Bombardier CRJ-900 (Foto: Jan Gruber).
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Flugbegleiter der Lufthansa und Cityline stimmen mit überwältigender Mehrheit für Streiks

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Die Tarifauseinandersetzungen im Lufthansa-Konzern steuern auf einen neuen Höhepunkt zu. In einer kürzlich abgeschlossenen Urabstimmung haben die Mitglieder der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation (UFO) sowohl bei der Muttergesellschaft Deutsche Lufthansa AG als auch bei der Tochtergesellschaft Lufthansa Cityline mit drastischen Mehrheiten für die Durchführung von Arbeitskampfmaßnahmen gestimmt.

Während bei der Kernmarke Lufthansa eine Zustimmung von 94,02 Prozent verzeichnet wurde, fiel das Ergebnis bei der Lufthansa Cityline mit 98,63 Prozent noch deutlicher aus, wobei die Gewerkschaft hervorhob, dass bei der Tochtergesellschaft keine einzige Gegenstimme abgegeben wurde. Das Votum gilt als deutliches Signal an das Management des Kranich-Konzerns, nachdem Verhandlungen über neue Manteltarifverträge und soziale Absicherungen aus Sicht der Arbeitnehmervertreter gescheitert sind. Die Gewerkschaft betont eine historisch hohe Beteiligung und sieht in dem Ergebnis einen klaren Auftrag, die Forderungen der Kabinenbeschäftigten mit dem Mittel des Streiks durchzusetzen, sollte die Arbeitgeberseite kein verbessertes Angebot vorlegen. Damit drohen dem deutschen Luftverkehr in naher Zukunft massive Beeinträchtigungen, die sowohl den nationalen als auch den internationalen Flugplan der größten deutschen Airline empfindlich treffen könnten.

Gescheiterte Moderation und der Vorwurf des Standardabbaus

Im Zentrum des Konflikts bei der Deutschen Lufthansa AG steht der Manteltarifvertrag (MTV), der die allgemeinen Arbeitsbedingungen wie Ruhezeiten, Dienstplanstrukturen und Urlaubsregelungen definiert. Die Verhandlungen hierzu werden von beiden Seiten seit Monaten mit großer Härte geführt. Nach Einschätzung der UFO sind die Gespräche endgültig festgefahren, da das Management unter dem Schlagwort der smarten Produktivität Veränderungen anstrebt, die von der Gewerkschaft als systematischer Abbau von Schutzstandards gewertet werden. Harry Jaeger, Leiter der Tarifpolitik und Verhandlungsführer der UFO, kritisierte die Strategie des Konzerns scharf als Kahlschlag der Arbeitsbedingungen.

Ein kurzfristig anberaumter Moderationsversuch, der die Wogen glätten sollte, brachte nicht den erhofften Durchbruch. Die Fronten scheinen verhärtet: Während das Unternehmen auf die Notwendigkeit von Flexibilität und Effizienzsteigerungen verweist, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können, sieht das Kabinenpersonal seine physische und soziale Belastungsgrenze erreicht. Die hohe Zustimmung zur Urabstimmung spiegelt nach Ansicht der Gewerkschaftsführung den enormen Druck wider, unter dem die Flugbegleiter im täglichen Betrieb stehen. Trotz der Streikfreigabe signalisiert die UFO weiterhin eine grundsätzliche Gesprächsbereitschaft, knüpft diese jedoch an die Bedingung, dass die Arbeitgeberseite ein ernsthaftes und verhandlungsfähiges Angebot zum Manteltarifvertrag unterbreitet.

Existenzielle Sorgen bei Lufthansa Cityline

Noch dramatischer stellt sich die Situation bei der Tochtergesellschaft Lufthansa Cityline dar. Hier geht es nicht nur um die Ausgestaltung von Arbeitsbedingungen, sondern um die langfristige berufliche Existenz der rund 800 Kabinenbeschäftigten. Hintergrund ist die geplante Einstellung des Flugbetriebs der Cityline in ihrer jetzigen Form, was mit weitreichenden personellen Konsequenzen verbunden ist. Die UFO wirft dem Management vor, Verhandlungen über einen tariflichen Sozialplan, der Abfindungen, Übergangsregelungen oder Transfermöglichkeiten regeln würde, konsequent zu verweigern.

Die Gewerkschaft spricht in diesem Zusammenhang von einem Ignorieren der Realität, in der sich die betroffenen Mitarbeiter befinden. Das Abstimmungsergebnis von über 98 Prozent ohne eine einzige Gegenstimme wird als Akt der Verzweiflung und zugleich als Demonstration unbedingter Geschlossenheit interpretiert. Die Beschäftigten bei Cityline fühlen sich durch unverbindliche Zusagen des Managements hingehalten und fordern rechtlich bindende Absicherungen für den Fall des Arbeitsplatzverlustes oder der betrieblichen Umstrukturierung. Für die UFO ist das Votum ein Beweis dafür, dass sich die Belegschaft gegen eine Kommunikation wehrt, die aus ihrer Sicht gegen die eigenen Mitarbeiter gerichtet ist.

