Die bevorstehende Einführung des neuen europäischen Ein- und Ausreisesystems, bekannt unter der Abkürzung EES, sorgt in der internationalen Tourismus- und Luftverkehrswirtschaft für erhebliche Diskussionen.
Eine umfassende Untersuchung des Welttourismusverbandes WTTC verdeutlicht das erhebliche ökonomische Risiko, sollten die technologischen Umstellungen an den Außengrenzen des Schengen-Raums zu langwierigen Verzögerungen bei der Abfertigung führen. Laut den statistischen Hochrechnungen des Verbandes könnten bei regelmäßigen Wartezeiten von drei bis vier Stunden bis zu 41 Millionen touristische und geschäftliche Ankünfte aus vier der wichtigsten globalen Quellmärkte einbrechen. Dies würde für die europäische Wirtschaft einen potenziellen Verlust von rund 45,4 Milliarden US-Dollar an direkten Ausgaben der Reisenden bedeuten. Grundlage dieser Berechnungen ist eine repräsentative Befragung unter rund 2.500 internationalen Fluggästen und Reisenden aus Großbritannien, den USA, Kanada und Australien. Die Tourismuskonzerne und Luftfahrtverbände fordern vor diesem Hintergrund von den europäischen Regierungen und Grenzschutzbehörden eine beschleunigte Digitalisierung der Vorabregistrierung sowie eine massive Ausweitung der Informationskampagnen, um einen drohenden Kollaps an den Kontrollpunkten der Flughäfen und Seehäfen abzuwenden.
Strukturelle Details des Ein- und Ausreisesystems und das Verhalten der Passagiere
Das europäische Ein- und Ausreisesystem stellt die umfassendste Reform der Grenzkontrollmechanismen seit der Verabschiedung des Schengen-Abkommens dar. Ziel des IT-basierten Systems ist die vollständige Digitalisierung der Registrierung von Drittstaatsangehörigen, die für einen Kurzaufenthalt in die Europäische Union einreisen. Das herkömmliche, manuelle Abstempeln der Reisepässe wird durch eine automatisierte Erfassung von biometrischen Daten ersetzt. Bei der ersten Einreise unter dem neuen Regime müssen von jedem Reisenden ein aktuelles Gesichtsbild sowie vier Fingerabdrücke digital eingescannt und in einer zentralen europäischen Datenbank für mehrere Jahre gespeichert werden.
Die empirischen Daten der WTTC-Studie zeigen, dass eine erhebliche Diskrepanz zwischen der grundsätzlichen Akzeptanz des Systems und der realen Reisebereitschaft bei bürokratischen Hürden besteht. Rund ein Drittel der befragten Personen gab an, Reisen in den Schengen-Raum deutlich seltener zu planen oder sogar vollständig auf Besuche in Europa zu verzichten, falls sich an den Grenzkontrollpunkten ein regelmäßiger Zeitverlust von mehreren Stunden etablieren sollte. Da der internationale Städtetourismus und der geschäftliche Reiseverkehr stark von einer effizienten und zeitsparenden Logistik abhängen, betrachten Ökonomen die potenziellen Staus als ernsthafte Bedrohung für die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Dienstleistungssektors gegenüber nordamerikanischen oder asiatischen Destinationen.
Hohe Akzeptanz biometrischer Kontrollen bei funktionierender Logistik
Trotz der geäußerten Bedenken hinsichtlich möglicher Verzögerungen zeigt die Untersuchung, dass die internationale Reisende dem technologischen Fortschritt an den Außengrenzen keineswegs feindlich gegenüberstehen. Nach einer detaillierten Erläuterung der Funktionsweise und der Absichten des EES befürworteten 65 Prozent der Umfrageteilnehmer das europäische Modernisierungsprojekt. Lediglich eine verschwindend geringe Minderheit von sechs Prozent der Befragten äußerte eine fundamentale Ablehnung gegenüber der Erfassung biometrischer Daten an staatlichen Kontrollstellen.
