Die deutsche Reisewirtschaft steht vor einer erheblichen Herausforderung bei der Nachwuchssicherung. Wie aus aktuellen Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hervorgeht, wurden im Jahr 2025 lediglich 957 neue Ausbildungsverträge für angehende Tourismuskaufleute unterzeichnet. Dies entspricht einem Rückgang von 6,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, als noch 1.023 Personen diesen Berufsweg einschlugen.
Damit entwickelt sich die Branche deutlich schwächer als der allgemeine Ausbildungsmarkt in Deutschland, der im gleichen Zeitraum ein Minus von lediglich 2,1 Prozent verzeichnete. Der Deutsche Reiseverband (DRV) wertet diese Entwicklung als deutliches Warnsignal für die Wettbewerbsfähigkeit der Touristik gegenüber anderen Wirtschaftszweigen.
Der langfristige Trend verdeutlicht die Schwere der Krise: Im Jahr 2015 wurden noch 1.615 neue Verträge geschlossen, was bedeutet, dass sich die Zahl der Berufseinsteiger innerhalb eines Jahrzehnts fast halbiert hat. Branchenexperten führen diesen Einbruch primär auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie zurück, die das Vertrauen in die Arbeitsplatzstabilität im Tourismus nachhaltig erschüttert hat. Zudem verschärft die demografische Entwicklung die Situation. Laut Berechnungen der Kultusministerkonferenz sinkt die Zahl der Schulabgänger auf einen historischen Tiefstand von etwa 750.000 Personen im laufenden Jahr, wodurch der Konkurrenzkampf um qualifizierte Bewerber zwischen den Branchen massiv zunimmt.
Ein zentraler Kritikpunkt des Verbandes betrifft die veralteten Rahmenbedingungen der Berufsausbildung. Der derzeit gültige Ausbildungsrahmenplan für Tourismuskaufleute datiert aus dem Jahr 2011 und wurde seither nicht grundlegend an die veränderten Anforderungen der digitalen Arbeitswelt angepasst. DRV-Präsident Albin Loidl fordert daher eine umfassende Neuordnung auf Bundesebene, um die Attraktivität des Berufs durch moderne Inhalte und eine zeitgemäße technische Ausstattung der Berufsschulen zu steigern. Da solche Reformprozesse im föderalen System Deutschlands unter Beteiligung von Bund, Ländern und Kommunen oft mehrere Jahre in Anspruch nehmen, drängt die Zeit für eine strukturelle Modernisierung.
Zusätzlich zur inhaltlichen Überarbeitung steht die Infrastruktur der Berufsschulen im Fokus. Da die Kommunen für die Ausstattung verantwortlich sind, zeigen sich bundesweit große Unterschiede in der Qualität der Ausbildungsumgebung. Um den Abwärtstrend zu stoppen, plant die Branche verstärkt auf Kooperationen zwischen Betrieben und schulischen Trägern zu setzen. Ziel ist es, die praxisnahe Vermittlung digitaler Kompetenzen zu fördern, um gegen andere Dienstleistungsberufe bestehen zu können. Ohne eine baldige Initiative zur Steigerung der Ausbildungsqualität droht der Reisewirtschaft ein dauerhafter Mangel an Fachkräften, der die operative Leistungsfähigkeit von Reisebüros und Veranstaltern gefährdet.