Der aktuelle Zustandsbericht der Bahntochter InfraGO für das Jahr 2025 bescheinigt dem deutschen Schienennetz eine Stabilisierung auf schwachem Niveau. Mit einer Durchschnittsnote von 3,0 erreicht die Infrastruktur erneut lediglich ein befriedigendes Ergebnis, ohne dass eine spürbare Trendwende eingeleitet werden konnte.
Von den insgesamt 380.000 untersuchten Anlagen, zu denen Brücken, Tunnel, Stellwerke und Gleise gehören, weisen rund 16 Prozent einen Zustand der Note 4 oder schlechter auf. Bahnchefin Evelyn Palla bezeichnete die aktuelle Lage als einen Tiefpunkt und betonte, dass viele Bahnhöfe und Anlagen weiterhin in einem schlechten baulichen Zustand verharren. Um diesem Verfall entgegenzuwirken, sind für das Jahr 2026 Bruttoinvestitionen von über 23 Milliarden Euro vorgesehen, die durch den Bund und Eigenmittel finanziert werden sollen.
Die operative Umsetzung dieser Investitionen bringt enorme logistische Herausforderungen mit sich. Für das kommende Jahr sind mehr als 28.000 Baustellen sowie vier umfassende Generalsanierungen hochbelasteter Korridore geplant. Um den Betrieb trotz der Bautätigkeit stabiler zu gestalten, führt die Deutsche Bahn neue Konzepte wie sogenannte Jokergleise und Flex-Abfahrten ein. Bei letzteren wird die Abfahrtszeit offiziell eine Minute vor der eigentlichen betrieblichen Planung angesetzt, um die Pünktlichkeit beim Start zu erhöhen. Zudem soll die Kommunikation zwischen Triebfahrzeugführern und Stellwerken durch den flächendeckenden Einsatz digitaler Befehle beschleunigt werden. Ziel ist es, Instandhaltungsarbeiten zu 80 Prozent in fest definierten Zeitfenstern abzuwickeln, um die Planbarkeit für die Fahrgäste zu verbessern.
Trotz der inländischen Infrastrukturmängel verzeichnet die Deutsche Bahn ein massives Wachstum im grenzüberschreitenden Europaverkehr. Im Jahr 2025 nutzten rund 25 Millionen Passagiere den internationalen Fernverkehr, was einer Steigerung von 30 Prozent gegenüber dem Jahr 2019 entspricht. Besonders stark wuchsen die Verbindungen zwischen München und Zürich sowie Frankfurt und Paris. Laut Fernverkehrsvorstand Michael Peterson ist die Akzeptanz für längere Reisezeiten von bis zu acht Stunden deutlich gestiegen. Als Reaktion auf diese Nachfrage wird das Angebot sukzessive ausgebaut, unter anderem durch neue Direktverbindungen nach Bordeaux, Antwerpen und eine Ausweitung der Frequenzen zwischen Kopenhagen und Prag.
Zusätzliche Marktanalysen und Branchenquellen unterstreichen die strategische Bedeutung der Kooperationen mit europäischen Partnerbahnen. Für 2027 ist in Zusammenarbeit mit Trenitalia und den ÖBB eine direkte Verbindung von München über Mailand nach Rom geplant. Während das Netz Richtung Benelux und Frankreich weiter verdichtet wird, bleibt der Ausbau in Richtung Großbritannien aufgrund komplexer Sicherheitsauflagen und des Austritts der Briten aus dem Schengen-Raum schwierig. Kritiker aus Wirtschaft und Politik bemängeln unterdessen, dass das hohe Investitionsvolumen erst verzögert zu einer Entspannung im Alltagsbetrieb führen wird, da die gleichzeitige Durchführung tausender Baustellen das Netz kurzfristig massiv belastet.