neuen City Airlines ist mit komplexen Auswahlverfahren und potenziellen Abstrichen bei der Karrierestufe verbunden.
Der Lufthansa-Konzern verfolgt mit der Schließung von Cityline ein klares strategisches Ziel: Die Senkung der operativen Kosten im Zubringerverkehr. Durch die Gründung von City Airlines mit einem neuen Tarifgefüge will man sich gegenüber der Konkurrenz durch Billigflieger und andere Netzwerk-Carrier behaupten. Die Cityline-Flotte, die derzeit aus rund 30 Flugzeugen der Typen Bombardier CRJ900 und Airbus A319 besteht, wird sukzessive ausgeflottet oder transferiert. Dieser Umbau ist Teil einer umfassenden Flottenmodernisierung, bei der effizientere Flugzeugtypen zum Einsatz kommen sollen, um die Profitabilität auf der Kurz- und Mittelstrecke zu steigern.
Soziale Absicherung versus operative Flexibilität
Die Fronten zwischen Management und Gewerkschaften sind verhärtet, da es um grundsätzliche Fragen der sozialen Verantwortung während eines Transformationsprozesses geht. Während die Geschäftsführung auf die Notwendigkeit von Flexibilität und wirtschaftlicher Vernunft verweist, sehen die Arbeitnehmervertreter den Schutz des Personals an erster Stelle. Die Kritik der Ufo, die Beschäftigten sollten geräuschlos funktionieren und dann verschwinden, verdeutlicht das tiefe Misstrauen gegenüber der Konzernstrategie.
Die kommenden Wochen werden entscheidend für den weiteren Verlauf des Konflikts sein. Sollte die Urabstimmung der Piloten eine hohe Zustimmung für Streiks ergeben, drohen im Frühjahr 2026 weitere erhebliche Störungen im Flugplan. Für die Passagiere bedeutet dies anhaltende Unsicherheit, während der Lufthansa-Konzern vor der Herausforderung steht, den geplanten Betriebsübergang ohne dauerhafte Schäden für den innerbetrieblichen Frieden zu vollziehen. Die Verhandlungen über einen Sozialplan für die Kabine und die Tarifgespräche für das Cockpit bleiben somit die kritischen Variablen in einem der komplexesten Arbeitskämpfe der jüngeren deutschen Luftfahrtgeschichte.