Der Privatisierungsprozess der portugiesischen Nationalfluggesellschaft Tap Air Portugal ist in eine entscheidende Phase getreten. Bis zum Ablauf der Frist am 2. April 2026 haben sowohl die Lufthansa Group als auch die franko-niederländische Air France-KLM unverbindliche Angebote für eine Minderheitsbeteiligung bei der staatlichen Holdinggesellschaft Parpublica eingereicht.
Die portugiesische Regierung plant den Verkauf eines Anteils von 44,9 Prozent an einen strategischen Partner, während weitere fünf Prozent für die Belegschaft reserviert sind. Während die International Airlines Group (IAG) Berichten zufolge einen Rückzug aus dem Verfahren erwägt, positioniert sich die Lufthansa mit einer klaren Expansionsstrategie für den südatlantischen Raum. Konzernchef Carsten Spohr bezeichnete die portugiesische Airline als ideale Ergänzung für das Netzwerk der Lufthansa, insbesondere um die Präsenz in Brasilien und Lateinamerika zu stärken. Die Entscheidung über den siegreichen Bieter wird für den Sommer 20erwartet und könnte die Machtverhältnisse im europäischen Luftraum sowie die Allianz-Zugehörigkeit der Tap maßgeblich verändern.
Strategische Ausrichtung und Wettbewerbsvorteile der Lufthansa
Die Lufthansa Group unterstreicht mit ihrem Angebot ihre Ambitionen, die Konsolidierung des europäischen Luftverkehrsmarktes aktiv mitzugestalten. Nach den Beteiligungen an der italienischen ITA Airways und der lettischen airBaltic markiert das Interesse an Tap Air Portugal den nächsten logischen Schritt in der Multi-Hub-Strategie des Konzerns. Tamur Goudarzi Pour, Strategiechef der Lufthansa, bestätigte, dass die Gruppe trotz der aktuellen Energiekrise nicht bereit sei, ihre Preisvorstellungen nach unten zu korrigieren. Er hob hervor, dass eine Minderheitsbeteiligung kein Hindernis darstelle, da bereits in dieser Phase erhebliche Integrationsvorteile und Synergien realisiert werden könnten, ohne unmittelbar die Mehrheitskontrolle ausüben zu müssen.
Ein zentrales Argument der Lufthansa im Bieterwettstreit ist die geografische Komplementarität. Während die Konkurrenten Air France-KLM und IAG bereits über starke Drehkreuze in relativer Nähe zu Portugal verfügen – namentlich in Paris, Madrid und London –, argumentiert die Lufthansa, dass eine Partnerschaft mit ihr den Hub in Lissabon stärken würde, anstatt ihn redundant zu machen. Durch die Anbindung an die Lufthansa-Drehkreuze in Frankfurt und München entstünde ein echtes Netzwerk-Plus, ohne dass Verkehre unnötig abgezogen würden. Dies sei ein entscheidender Vorteil gegenüber Wettbewerbern, die möglicherweise versuchen könnten, den Verkehr über ihre bereits bestehenden südeuropäischen oder atlantischen Knotenpunkte umzuleiten.
Investitionen in Infrastruktur und Technologie am Standort Portugal
Über den reinen Flugbetrieb hinaus plant die Lufthansa Group umfangreiche Investitionen in den Luftfahrtstandort Portugal. Ein Kernpunkt der Strategie ist die Modernisierung des Kundenerlebnisses an Bord der Tap-Flotte. Hierbei setzt die Lufthansa auf modernste Technologie und plant die Einführung von Breitband-Internet via Starlink in allen Flugzeugtypen. Diese technologische Aufwertung soll den Premium-Anspruch der Airline unterstreichen und die Wettbewerbsfähigkeit auf den lukrativen Langstreckenrouten nach Nord- und Südamerika sichern.
Zudem weitet der Konzern seine industrielle Präsenz im Land aus. In Santa Maria da Feira, unweit von Porto, entsteht derzeit eine neue Anlage von Lufthansa Technik, die auf die Reparatur und Wartung von Flugzeugkomponenten spezialisiert ist. Darüber hinaus prüft die Gruppe gemeinsam mit der portugiesischen Luftwaffe die Gründung einer Pilotenschule. Diese Maßnahmen signalisieren der portugiesischen Regierung, dass die Lufthansa an einer langfristigen und tiefgreifenden Partnerschaft interessiert ist, die über den reinen Aktienkauf hinausgeht und hochqualifizierte Arbeitsplätze im Land schafft.
Kontrastierende Visionen und die Frage der Allianz-Zugehörigkeit
Sollte sich die IAG tatsächlich aus dem Prozess zurückziehen, da eine Minderheitsbeteiligung nicht mit ihrem Ziel einer Mehrheitskontrolle vereinbar ist, liefe alles auf ein Duell zwischen der Lufthansa und Air France-KLM hinaus. Die beiden verbleibenden Bieter verfolgen jedoch unterschiedliche Ansätze für die Zukunft der Tap. Während Air France-KLM verspricht, Lissabon zu ihrem einzigen südeuropäischen Drehkreuz auszubauen, betont die Lufthansa eine ausgewogene Wachstumsstrategie für Lissabon und Porto.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die internationale Allianz-Zugehörigkeit. Tap Air Portugal ist derzeit ein wichtiges Mitglied der Star Alliance, der auch die Lufthansa als Gründungsmitglied angehört. Ein Einstieg der Lufthansa würde die Stabilität innerhalb dieses Bündnisses garantieren und die Fortführung bestehender Codeshare-Abkommen und Vielfliegerprogramme ohne Brüche ermöglichen. Ein Zuschlag für Air France-KLM, die im SkyTeam-Bündnis operiert, würde hingegen einen Allianz-Wechsel der Tap wahrscheinlich machen. Dies hätte weitreichende Konsequenzen für die Netzplanung und die Passagierströme innerhalb Europas und über den Atlantik hinweg.
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen und politische Vorgaben
Die Privatisierung der Tap, die 2020 zur Abwendung einer pandemiebedingten Insolvenz verstaatlicht wurde, ist für die portugiesische Regierung ein hochsensibles Thema. Infrastrukturminister Miguel Pinto Luz betonte, dass die Angebote nicht nur finanzielle Parameter enthalten müssen, sondern auch detaillierte Industriepläne und Garantien für den Erhalt des Status als EU-Luftfahrtunternehmen. Die Regierung legt großen Wert darauf, dass die strategische Unabhängigkeit der Tap und ihre Funktion als Bindeglied zu den portugiesischsprachigen Märkten weltweit gewahrt bleiben.
Trotz sinkender Gewinne im Jahr 2025 bleibt die Tap aufgrund ihrer exklusiven Verkehrsrechte und ihrer modernen Flotte von 99 Flugzeugen ein attraktives Übernahmeziel. Die Lufthansa sieht in der Integration der portugiesischen Nationalgesellschaft die Chance, ihre Marktführerschaft in Europa weiter auszubauen und den Wettbewerbsdruck auf der Südhalbkugel zu erhöhen. Mit der Abgabe des unverbindlichen Angebots hat der Frankfurter Konzern nun seine Position im Ringen um eine der letzten verfügbaren Staatsairlines in Europa gefestigt. Die kommenden Monate werden zeigen, welches Konzept die portugiesische Regierung mehr überzeugt: Die tiefgreifende industrielle Integration durch die Lufthansa oder das Hub-Modell von Air France-KLM.