Seit dem faktischen Stillstand des Flugbetriebs der Air Moldova im Mai 2023 und dem endgültigen Entzug der Betriebsgenehmigung im Februar 2024 herrscht Unklarheit über den Fortbestand der traditionsreichen Fluggesellschaft. Zehntausende Fluggäste warten seither auf die Rückerstattung ihrer Ticketkosten.
Mit dem Beschluss des Gerichts in Chisinau vom 19. Januar 2026 wurde das Unternehmen offiziell in ein Insolvenzverfahren überführt, nachdem ein zuvor angestrebtes beschleunigtes Sanierungsverfahren gescheitert war. Während die ernannte Insolvenzverwalterin und Liquidatorin Irina Selevestru die schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen als Hauptursache anführt, kämpfen rund 27.000 Passagiere um Entschädigungen für insgesamt 52.500 Flugtickets. Der Gesamtwert der ausstehenden Forderungen beläuft sich auf fast 6,2 Millionen Euro, während die rechtliche Klärung über die Liquidation oder eine mögliche Wiederaufnahme des Betriebs derzeit noch in der Schwebe liegt.
Der Weg in die Zahlungsunfähigkeit und gescheiterte Sanierungsversuche
Die wirtschaftliche Abwärtsspirale der Air Moldova begann bereits im Frühjahr 2023, als das Unternehmen gezwungen war, zahlreiche Flüge aufgrund von Flottenproblemen zu streichen. Zu diesem Zeitpunkt standen drei der vier vorhandenen Maschinen nicht zur Verfügung, da sie entweder gewartet wurden oder von Leasinggebern zurückgezogen wurden. Um den Betrieb kurzfristig aufrechtzuerhalten, leaste die Fluggesellschaft Flugzeuge von Drittanbietern wie SkyUp Airlines und ETF Airways an, konnte jedoch die finanziellen Lasten nicht mehr decken. Im Mai 2023 stellte das Unternehmen schließlich einen Antrag auf ein beschleunigtes Sanierungsverfahren, ein Instrument, das nach europäischem Vorbild in die moldauische Gesetzgebung integriert wurde, um Unternehmen in Schieflage vor der endgültigen Insolvenz zu bewahren.
Trotz der Ankündigung eines potenziellen Investors, der bereit gewesen sein soll, rund 50 Millionen US-Dollar zur Deckung der Schulden und zur Erweiterung der Flotte bereitzustellen, gelang der Durchbruch nicht. Im Oktober 2025 stimmte zwar eine Mehrheit der Gläubiger einem Sanierungsplan zu, doch rechtliche Einwände und die mangelnde Umsetzung führten dazu, dass das Gericht im Januar 2026 den Status in ein Insolvenzverfahren änderte. Air Moldova ficht diesen Beschluss derzeit vor dem Berufungsgericht in Chisinau an, was den rechtlichen Status des Unternehmens momentan instabil hält. Solange dieses Verfahren läuft, bleibt unklar, ob eine Liquidation eingeleitet wird oder ob es noch eine theoretische Chance auf eine Umstrukturierung gibt.
Finanzielle Forderungen und die Rolle der Zivilluftfahrtbehörde
Die Dimensionen der Schuldenlast gegenüber den Kunden sind beträchtlich. Nach Angaben der moldauischen Zivilluftfahrtbehörde (AAC) schuldet die Fluggesellschaft ihren Passagieren rund 6,2 Millionen Euro. Ein Teil der Rückzahlungen konnte bereits abgewickelt werden: Über die beteiligte Moldova-Agroindbank wurden etwa 5,6 Millionen Euro an Gläubiger zurückgeführt. Dennoch verbleiben zehntausende unbezahlte Tickets. Auf den Konten, die für den Online-Verkauf genutzt wurden und auf die mittlerweile eine Beschlagnahme beantragt wurde, befinden sich laut AAC-Leiter Andrei Cebanu derzeit etwa 38 Millionen Lei (ca. 2 Millionen Euro), die unter der Verwaltung der besicherten Gläubigerbank stehen.