Strukturelle Bedeutung des Kabinenpersonals im Konzerngefüge

Die aktuelle Eskalation ist auch vor dem Hintergrund der allgemeinen Konzernstrategie der Lufthansa zu sehen. Der Konzern versucht seit Jahren, durch die Gründung neuer Flugbetriebe und die Umstrukturierung bestehender Töchter die Kostenstrukturen zu optimieren. Für das Kabinenpersonal bedeutet dies häufig einen Wechsel in neue Vertragswerke, die teilweise geringere Standards vorsehen als die traditionsreichen Verträge der Kernmarke. Die Kabine nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein, da sie nicht nur für den Service, sondern vor allem für die Sicherheit an Bord verantwortlich ist.

Flugbegleiter unterliegen strengen gesetzlichen Regelungen bezüglich Flugdienst- und Ruhezeiten. Jede Aufweichung dieser Standards, wie sie die Gewerkschaft befürchtet, hat unmittelbare Auswirkungen auf die Lebensqualität und die Gesundheit der Angestellten. Die UFO betont, dass das klare Votum der Mitglieder zeigt, wie breit die Haltung der Gewerkschaft in der Belegschaft verankert ist. Sara Grubisic, stellvertretende Vorsitzende der UFO, sieht in den Ergebnissen nicht nur eine Bestätigung der bisherigen Linie, sondern einen konkreten Kampfauftrag. Der Rückenwind aus der Urabstimmung soll nun genutzt werden, um den Druck auf die Entscheidungsträger im Konzernvorstand massiv zu erhöhen.

Wirtschaftliche Folgen und operative Risiken eines Streiks

Sollte es tatsächlich zu Arbeitsniederlegungen kommen, stünde die Lufthansa vor erheblichen operativen Problemen. Ein Kabinenstreik ist in seiner Wirkung oft schwerwiegender als ein Pilotenstreik, da Flugzeuge ohne die gesetzlich vorgeschriebene Mindestanzahl an Flugbegleitern nicht abheben dürfen. Während Piloten teilweise durch Management-Personal oder Umplanungen ersetzt werden können, ist dies bei der großen Zahl benötigter Kabinenkräfte kaum möglich. Ein großflächiger Streik würde somit unweigerlich zu Annullierungen im gesamten Streckennetz führen.

Finanziell belasten solche Arbeitskämpfe den Konzern doppelt: Zum einen entgehen dem Unternehmen Ticketeinnahmen, zum anderen entstehen hohe Kosten durch Entschädigungszahlungen an Passagiere gemäß der EU-Fluggastrechteverordnung sowie durch Umbuchungen auf Fremd-Airlines oder die Unterbringung von gestrandeten Reisenden. Darüber hinaus droht ein langfristiger Imageschaden, wenn die Zuverlässigkeit des Flugbetriebs durch wiederkehrende Tarifkonflikte infrage gestellt wird. Die Lufthansa-Aktie reagiert auf solche Unsicherheiten erfahrungsgemäß volatil, da Investoren eine dauerhafte Befriedung der Tarifbeziehungen bevorzugen, um die Planbarkeit des Geschäftsmodells zu sichern.

Ausblick auf die kommenden Verhandlungstage

Die UFO wird nun auf Basis der vorliegenden Ergebnisse über den Zeitpunkt und die Dauer möglicher Streiks entscheiden. In der Regel erfolgt vor dem eigentlichen Beginn des Arbeitskampfes eine letzte Fristsetzung an den Arbeitgeber. Beobachter halten es für möglich, dass die Gewerkschaft zunächst punktuelle Nadelstiche setzt, um den Betrieb zu stören, ohne sofort den kompletten Stillstand zu erzwingen. Dies würde dem Management eine letzte Brücke bauen, um an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Die kommenden Tage werden entscheidend dafür sein, ob die Lufthansa-Führung bereit ist, von ihren bisherigen Positionen abzurücken. Sollte das Management weiterhin auf Zeit spielen, wie die Gewerkschaft vermutet, erscheint ein großflächiger Streik in der Kabine unvermeidlich. Die Geschlossenheit der Beschäftigten, dokumentiert durch die Urabstimmung, lässt wenig Raum für Zweifel an der Entschlossenheit der UFO-Mitglieder. Der Konflikt hat eine Ebene erreicht, auf der es nicht mehr nur um prozentuale Lohnsteigerungen geht, sondern um die grundsätzliche Anerkennung der sozialen Standards und die Sicherheit der Arbeitsplätze in einem sich wandelnden Konzernumfeld.

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