Airbus A350-900 (Foto: Mario Caruana / MAviO News).
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Lufthansa: Fokus auf Großraumflugzeuge und struktureller Umbau der Kernmarke

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Die Deutsche Lufthansa AG forciert im Rahmen ihres Maßnahmenpakets Turnaround eine tiefgreifende Umgestaltung ihrer Flotten- und Netzstrategie. Entgegen dem Branchentrend, der verstärkt auf den Einsatz von schmalrumpfigen Langstreckenflugzeugen wie dem Airbus A321XLR setzt, bekennt sich Konzernchef Carsten Spohr klar zum klassischen Drehkreuzmodell mit Großraumgerät. Während Wettbewerber wie United Airlines oder Air Canada den A321XLR nutzen, um neue Punkt-zu-Punkt-Verbindungen über den Atlantik zu etablieren, investiert die Lufthansa bevorzugt in größere Muster wie die Boeing 787 und den Airbus A350.

Ziel dieser Strategie ist eine Vereinfachung der Flottenstruktur bei gleichzeitiger Stärkung der Profitabilität der Kernmarke Lufthansa Classic. Diese befindet sich gegenwärtig in einem schwierigen Fahrwasser: Dünne Gewinnmargen, geopolitische Krisen und eskalierende Tarifkonflikte zwingen den Konzern zu drastischen Schritten. Dazu gehören die vorgezogene Stilllegung der Regionaltochter Lufthansa Cityline sowie die beschleunigte Ausflottung älterer, treibstoffintensiver Vierstrahler wie der Airbus A340-600 und der Boeing 747-400. Diese Maßnahmen lösen jedoch erhebliche Spannungen mit den Gewerkschaften aus, da die Belegschaft eine Entkernung der Kernmarke befürchtet.

Absage an den Airbus A321XLR und Fokus auf den Hub-Verkehr

Trotz einer intensiven Analyse des Airbus A321XLR, die bis Ende 2025 andauerte, hat sich der Lufthansa-Vorstand gegen eine Bestellung dieses Typs entschieden. Das Flugzeug, das durch technische Modifikationen wie einen integrierten Rumpftank eine Reichweite von bis zu 8.700 Kilometern erzielt, wird von Konkurrenten genutzt, um Nischenmärkte direkt zu bedienen. So plant Air Canada für 2026 beispielsweise Verbindungen von Montreal nach Berlin oder Palma de Mallorca. Lufthansa-Chef Carsten Spohr begründet die Ablehnung damit, dass Langstreckenflüge im Lufthansa-System ein reines Drehkreuzgeschäft bleiben sollen. Da die A321XLR aufgrund ihrer Reichweite ohnehin an mindestens einem Ende der Strecke einen Hub benötige, sei der Einsatz von größerem Gerät am Standort Frankfurt oder München wirtschaftlich sinnvoller.

Zudem spielt die Flottenkomplexität eine entscheidende Rolle. Der Konzern strebt danach, die Anzahl der betriebenen Flugzeugtypen zu reduzieren, um Wartungs- und Schulungskosten zu senken. Investitionen fließen daher primär in Flugzeuge ab der Größenordnung einer Boeing 787-9 oder eines Airbus A350-900. Damit einher geht eine Neuausrichtung der Kernmarke Lufthansa Classic, die künftig fast ausschließlich über das Langstreckensegment wachsen soll. Im europäischen Kurzstreckengeschäft sieht der Konzern hingegen kaum noch Möglichkeiten, mit den bestehenden Kostenstrukturen gegen die Konkurrenz zu bestehen.