Die Passagiere assoziieren mit der Umstellung auf digitale Kontrollen primär langfristige Vorteile. Als wesentliche Argumente für das System wurden in der Befragung ein deutlicher Gewinn an Grenzsicherheit, eine spürbare Beschleunigung der Abfertigungsprozesse bei zukünftigen Folgeeinreisen sowie ein gestärktes Vertrauen in die Integrität der europäischen Sicherheitsüberprüfungen genannt. Zudem erklärten sich 87 Prozent der Reisenden bereit, in einer anfänglichen Übergangsphase gewisse operative Störungen und längere Wartezeiten zu tolerieren, sofern dadurch gewährleistet wird, dass die Reiseabläufe in den Folgejahren reibungsloser und komfortabler abgewickelt werden können. Die WTTC-Vorsitzende Gloria Guevara betonte, dass die Einführung des Systems ein unumgänglicher und richtiger Schritt zur zeitgemäßen Ausgestaltung der Infrastruktur sei. Die entscheidende Herausforderung liege nicht in der politischen Sinnhaftigkeit der Maßnahme, sondern in der praktischen, behördlichen Ausgestaltung der Schnittstellen zwischen Reisebranche, Flughäfen und Grenzorganen.
Defizite beim Informationsstand der internationalen Verbraucher
Das primäre operative Problem im Vorfeld der flächendeckenden Einführung ist der extrem niedrige Informationsstand der betroffenen Passagiere. Mehr als die Hälfte der Befragten, exakt 55 Prozent, gab an, noch nie oder nur sehr flüchtig von den neuen europäischen Einreisebestimmungen gehört zu haben. Fast die Hälfte der potenziellen Urlauber und Geschäftsreisenden weiß nicht, welche konkreten bürokratischen und biometrischen Anforderungen bei der Ankunft an einer europäischen Grenzkontrollstelle auf sie zukommen.
Dieser Mangel an Aufklärung birgt die Gefahr, dass Millionen von Reisenden ohne die notwendigen Vorbereitungen an den Schaltern der Fluggesellschaften oder den automatisierten Grenzkontrollstrecken eintreffen. Dies würde zwangsläufig zu Diskussionen, Fehlbedienungen der Erfassungsterminals und damit zu einer Kettenreaktion von Verzögerungen im gesamten Abfertigungsbereich der Flughäfen führen. Da die Fluggesellschaften rechtlich verpflichtet sind, die Einreisefähigkeit ihrer Passagiere bereits vor dem Abflug im Herkunftsland zu überprüfen, drohen die administrativen Verzögerungen auch auf den Abflugbereich der Quellmärkte überzugreifen.
Forderungskatalog des Welttourismusverbandes an die Schengen-Staaten
Um ein drohendes logistisches Szenario im internationalen Flug- und Seeverkehr zu verhindern, hat der Branchenverband einen dreistufigen Maßnahmenkatalog formuliert, der sich direkt an die europäischen Regierungen richtet. An erster Stelle steht die Forderung nach einer beschleunigten Bereitstellung und flächendeckenden Implementierung der sogenannten Travel-to-Europe-App. Diese mobile Anwendung soll es Reisenden ermöglichen, den Großteil der erforderlichen Textdaten, Passinformationen und Zollanmeldungen bereits Tage vor dem eigentlichen Reisetermin von zu Hause aus digital zu übermitteln, wodurch sich die physische Verweilzeit am Kontrollschalter drastisch verkürzen würde.
Zweitens fordert die Wirtschaft eine eng koordinierte, staatlich finanzierte Informationskampagne in den wichtigsten außereuropäischen Märkten. Hierbei müssten gezielt Fluggesellschaften, Reisebüros, Reiseveranstalter und Transportunternehmen mit standardisierten Schritt-für-Schritt-Anweisungen ausgestattet werden. Nur wenn der Passagier bereits beim Ticketkauf lückenlos über die Notwendigkeit der biometrischen Registrierung aufgeklärt wird, kann eine Entlastung der Infrastruktur gelingen. Drittens müssten die europäischen Mitgliedstaaten sicherstellen, dass zum offiziellen Starttermin sämtliche Grenzübergänge technologisch und personell voll einsatzbereit sind, um temporäre Schließungen oder Kapazitätsengpässe aufgrund technischer Defekte an den Erfassungsgeräten konsequent auszuschließen.