Der Berliner Tourismusmarkt steht im Jahr 2026 vor einer komplexen Herausforderung, die durch die jüngsten Statistiken des abgelaufenen Geschäftsjahres 2025 deutlich unterstrichen wird. Während andere europäische Metropolen wie Paris, London oder Madrid ihre Besucherzahlen längst auf das Niveau vor der globalen Gesundheitskrise gehoben oder dieses sogar übertroffen haben, verharrt die deutsche Hauptstadt in einer Phase der Stagnation.
Mit lediglich 29,4 Millionen Übernachtungen im Jahr 2025 fehlen Berlin im direkten Vergleich zum Rekordjahr 2019 mehr als vier Millionen Nächtigungen. Trotz dieser massiven Lücke von rund 14 Prozent bei den Übernachtungen und elf Prozent bei den Ankünften zeichnet die Landespolitik ein optimistisches Bild der Lage. Bürgermeisterin Franziska Giffey und die Geschäftsführung der Vermarktungsorganisation Visit Berlin betonen die Stabilität des Sektors, lassen jedoch den kritischen Vergleich mit den historischen Bestwerten weitgehend außen vor. Angesichts von über 220.000 Arbeitsplätzen, die direkt oder indirekt vom Städtetourismus abhängen, wächst der Druck auf die Verantwortlichen, eine tragfähige Strategie zur Rückgewinnung verloren gegangener Marktanteile in Europa und im Inland zu entwickeln.
Diskrepanz zwischen politischer Kommunikation und statistischer Realität
Die offizielle Bilanz für das Jahr 2025 offenbart ein tiefgreifendes strukturelles Problem in der touristischen Vermarktung der Hauptstadt. Im Jahr 2019 wurden noch 34,1 Millionen Übernachtungen von etwa 13,9 Millionen Gästen registriert. Die nun gemeldeten 29,4 Millionen Übernachtungen bedeuten einen Rückgang, der sich über sechs Jahre hinweg verfestigt hat. In der öffentlichen Wahrnehmung wird dieser Umstand jedoch durch eine gezielte Auswahl von Vergleichszeiträumen abgemildert. In den Verlautbarungen der Senatsverwaltung für Wirtschaft wird vorrangig auf das Niveau des Vorjahres 2024 verwiesen, welches in etwa gehalten werden konnte. Franziska Giffey betonte mehrfach die Anziehungskraft Berlins und verwies auf die internationale Strahlkraft der Stadt.
Branchenexperten kritisieren jedoch, dass ein bloßes Halten des Vorjahresniveaus nicht ausreiche, um die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen europäischen Destinationen sicherzustellen. Während Berlin stagniert, investieren andere Großstädte massiv in ihre Infrastruktur und ihr Destinationsmarketing. Der Verzicht auf den Vergleich mit 2019 in der offiziellen Pressemitteilung von Visit Berlin wird von Kritikern als Verschleierung der tatsächlichen Marktentwicklung gewertet. Geschäftsführer Burkhard Kieker bezeichnete das Jahr 2025 als anspruchsvoll, gab sich jedoch zuversichtlich, dass Berlin durch seine kulturelle Vielfalt und die anstehenden Großereignisse in der Zukunft wieder stärker wachsen werde.
Verschiebungen in den Quellmärkten und die Bedeutung der Inlandstouristen
Ein detaillierter Blick auf die Herkunftsländer der Gäste zeigt interessante Verschiebungen. Zuwächse konnten vor allem in asiatischen Märkten verzeichnet werden. Die Zahl der Besucher aus China stieg um 14,4 Prozent, während Gäste aus Indien ein Plus von 10,0 Prozent verzeichneten. Diese Entwicklung wird von der Politik als Beleg für die erfolgreiche internationale Ausrichtung der Stadt angeführt. Dennoch warnen Wirtschaftsforscher davor, die Bedeutung dieser Märkte überzubewerten. In absoluten Zahlen machen China und Indien nur einen Bruchteil des gesamten Volumens aus.
Die eigentliche Schwachstelle liegt im Ausbleiben der Gäste aus Deutschland und den europäischen Nachbarländern. Der Inlandstourismus, der traditionell das Rückgrat des Berliner Beherbergungsgewerbes bildet, hat sich bisher nicht vollständig erholt. Gründe hierfür werden in der veränderten wirtschaftlichen Lage, gestiegenen Preisen für Übernachtungen und Gastronomie sowie einer veralteten Wahrnehmung des Berliner Freizeitangebots vermutet. Auch die Geschäftsreisetätigkeit, die einen signifikanten Anteil an den Berliner Übernachtungszahlen stellt, hat sich durch die Digitalisierung von Konferenzen und die Kostenoptimierung in Unternehmen dauerhaft verändert. Ohne eine Rückkehr der Massenmärkte aus Europa bleibt das Ziel von über 30 Millionen Übernachtungen in weiter Ferne.
