Die Verhandlungen über den Kollektivvertrag für die rund 250.000 Beschäftigten im österreichischen Tourismus und Gastgewerbe verharren in einer Phase der Stagnation. Nach dem einseitigen Abbruch der Tarifgespräche durch die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) kam es zu einem ersten Vermittlungsgespräch zwischen der Gewerkschaft Vida und der Tourismusstaatssekretärin Elisabeth Zehetner.
Die Arbeitnehmervertretung forderte im Rahmen der Verhandlungen eine vollständige Abgeltung der rollierenden Inflation sowie strukturelle Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, während das Angebot der Arbeitgeberseite laut Gewerkschaftsangaben zu Reallohnverlusten geführt hätte. Die KV-Verhandlungsleiterin der Vida, Eva Eberhart, bewertete das Treffen im Staatssekretariat zwar als sachlich, äußerte jedoch erhebliche Skepsis hinsichtlich einer schnellen Rückkehr an den Verhandlungstisch.
Im Zentrum des Gesprächs standen strukturelle Probleme der Branche, insbesondere die volkswirtschaftlich messbare hohe Personalfluktuation. Die Gewerkschaft übergab der Staatssekretärin einen detaillierten Fragenkatalog, der kritische Aspekte der aktuellen Branchenentwicklung beleuchtet. Die Arbeitnehmervertreter thematisierten dabei unter anderem den hohen Anteil ausländischer Arbeitskräfte, der im österreichischen Tourismussektor mittlerweile bei rund 60 Prozent liegt. Die Vida fordert von der Politik konkrete Kontrollmechanismen, um das Personal vor potenziellem Lohndruck und einer Verschlechterung der Arbeitsstandards zu schützen. Zudem wirft die Gewerkschaft die Frage auf, weshalb trotz gemeldeter Rekordumsätze der Betriebe im Vorfeld zur Lohnzurückhaltung aufgerufen wurde.
Ein weiterer Kritikpunkt der Arbeitnehmerseite betrifft die staatliche Arbeitsmarkt- und Förderpolitik im Tourismussektor. Die Gewerkschaft hinterfragt den forcierten Zuzug von Arbeitskräften aus Drittstaaten über das System der Rot-Weiß-Rot-Karte und fordert Transparenz darüber, ob dadurch inländische Arbeitssuchende verdrängt werden. Ebenso wird eine Offenlegung von Betrieben verlangt, die während der Pandemie staatliche Unterstützung erhielten, jedoch regelmäßig das Modell der saisonalen Kündigung nutzen, um Mitarbeiter zeitweise über das Arbeitsmarktservice (AMS) finanziell abzusichern. Die Vida fordert hier eine stärkere steuerliche Belastung von Betrieben, die keine Ganzjahresarbeitsplätze anbieten, im Vergleich zu durchgehend beschäftigenden Unternehmen.
Wirtschaftsanalysten weisen darauf hin, dass der anhaltende Konflikt die Rekrutierung von Fachkräften im Vorfeld der kommenden Saisons erheblich erschweren könnte. Während die Arbeitgeberseite auf die gestiegenen Betriebskosten, höhere Energiepreise und die Notwendigkeit der wettbewerbsfähigen Preiskalkulation verweist, beharrt die Gewerkschaft auf einer sozialen Absicherung der unteren Lohngruppen und Lehrlinge, die als besonders armutsgefährdet eingestuft werden. Da das Staatssekretariat rein vermittelnd agieren kann und keine gesetzliche Handhabe besitzt, Tarifergebnisse zu diktieren, bleibt die Lösung des Konflikts primär von der Kompromissbereitschaft der beiden Sozialpartner abhängig. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Vermittlungsbemuhiungen ausreichen, um Streiks oder längere Arbeitskämpfe im Gastgewerbe abzuwenden.