Der amerikanische Luftfahrtkonzern Boeing hat die Produktion von Kurz- und Mittelstreckenflugzeugen der Baureihe 737 Max ausgeweitet und eine vierte Endmontagelinie in Betrieb genommen.
Das Besondere an diesem Schritt ist der gewählte Standort. Zum ersten Mal seit mehr als 50 Jahren wird ein Flugzeug dieser traditionsreichen Modellfamilie außerhalb des angestammten Werks in Renton montiert. Die neue Fertigungslinie wurde im weitläufigen Werk in Everett nördlich von Seattle eingerichtet, wo historisch vor allem Großraumflugzeuge gebaut wurden. Mit dem Produktionsstart der ersten Maschine am 6. Juli 2026 und der offiziellen Eröffnung der sogenannten North Line am 10. Juli 2026 versucht das Management, die Kapazitäten zu erhöhen und die Abhängigkeit von einem einzigen Produktionsstandort zu verringern. Gleichzeitig steht der Konzern vor der Aufgabe, die Produktion nach Jahren der Krise und unter anhaltender behördlicher Aufsicht zu stabilisieren.
Strukturwandel im Traditionsbetrieb und Nutzung freier Hallenkapazitäten
Das Werk in Everett ist weltweit vor allem als Geburtsstätte der legendären Boeing 747 bekannt geworden. Nach dem Auslaufen der Produktion dieses vierstrahligen Großraumflugzeugs und der vollständigen Verlagerung der Endmontage der Baureihe 787 Dreamliner nach North Carolina standen in den Hallen erhebliche Flächen leer. Diese freien Kapazitäten nutzt der Konzern nun für das volumenstärkste Programm des Unternehmens. Die Planungen für diesen Schritt wurden bereits im Januar 2023 öffentlich gemacht und nun, nach Abschluss der Umbau- und Installationsarbeiten, in die Praxis umgesetzt. Neben der neuen Linie für die Schmalrumpfflugzeuge werden in Everett weiterhin die Modelle der Baureihen 767 und 777 gefertigt.
Die Verlagerung von Teilen der 737-Produktion nach Everett bricht mit einer jahrzehntelangen industriellen Logik. Nachdem die allerersten Maschinen dieses Typs Ende der 1960er-Jahre noch in der Nähe von Seattle gebaut worden waren, konsolidierte Boeing die gesamte Fertigung im Jahr 1970 im Werk Renton, das etwa 40 Meilen südlich von Everett liegt. Die neue Linie orientiert sich konzeptionell und prozessual strikt an den drei bestehenden Linien in Renton. Das Unternehmen erhofft sich durch diese Standardisierung, dass die Belegschaften an beiden Standorten bewährte Verfahrensweisen und prozessuale Verbesserungen ohne langwierige Anpassungen austauschen können.
Anlaufphase mit Fokus auf Qualitätskontrolle und Sonderanfertigungen
Der Betrieb der neuen Fertigungslinie wird nicht sofort zu einem sprunghaften Anstieg der monatlichen Ausstoßzahlen führen. Das erste Flugzeug, das sich seit dem 6. Juli 2026 auf der Linie befindet, ist eine Maschine des Typs 737 Max 10. Für welchen Kunden das Flugzeug bestimmt ist, gab das Unternehmen bislang nicht bekannt. Boeing plant, die North Line zunächst im Rahmen einer Produktion mit geringer Taktrate zu betreiben. Diese Phase der niedrigen Anfangsproduktion soll den Arbeitern die Möglichkeit geben, die Systeme umfassend zu testen, notwendige Anpassungen an den Werkzeugen vorzunehmen und die regulatorischen Vorgaben der Luftfahrtbehörden präzise abzuarbeiten.
Ein weiterer operativer Aspekt der neuen Linie ist Flexibilität bei Sonderwünschen. Der Hersteller plant, in Everett gezielt Flugzeuge zu montieren, die aufgrund ihrer Konfiguration mehr Zeit als der Standardprozess erfordern. Dazu gehören beispielsweise Maschinen mit komplexen Kabineninnenräumen oder solche, bei denen zusätzliche Modifikationen vorgenommen werden müssen. Bislang führten solche Abweichungen vom Standardablauf in Renton regelmäßig zu Verzögerungen, die den gesamten Produktionsfluss bremsten. Durch die Auslagerung dieser zeitintensiven Arbeiten nach Everett sollen die verbleibenden Linien in Renton gleichmäßiger und damit effizienter ausgelastet werden.
Umgang mit Lieferrückständen und behördlichen Auflagen
Die Erweiterung der Produktionskapazitäten erfolgt vor dem Hintergrund prall gefüllter Auftragsbücher. Boeing verzeichnet derzeit einen Auftragsbestand von mehr als 4.000 Flugzeugen der 737-Max-Familie. Selbst bei einer Erhöhung der Schlagzahl sichert dieser Rückstau die Auslastung des Programms bis weit in die 2030er-Jahre hinein. Der finanzielle Druck, diese Bestellungen zeitnah abzuarbeiten und an die Fluggesellschaften auszuliefern, ist erheblich. Allerdings agiert das Unternehmen unter den wachsamen Augen der US-Bundesluftfahrtbehörde Federal Aviation Administration.
Die Behörde hatte nach einem Vorfall im Januar 2024, bei dem sich kurz nach dem Start einer Maschine der Fluggesellschaft Alaska Airlines ein Rumpfbauteil gelöst hatte, strenge Beschränkungen für die Produktionsrate erlassen. Seither darf der Konzern die Fertigung nur in eng abgestimmten Schritten und nach dem Nachweis umfassender Qualitätssicherungsmaßnahmen hochfahren. Derzeit arbeitet das Unternehmen daran, den monatlichen Ausstoß von 42 auf 47 Flugzeuge zu steigern. Erst wenn sich die Linien in Renton auf diesem Niveau dauerhaft stabilisiert haben, soll die zusätzliche Kapazität aus Everett genutzt werden, um eine Zielgröße von 52 Maschinen pro Monat oder langfristig noch höhere Raten anzustreben. Die Unternehmensleitung betont, dass eine Erhöhung der Frequenz erst dann erfolgt, wenn das gesamte Fertigungssystem fehlerfrei arbeitet.