Arbeitsmarkt und wirtschaftliche Relevanz des Sektors
Die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus für Berlin kann kaum überschätzt werden. Laut offiziellen Angaben hängen 224.800 Arbeitsplätze direkt vom Städtetourismus ab. Dies umfasst nicht nur die Hotellerie und Gastronomie, sondern auch den Einzelhandel, Kulturbetriebe sowie den Bereich der Kongress- und Messestandorte. Ein anhaltendes Defizit bei den Gästezahlen wirkt sich somit unmittelbar auf die Steuerkraft des Landes und die Stabilität des Arbeitsmarktes aus. Insbesondere im Bereich der ungelernten oder angelernten Kräfte stellt der Tourismus eine unverzichtbare Einstiegschance dar.
Gleichzeitig leidet die Branche unter einem eklatanten Fachkräftemangel. Viele Beschäftigte haben sich während der Krisenjahre beruflich umorientiert. Die verbliebenen Betriebe stehen vor der Herausforderung, trotz geringerer Auslastung im Vergleich zu 2019 höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen bieten zu müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Diese Kostensteigerungen werden oft an die Gäste weitergegeben, was wiederum die Attraktivität Berlins als erschwingliche Städtedestination im Vergleich zu osteuropäischen Metropolen wie Warschau oder Prag schmälert.
Strategische Herausforderungen für die Zukunft
Ein zentraler Kritikpunkt der Opposition und von Verbänden der Tourismuswirtschaft ist das Fehlen einer zukunftsweisenden Gesamtstrategie. Es reiche nicht aus, auf die Einzigartigkeit der Stadt zu vertrauen. Berlin müsse sich im harten Wettbewerb der Metropolen neu positionieren. Während London auf großangelegte Events und Paris auf die Aufwertung seines historischen Erbes setzt, wirkt das Berliner Angebot oft fragmentiert. Die Diskussion um die Erreichbarkeit der Stadt spielt hierbei eine wesentliche Rolle. Der Flughafen Berlin Brandenburg (BER) konnte bisher nicht die Rolle als globales Drehkreuz einnehmen, die für eine massive Steigerung der Fernmärkte notwendig wäre.
Zudem wird die Frage laut, wie die Stadt mit den veränderten Bedürfnissen der Reisenden umgeht. Kurztrips werden heute oft spontaner gebucht, wobei die Qualität des öffentlichen Raums und das Sicherheitsgefühl vor Ort entscheidende Kriterien sind. Hier hat Berlin in den vergangenen Jahren mit Herausforderungen in der Sauberkeit und der öffentlichen Ordnung zu kämpfen gehabt, was die Aufenthaltsqualität in bestimmten Quartieren beeinträchtigt. Eine Strategie für 2030 müsse daher nicht nur das Marketing, sondern auch die Stadtentwicklung und die Sicherheitspolitik integrieren, um Berlin für europäische Wochenendbesucher wieder attraktiver zu machen.
Zukunftsaussichten und wirtschaftlicher Ausblick
Trotz der ernüchternden Zahlen für 2025 gibt es Signale für eine mögliche Trendwende in der zweiten Hälfte der laufenden Dekade. Die geplante Erweiterung des Messegeländes und die Ansiedlung neuer Technologieunternehmen könnten den Geschäftstourismus beleben. Auch im Kulturbereich setzt die Stadt auf neue Akzente, um Berlin als führende Kunstmetropole zu festigen. Die Landespolitik hält an ihrem Optimismus fest und setzt auf die Anziehungskraft von Jubiläen und Sportevents.
Allerdings wird der Erfolg maßgeblich davon abhängen, ob es gelingt, die Kernmärkte in Deutschland und Europa zurückzugewinnen. Die Konkurrenz schläft nicht, und die preisliche Sensibilität der Reisenden ist nach wie vor hoch. Berlin muss beweisen, dass es nicht nur von seiner Vergangenheit zehren kann, sondern als moderne, pulsierende Weltstadt ein Erlebnis bietet, das die Reisekosten rechtfertigt. Ohne eine ehrliche Analyse der Defizite und einen Verzicht auf beschönigende Vergleiche wird es schwierig sein, die Lücke von vier Millionen Übernachtungen bis zum Ende der aktuellen Legislaturperiode zu schließen. Die kommenden zwei Jahre werden zeigen, ob der politische Optimismus durch Taten und steigende Zahlen untermauert werden kann.