Eine Untersuchung des Londoner International Institute for Strategic Studies, an der auch die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung mitgewirkt hat, kommt zu einer kritischen Bewertung der europäischen Kapazitäten zur Abwehr von Drohnenangriffen.
Dem Bericht zufolge sind die europäischen Staaten derzeit nicht in der Lage, Vorfälle mit unbemannten Flugobjekten über kritischer Infrastruktur oder militärischen Einrichtungen eindeutig zuzuordnen. Die Autoren der Studie halten es jedoch für sehr wahrscheinlich, dass solche Aktionen Teil einer systematischen Kampagne sind. Die Untersuchung, die ursprünglich Anfang Juli 2026 veröffentlicht wurde, analysiert insgesamt 144 Zwischenfälle im Zeitraum von August 2024 bis Februar 2026 in zwölf NATO-Mitgliedsstaaten sowie in Irland. Angesichts jüngster Sicherheitsvorfälle an europäischen Verkehrsflughäfen weisen die beteiligten Organisationen erneut auf die festgestellten Schwachstellen in den nationalen und internationalen Abwehrarchitekturen hin.
Strukturelle Mängel und Zersplitterung der Zuständigkeiten
Die Analyse des International Institute for Strategic Studies zeichnet ein detailliertes Bild der organisatorischen und technischen Unzulänglichkeiten bei der Erkennung und Bekämpfung unbemannter Luftfahrzeuge. Trotz der gestiegenen Priorität, die dem Thema bei der NATO, der Europäischen Union und den jeweiligen nationalen Regierungen eingeräumt wird, entspricht die vorhandene Infrastruktur nach Auffassung der Wissenschaftler nicht dem Ausmaß der tatsächlichen Bedrohungslage. Als Hauptursache wird eine ausgeprägte Zersplitterung der behördlichen Verantwortlichkeiten genannt.
In vielen europäischen Staaten sind die Zuständigkeiten für die Überwachung des bodennahen Luftraums auf eine Vielzahl von Stellen verteilt. Zivile Luftfahrtbehörden, die Flugsicherung, regionale und nationale Polizeiorgane sowie die Streitkräfte agieren häufig nebeneinander, ohne dass ein durchgängiger Informationsaustausch in Echtzeit stattfindet. Diese Reibungsverluste erschweren eine schnelle Lagebeurteilung und verhindern koordinierte Abwehrmaßnahmen im Falle einer unmittelbaren Gefährdung von Verkehrsflughäfen, Energieanlagen oder Militärstützpunkten.
Problematik der Attribuierung und mangelnde europäische Koordination
Ein zentraler Kritikpunkt der Studie betrifft die sogenannte Attribuierung, also die zweifelsfreie Zuordnung von Drohnensichtungen oder Angriffsversuchen zu bestimmten Akteuren. In der Praxis erweist sich das Nachweisen der Urheberschaft bei unbemannten Flugsystemen als extrem schwierig, da handelsübliche oder modifizierte Kleinfluggeräte ohne transpondergestützte Identifizierungssignale operieren können. Die Reichweite und das Aufklärungspotenzial der zivilen Radar- und Überwachungssysteme an Verkehrsflughäfen reichen nicht aus, um kleine Flugkörper präzise zu erfassen und deren Startpunkte zurückzuverfolgen.
Zudem bemängeln die Autoren der Studie ein stark national geprägtes Denken bei der Auswertung von Zwischenfällen. Statt Daten über Grenzen hinweg zu aggregieren und ein gesamtasiatisches beziehungsweise europäisches Lagebild zu erstellen, analysieren die Sicherheitsbehörden der einzelnen Länder Vorfälle weitgehend isoliert. Durch diese Vorgehensweise bleiben überregionale Muster oder koordinierte Aktionen unentdeckt, was die Entwicklung einer wirksamen Verteidigungsstrategie auf europäischer Ebene bremst.
Auswertung von Zwischenfällen und polizeiliche Lagebilder
Der Untersuchungszeitraum von August 2024 bis Februar 2026 umfasst eine Vielzahl von Vorfällen, bei denen unbemannte Flugobjekte in gesperrte Lufträume eindrangen. In den untersuchten zwölf NATO-Staaten sowie in Irland wurden im Analysezeitraum 144 konkrete Fälle registriert, bei denen Drohnen über sicherheitsrelevanten Standorten schwebten oder den regulären Flugbetrieb störten.
Der Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung und CSU-Fraktionschef im Bayerischen Landtag, Klaus Holetschek, bezeichnete die Ergebnisse der Studie als besorgniserregend. Die Auswertung zeige eindeutig, dass Europa auf diese Form hybrider Bedrohungen bislang unzureichend vorbereitet sei. Die Relevanz der Studienergebnisse wurde durch jüngste Vorfälle an deutschen Flughafenstandorten erneut unterstrichen, bei denen unbefugte Flugobjekte stundenlang im Nahbereich von Fracht- und Passagierflugzeugen verweilen konnten, ohne dass die vorhandenen Überwachungssysteme frühzeitig Anschlagswarnungen auslösten.
Handlungsbedarf bei Reaktionen und Beschaffungsprozessen
Die Autoren der Publikation fordern eine Neuausrichtung der Abwehrkonzepte und eine Harmonisierung der rechtlichen Rahmenbedingungen. Derzeit fehlen den Sicherheitskräften in vielen europäischen Ländern nicht nur die technischen Mittel zur Abwehr, wie etwa Störsender oder kinetische Abfangvorrichtungen, sondern auch die rechtlichen Befugnisse, um solche Mittel im zivilen Luftraum oder im Umfeld von Verkehrsflughäfen einzusetzen.
Um die Abwehrarchitektur auf den notwendigen Stand zu bringen, empfehlen die Experten die Einrichtung zentraler Koordinierungsstellen auf nationaler und europäischer Ebene. Zudem sei eine gemeinsame Beschaffung von modernsten Detektions- und Abwehrtechnologien erforderlich, um Schnittstellenprobleme zwischen zivilen und militärischen Systemen zu beheben. Ein zusammenhängendes Lagebild gilt in Fachkreisen als Grundvoraussetzung, um auf künftige Grenzüberschreitungen und Bedrohungen durch unbemannte Flugsysteme angemessen reagieren zu können.