Der europäische Flugzeugbauer Airbus hat gemeinsam mit der australischen Fluggesellschaft Qantas einen Erprobungsflug auf der Ultralangstrecke absolviert. Ein speziell modifiziertes Flugzeug vom Typ Airbus A350-1000ULR legte die Strecke vom australischen Melbourne zum Airbus-Werksgelände im südfranzösischen Toulouse ohne Zwischenlandung zurück.
Die Maschine war dabei 24 Stunden und 24 Minuten am Stück in der Luft und legte eine Distanz von mehr als 23.000 Kilometern zurück. Der Erprobungsflug dient der Vorbereitung des regulären Passagierbetriebs zwischen Australien, Europa und Nordamerika, den Qantas unter der Bezeichnung Projekt Sunrise ab Herbst 2027 aufnehmen möchte. Im Rahmen des Testflugs überprüften Ingenieure und Testpiloten die Funktionsweise zusätzlicher Treibstofftanks, technische Systeme im Passagierraum sowie Lärmschutzmaßnahmen unter realen Bedingungen.
Testprogramm und Verlauf des Rekordflugs
Der historische Testflug bildete den zweiten Teil einer Erprobungsschleife zwischen Europa und Australien. Auf dem Hinweg flog die Maschine von Toulouse nach Melbourne und absolvierte dabei eine Strecke von rund 17.000 Kilometern in einer Flugzeit von 19 Stunden und 12 Minuten. Der Rückflug von Melbourne nach Toulouse am 28. Juli 2026 wurde auf einer deutlich verlängerten Testroute durchgeführt, um Belastungsgrenzen des Fluggeräts und der Systeme zu simulieren. Die Maschine überquerte während des mehr als eintägigen Flugs drei Kontinente sowie zwei Ozeane.
An Bord des Testflugs befanden sich zwölf Personen, darunter acht Mitglieder des Erprobungsteams von Airbus, zwei Verkehrsflugzeugführer der Fluggesellschaft Qantas sowie zwei Entwicklungsingenieure des Flugzeugbauers. Neben der reinen Distanz standen operative Aspekte im Vordergrund. Während des Fluges durchquerte die Besatzung unterschiedliche Klimazonen vom südhemisphärischen Winter in Australien bis zum Sommer im Süden Frankreichs. Bedingt durch die Dauer und die Ausrichtung des Fluges entlang der Zeitzonen erlebte die Besatzung während des Flugs jeweils zwei Sonnenaufgänge und zwei Sonnenuntergänge.
Technische Spezifikationen der Ultralangstreckenvariante
Die Abkürzung ULR in der Modellbezeichnung des Airbus A350-1000ULR steht für Ultra Long Range. Um Distanzen dieser Größenordnung ohne Ausweichlandungen zu bewältigen, erfuhren die serienmäßigen Strukturen des Flugzeugtyps gezielte Anpassungen. Die auffälligste technische Modifikation stellt der Einbau eines zusätzlichen Treibstofftanks dar. Der sogenannte Rear Centre Tank fasst etwa 20.000 Liter Kerosin zusätzlich und ist im hinteren Rumpfbereich integriert. Damit erhöht sich das maximale Startgewicht des Flugzeugs sowie die Gesamtkapazität der Treibstoffaufnahme.
Neben dem Tanksystem wurden während des Überführungsflugs auch Anpassungen der Klimatisierung und der Luftzirkulation im Passagierbereich getestet. Da Fluggäste bei künftigen Linienflügen über 20 Stunden am Stück in der Kabine verbringen werden, erprobten die Ingenieure veränderte Frischluftzufuhrraten und Temperaturzonen. Zudem wurden messtechnische Prüfungen zur Senkung des Lärmpegels im Innenraum vorgenommen, um die akustische Belastung durch die Triebwerke und den Luftstrom an der Außenhaut des Rumpfes zu verringern.
Die Pläne von Qantas für das Projekt Sunrise
Die australische Fluggesellschaft verfolgt das Vorhaben direkter Linienverbindungen von den Metropolen der australischen Ostküste nach Europa und Nordamerika bereits seit neun Jahren. Die Vorbereitungen für die Einführung unter dem Projektnamen Sunrise mussten in der Vergangenheit jedoch mehrfach verschoben werden. Gründe hierfür waren unter anderem Verzögerungen im Zertifizierungsprozess für den Zusatztank sowie betriebliche Unterbrechungen während der weltweiten Pandemiejahre.
Der aktuelle Zeitplan von Qantas sieht vor, ab Oktober 2027 die ersten regulären Nonstop-Flüge zwischen Sydney und London aufzunehmen. In einem weiteren Schritt sollen direkte Linienverbindungen von Sydney nach New York folgen. Für diese Aufgaben hat die Fluggesellschaft insgesamt zwölf Exemplare des Airbus A350-1000ULR bestellt. Um das Komfortniveau bei extrem langen Flugzeiten zu sichern und das Gewicht im Rahmen der betrieblichen Limits zu halten, wird die Kabine dieser Maschinen mit einer geringeren Sitzplatzanzahl ausgestattet sein als bei Standardausführungen des Typs. Geplant sind großzügigere Abstände in den verschiedenen Beförderungsklassen sowie eigene Bewegungszonen für die Passagiere.
Vergleich im internationalen Ultralangstreckenverkehr
Derzeit hält die Fluggesellschaft Singapore Airlines den Rekord für die längste kommerzielle Passagierroute im regulären Flugplan. Die Verbindung führt von Singapur nach New York über eine Distanz von 15.350 Kilometern. Eingesetzt wird dabei eine ULR-Variante des kleineren Schwestermodells Airbus A330-900 beziehungsweise A350-900, wobei die reine Flugzeit üblicherweise etwas mehr als 18 Stunden beträgt.
Der Testflug von Qantas von Melbourne nach Toulouse übertraf diese kommerzielle Distanz mit mehr als 23.000 geflogenen Kilometern deutlich, allerdings handelte es sich um einen reinen Erprobungsflug ohne reguläre Auslastung durch Passagiere und Fracht. In der Luftfahrtbranche gilt die Etablierung wirtschaftlich tragfähiger Ultralangstrecken als anspruchsvolle Aufgabe, da ein Großteil des mitgeführten Treibstoffs benötigt wird, um das Gewicht des Kerosins für die verbleibenden Flugstunden zu transportieren. Qantas setzt darauf, dass Geschäftsreisende und Premium-Passagiere bereit sein werden, höhere Ticketpreise für die Zeitersparnis durch den Entfall von Zwischenstopps in Asien oder dem Nahen Osten zu zahlen.
Nächste Schritte im Zulassungsprozess
Vor dem geplanten Beginn des Passagierbetriebs im Herbst 2027 stehen dem Flugzeugtyp A350-1000ULR weitere Tests bevor. Die behördlichen Zulassungsinstanzen, darunter die Europäische Agentur für Flugsicherheit sowie die australische Luftfahrtbehörde Civil Aviation Safety Authority, müssen die Modifikationen am Rumpf und am Treibstoffsystem final zertifizieren. Insbesondere die Brandschutzvorschriften für den zusätzlichen Rumpftank unterliegen strengen Prüfauflagen.
Nach Abschluss der Auswertung aller Telemetriedaten des Testflugs von Melbourne nach Toulouse werden Airbus und Qantas weitere Erprobungsflüge ansetzen. Diese sollen unter anderem dazu dienen, die Belastungen für die Besatzungsmitglieder bei Flugzeiten von über 20 Stunden zu analysieren und entsprechende Ruhezeit- und Schichtmodelle für das fliegende Personal festzulegen.