Die rechtliche Lage für die betroffenen Passagiere ist jedoch kompliziert. Gemäß dem Montrealer Übereinkommen zur Vereinheitlichung von Regeln über die Beförderung im internationalen Luftverkehr sowie dem moldauischen Verbraucherschutzgesetz gilt eine zweijährige Frist für die Geltendmachung von Haftungsklagen. Da der Flugbetrieb bereits im Mai 2023 weitgehend eingestellt wurde, rückt das Ende dieser Frist für viele Kunden in unmittelbare Nähe oder ist teilweise bereits erreicht. Passagiere werden von den Behörden darauf hingewiesen, dass sie ihre Forderungen offiziell im Rahmen des Gerichtsverfahrens anmelden müssen, um als Gläubiger anerkannt zu werden.
Ursachenforschung: Pandemie, Geopolitik und Flottenverlust
Die Insolvenzverwalterin Irina Selevestru führt das Scheitern von Air Moldova auf eine Kombination aus externen Schocks zurück. Die Folgen der COVID-19-Pandemie hatten den Luftfahrtsektor weltweit geschwächt, doch für Moldau kamen spezifische regionale Belastungen hinzu. Der Krieg in der Ukraine führte zu einer Sperrung von Lufträumen und einer allgemeinen Instabilität in der Region, was die Betriebskosten erhöhte und die Planungssicherheit untergrub. Ein markanter Wendepunkt war der Rückzug des Wettbewerbers Wizz Air aus dem moldauischen Markt aus Sicherheitsgründen im Frühjahr 2023. Air Moldova argumentierte damals, dass Leasinggeber ihre Flugzeuge daraufhin ebenfalls aus Sicherheitsbedenken zurückzogen, was die operative Kapazität des Unternehmens schlagartig vernichtete.
Zusätzlich zu den strukturellen Problemen kamen interne Schwierigkeiten ans Licht. Mitarbeiter der Fluggesellschaft veröffentlichten im April 2023 eine Petition an die Staatspräsidentin Maia Sandu, in der sie auf ausstehende Gehaltszahlungen über mehrere Monate hinweg aufmerksam machten und vor dem Zusammenbruch des nationalen Luftfahrtunternehmens warnten. Trotz dieser Hilferufe und der Versuche, durch das Sanierungsverfahren Zeit zu gewinnen, blieb eine staatliche Rettung oder eine private Investition aus.
Rechtliche Schritte für betroffene Passagiere
Für die rund 27.000 geschädigten Passagiere bleibt der Weg über das Insolvenzrecht die einzige Möglichkeit, zumindest Teile ihrer Kosten zurückzuerhalten. Insolvenzverwalterin Selevestru betonte, dass jeder Gläubiger einen individuellen Antrag auf Feststellung seiner Forderung stellen muss. Die Fristen hierfür sind in den jeweiligen Gerichtsbeschlüssen definiert, wobei unter bestimmten Umständen Fristverlängerungen möglich sind. Die Zivilluftfahrtbehörde fungiert in diesem Prozess primär als Informationsinstanz, da sie seit Beginn des Restrukturierungsverfahrens keine Beschwerden mehr direkt prüft, sondern auf die gerichtliche Auseinandersetzung verweist.
Mit dem Entzug der Betriebsgenehmigung im Februar 2024 hat Air Moldova offiziell ihren Status als Luftverkehrsbetreiber verloren. Dies bedeutet, dass das Unternehmen faktisch nicht mehr existiert, um kommerzielle Flüge durchzuführen. Die Entscheidung des Berufungsgerichts wird nun darüber entscheiden, ob das Kapitel Air Moldova mit einer vollständigen Liquidation endet oder ob gegen alle wirtschaftlichen Wahrscheinlichkeiten noch eine andere Lösung gefunden wird. Für den Moment bleibt das Erbe der Fluggesellschaft eine Summe aus unbezahlten Schulden und einem tiefen Einschnitt in die Konnektivität des Landes.