Die Stilllegung von Cityline und die Folgen für die Logistik

Ein Paukenschlag in der aktuellen Umbauphase ist die sofortige Einstellung des Flugbetriebs der Lufthansa Cityline. Ursprünglich für Ende 2026 geplant, wurde die Stilllegung nun vorgezogen, um unmittelbar Kosten einzusparen. Die Stilllegung der CRJ-Flotte entlastet zwar das Budget durch geringeren Kerosinverbrauch, reißt jedoch erhebliche Lücken in das Zubringernetz der Drehkreuze. Besonders kritisch trifft dieser Schritt die Frachttochter Lufthansa Cargo. Da Cityline bisher vier Airbus A321-Frachter im Auftrag von Cargo betrieb, steht dieser Kurzstrecken-Frachtverkehr nun vorübergehend still.

Die A321F-Verbindungen, die Ziele wie Rom und Algier bedienen, sind mittlerweile fest in globale Lieferketten integriert. Lufthansa Cargo sucht derzeit händisch nach einer Anschlusslösung und einem neuen Betreiber für diese Flugzeuge unter einem anderen Luftverkehrsbetreiberzeugnis (AOC). Konkrete Entscheidungen stehen hierbei noch aus, während verschiedene Szenarien geprüft werden, um die Kapazitäten schnellstmöglich wieder an den Markt zu bringen.

Umbau der Kernmarke und Konflikt mit den Sozialpartnern

Die wirtschaftliche Schieflage der Kernmarke Lufthansa Classic ist das zentrale Problem des Konzerns. Laut Carsten Spohr verzehren die Verluste auf der Kurzstrecke die Gewinne, die auf der Langstrecke erwirtschaftet werden. Um die notwendigen Mittel für Flotteninvestitionen freizusetzen, plant der Konzern eine massive Umschichtung. Bis zum Jahr 2030 sollen nur noch etwa 50 Prozent der Kurzstreckenflotte direkt bei der Kernmarke verbleiben. Die andere Hälfte wird in effizientere und kostengünstigere Flugbetriebe wie City Airlines oder Discover Airlines überführt.

Diese Strategie führt zu einem tiefen Grabenbruch mit den Gewerkschaften. Piloten und Flugbegleiter wehren sich gegen den drohenden Bedeutungsverlust von Lufthansa Classic. In Gewerkschaftskreisen kursiert das Szenario einer Entkernung auf jeweils nur noch 100 Lang- und 100 Kurzstreckenflugzeuge, das sogenannte 100/100-Modell. Zwar betont das Management, dass eine reine Langstreckenairline aktuell nicht das Ziel sei, man darauf jedoch strategisch vorbereitet wäre. Die Kündigung der Flottenuntergrenze aus dem Jahr 2017 hat das Vertrauensverhältnis nachhaltig gestört und entlädt sich derzeit in einer Welle von Streiks, die den operativen Betrieb zusätzlich belasten und den Druck auf das Turnaround-Programm erhöhen.

Modernisierung der Langstreckenflotte und Ausblick

Um die Profitabilität nachhaltig zu sichern, treibt Lufthansa die Modernisierung der Interkontinentalflotte voran. Die Ära der treibstoffintensiven Vierstrahler neigt sich dem Ende zu. Die letzten Exemplare des Airbus A340-600 werden nach dem Sommerflugplan 2026 die Flotte verlassen, gefolgt von der Boeing 747-400 bis spätestens 2027. Diese Flugzeuge werden durch moderne Zweistrahler ersetzt, die nicht nur weniger Treibstoff verbrauchen, sondern auch geringere Wartungskosten verursachen.

Zukünftig wird die Kapazität auf der Kurzstrecke nur noch über den Einsatz von größerem Gerät wie dem Airbus A321neo oder der Boeing 737 Max 8 gesteigert, während die Anzahl der Flugbewegungen in der Kernmarke eher stagniert oder sinkt. Lufthansa setzt damit alles auf eine Karte: Die Mainline soll zum hocheffizienten Zubringer für ein profitables Langstreckengeschäft werden. Ob dieser Plan angesichts der harten Tarifauseinandersetzungen und der komplexen operativen Abhängigkeiten aufgeht, wird sich in den kommenden Monaten an der Umsetzungsgeschwindigkeit der geplanten Maßnahmen entscheiden.

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