Bombardier CRJ-900 (Foto: Jan Gruber).
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Tarifkonflikt bei Lufthansa Cityline: Piloten stimmen mit überwältigender Mehrheit für Arbeitskampfmaßnahmen

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Die tarifliche Auseinandersetzung zwischen der Vereinigung Cockpit und der Lufthansa-Tochtergesellschaft Cityline hat eine neue Eskalationsstufe erreicht. In einer am 26. Februar 2026 abgeschlossenen Urabstimmung haben sich die Pilotinnen und Piloten mit einer beispiellosen Geschlossenheit für die Unterstützung ihrer Tarifkommission ausgesprochen. Bei einer Beteiligungsquote von 95 Prozent votierten 99 Prozent der stimmberechtigten Mitglieder für die Einleitung sämtlicher notwendiger Schritte, was explizit auch Streikmaßnahmen einschließt.

Dieser deutliche Rückhalt verschafft der Group-Tarifkommission ein massives Mandat für die weiteren Verhandlungen über den Vergütungstarifvertrag. Trotz eines kurz vor Ende der Abstimmung unterbreiteten Angebots der Arbeitgeberseite sieht die Gewerkschaft keine Basis für eine Einigung. Die Forderungen nach einer signifikanten Gehaltsanpassung und besseren strukturellen Bedingungen stehen einer vom Unternehmen geforderten langen Friedenspflicht gegenüber, welche die Handlungsfähigkeit der Arbeitnehmervertreter bis Ende 2027 einschränken würde. Der Konflikt steht zudem im Kontext einer neuen gewerkschaftlichen Strategie, welche die Interessen aller Cockpit-Besatzungen innerhalb der Lufthansa Group flugbetriebsübergreifend bündeln soll.

Hintergründe der Urabstimmung und die neue Geschlossenheit

Der Abschluss der Urabstimmung markiert den vorläufigen Höhepunkt einer monatelangen Phase erfolgloser Verhandlungen. Die Vereinigung Cockpit betont, dass das Ergebnis weit über dem erforderlichen Quorum liegt und ein klares Signal an den Vorstand der Lufthansa Group sendet. Andreas Pinheiro, Präsident der Vereinigung Cockpit, wertete das Votum als Beweis für das tiefe Vertrauen der Belegschaft in die gewählte Tarifkommission. Die Cityline-Piloten fordern insbesondere einen Ausgleich für die Reallohnverluste der vergangenen Jahre sowie eine Angleichung der Arbeitsbedingungen an die Standards innerhalb des Gesamtkonzerns.

Ein zentraler Aspekt der aktuellen Situation ist die Rolle der 2023 gegründeten Group-Tarifkommission. Diese Institution wurde ins Leben gerufen, um die oft kritisierte Zersplitterung der Tariflandschaft innerhalb des Lufthansa-Konzerns zu beenden. In der Vergangenheit wurden die verschiedenen Flugbetriebe wie Cityline, Eurowings oder die Kernmarke Lufthansa häufig in separate Verhandlungen gedrängt, was aus Sicht der Gewerkschaft dazu führte, dass die Belegschaften gegeneinander ausgespielt werden konnten. Mit der Bündelung der Interessen durch die GTK verfolgt die VC das Ziel, konzernweite Mindeststandards zu etablieren und den Schutz der Piloten flugbetriebsübergreifend zu harmonisieren.

Analyse des jüngsten Arbeitgeberangebots und die Friedenspflicht

Kurz vor der Bekanntgabe des Abstimmungsergebnisses, am 25. Februar 2026, legte die Lufthansa-Geschäftsführung ein neues Angebot vor. Zwar verzichtete der Arbeitgeber in diesem Entwurf auf die zuvor geforderten Gegenfinanzierungen, was in der Tarifwelt oft als Streichung von Sozialleistungen oder Urlaubsansprüchen im Tausch gegen Gehaltserhöhungen verstanden wird. Dennoch stieß das Angebot bei der Gewerkschaft auf strikte Ablehnung. Der Hauptgrund hierfür liegt in einer Klausel, die eine absolute Friedenspflicht für alle tariflich regelbaren Themen bis zum Ende des Jahres 2027 vorsieht.

Aus Sicht der Vereinigung Cockpit käme die Annahme dieses Angebots einer Selbstentwaffnung gleich. Eine derart weitreichende Friedenspflicht würde bedeuten, dass die Gewerkschaft über fast zwei Jahre hinweg keine Möglichkeit hätte, auf operative oder wirtschaftliche Veränderungen mit tariflichen Forderungen zu reagieren. Die VC sieht darin den Versuch, die neu gewonnene Stärke der Group-Tarifkommission im Keim zu ersticken und die Cityline-Piloten faktisch handlungsunfähig zu machen. Zudem bleiben die angebotenen Gehaltssteigerungen laut Gewerkschaftsangaben deutlich hinter der Inflationsentwicklung und den Produktivitätsgewinnen des Unternehmens zurück.

Wirtschaftliche Rahmenbedingungen und operative Auswirkungen

Die Lufthansa Cityline spielt eine entscheidende Rolle im Feeder-Netzwerk des Konzerns. Sie bedient von den Drehkreuzen Frankfurt und München aus zahlreiche europäische Destinationen und sorgt dafür, dass die Langstreckenmaschinen der Kernmarke ausgelastet werden. Ein Streik bei der Cityline hätte daher unmittelbare Auswirkungen auf das gesamte globale Netzwerk der Lufthansa. Da die Maschinen der Cityline oft im Auftrag und unter Flugnummern der Muttergesellschaft operieren, wäre eine Unterscheidung für den Passagier kaum wahrnehmbar, die betrieblichen Störungen jedoch massiv.

Wirtschaftlich befindet sich der Lufthansa-Konzern in einer Phase der Konsolidierung nach den Turbulenzen der vergangenen Jahre. Die Geschäftsführung argumentiert, dass moderate Tarifabschlüsse notwendig seien, um die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Low-Cost-Carriern und staatlich subventionierten Fluggesellschaften aus dem Nahen Osten zu wahren. Die Piloten halten dagegen, dass die Rekordgewinne und die hohe Auslastung der Maschinen einen gerechten Anteil für das Personal rechtfertigen, das den operativen Betrieb unter oft schwierigen Bedingungen aufrechterhält. Der Konflikt bei Cityline wird in der Branche auch als Testlauf für die kommenden Verhandlungen in anderen Konzernteilen gesehen.

Drohende Arbeitskampfmaßnahmen und strategisches Vorgehen

Mit dem nun vorliegenden Mandat ist die VC jederzeit in der Lage, zu Streiks aufzurufen. Die Gewerkschaft betonte jedoch, dass Arbeitskämpfe immer das letzte Mittel seien. Dennoch lässt die Rhetorik der vergangenen Tage kaum Zweifel daran, dass man bereit ist, den Druck massiv zu erhöhen, sollte die Arbeitgeberseite kein deutlich verbessertes Angebot vorlegen. Ein Streik könnte bereits in den kommenden Wochen weite Teile des regionalen Flugverkehrs in Deutschland und Europa lahmlegen.

Die Group-Tarifkommission bereitet sich intern bereits auf verschiedene Szenarien vor. Dabei geht es nicht nur um die bloße Arbeitsniederlegung, sondern auch um die Koordination mit den Piloten anderer Konzerntöchter. Die Solidarität innerhalb der Pilotenschaft scheint so hoch wie selten zuvor. Beobachter erwarten, dass die VC zunächst punktuelle Nadelstiche setzen wird, bevor es zu einem flächendeckenden Ausstand kommt. Das Ziel bleibt ein Vergütungstarifvertrag, der sowohl eine angemessene finanzielle Anerkennung als auch zukunftssichere Rahmenbedingungen ohne knebelnde Friedenspflichten garantiert.

Zukunft der Tarifpolitik im Lufthansa-Konzern

Der Ausgang dieses Konflikts wird richtungsweisend für die zukünftige Tarifpolitik der gesamten Lufthansa Group sein. Gelingt es der Vereinigung Cockpit, ihre Forderungen durchzusetzen, wäre dies ein Erfolg für das Konzept der Group-Tarifkommission und könnte als Blaupause für andere Berufsgruppen im Konzern dienen. Scheitert die Strategie hingegen, dürften die Bestrebungen zur Zentralisierung der Tarifmacht innerhalb der Gewerkschaften einen Dämpfer erhalten.

Die kommenden Tage werden entscheidend sein. Beide Seiten stehen unter Beobachtung der Öffentlichkeit und der Aktionäre. Während die Passagiere auf eine friedliche Einigung hoffen, bereiten sich die Crews auf den Ernstfall vor. Das eindeutige Votum der Urabstimmung lässt keinen Spielraum für Fehlinterpretationen: Die Piloten der Cityline sind bereit, für ihre Interessen einzustehen, und haben die organisatorische Struktur geschaffen, um diesen Kampf langwierig und wirkungsvoll zu führen.

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