Eine detaillierte Auswertung des Luftfahrtdatendienstleisters Cirium für die Wirtschaftszeitung Handelsblatt verdeutlicht eine spürbare Verteuerung von Flugtickets auf innereuropäischen Strecken sowie im Nordatlantikverkehr. Haupttreiber dieser Entwicklung sind die anhaltend hohen Ausgaben für Flugkraftstoff, die im Zuge geopolitischer Spannungen im Nahen Osten deutlich gestiegen sind.
Besonders ausgeprägt zeigt sich der Preisanstieg im Segment der europäischen Lowcoster, deren Durchschnittstarife binnen weniger Monate zweistellig zulegten. Um die verbliebenen finanziellen Mehrbelastungen abzufedern, greifen führende Netzwerk-Airlines wie die Lufthansa, die International Airlines Group sowie Air France-KLM zunehmend auf eine gezielte Kapazitätssteuerung zurück. Durch die Reduzierung von Flugangeboten wird das Sitzplatzangebot künstlich verknappt, um höhere Durchschnittserlöse pro Passagier durchzusetzen.
Deutliche Preisaufschläge bei europäischen Billigfluggesellschaften
Die Datenanalyse von Cirium demonstriert, dass insbesondere die europäischen Niedrigpreis-Anbieter Ryanair, Easyjet und Wizz Air ihre Ticketpreise im Frühjahr 2026 kräftig angehoben haben. Auf innereuropäischen Routen kostete ein Flugschein in der Economy-Class bei diesen drei Gesellschaften im Februar 2026 durchschnittlich 73,14 US-Dollar. Bis zum Mai 2026 kletterte dieser Betrag auf im Schnitt 84,37 US-Dollar, was einem Zuwachs von gut 15,35 Prozent entspricht. Die der Auswertung zugrunde liegenden Zahlen berücksichtigen ausschließlich den Netto-Flugpreis ohne Steuern, flughafenseitige Gebühren und behördliche Abgaben, also exakt jenen Erlösanteil, der unmittelbar bei den Unternehmen verbleibt.
In der längerfristigen Betrachtung fällt die Preisdynamik im Low-Cost-Segment noch prägnanter aus. Verglichen mit dem Niveau von Mai 2025 verteuerten sich die Tarife bei den drei genannten Billigfliegern um 39,2 Prozent. Gegenüber dem Jahresbeginn 2024 haben sich die Durchschnittspreise auf den Europastrecken dieser Anbieter sogar mehr als verdoppelt. Diese Entwicklung verdeutlicht, dass das Geschäftsmodell der Günstigflieger, das auf extrem niedrigen Einstiegspreisen basierte, unter dem Druck gestiegener operativer Fixkosten und schwankender Treibstoffpreise eine stetige Preisanpassung erfährt.
Auswirkung der Kerosinkosten auf die Netze der Traditionsfluggesellschaften
Auch die großen europäischen Netzwerkkonzerne Lufthansa, International Airlines Group (IAG) und Air France-KLM haben ihre Flugpreise im europäischen Kurz- und Mittelstreckennetz angepasst, wenngleich der Anstieg prozentual moderater ausfällt als bei der Low-Cost-Konkurrenz. Im Mai 2026 verlangten die Traditionsgesellschaften in der Economy-Class auf Europastrecken durchschnittlich 7,2 Prozent mehr als noch im Februar desselben Jahres. Im Vergleich zum Vorjahresmonat Mai 2025 beläuft sich das Plus auf 10,3 Prozent. Seit Anfang 2024 stiegen die Netto-Tarife in diesem Marktsegment um rund 48 Prozent.
Ein wesentlicher Grund für den anhaltenden Preisdruck sind die Entwicklungen an den Rohstoffmärkten. Zwar konnten Absicherungsgeschäfte Teile der Preisspitzen abfedern, dennoch verbleiben erhebliche ungesicherte Kerosinmengen, die zu direkten Mehrbelastungen in den Konzernbilanzen führen. Die Fluggesellschaften versuchen daher, diese operativen Mehrkosten möglichst zeitnah über die Ticketpreise an die Endverbraucher weiterzugeben.
Entwicklungen auf den Transatlantikrouten und Asymmetrie der Beförderungsklassen
Auf den ertragsstarken Langstrecken über den Nordatlantik verzeichnen die Fluggesellschaften ebenfalls erhebliche Preissteigerungen in den Standardklassen. Die drei großen europäischen Luftfahrtkonzerne forderten von ihren Passagieren in der Economy-Class auf Transatlantikstrecken im Mai 2026 durchschnittlich 649 US-Dollar. Dies entspricht einem Anstieg von gut 20 Prozent gegenüber dem Zeitraum vor dem Ausbruch der militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten. Bei den großen US-amerikanischen Partnergesellschaften United Airlines, Delta Air Lines und American Airlines fiel der Preissprung mit einem Aufschlag von rund 22 Prozent in einem vergleichbaren Rahmen aus.
Eine auffällige Asymmetrie zeigt sich beim Vergleich der Beförderungsklassen. Während die Tarife in der Economy-Class auf den Atlantikrouten deutlich anzogen, blieben die Ticketpreise in der Business-Class im selben Zeitraum weitgehend stabil oder verzeichneten seit dem Beginn des Nahostkonflikts sogar leichte Rückgänge. Die Analyse legt nahe, dass die Fluggesellschaften im hart umkämpften Markt für Geschäftsreisende Preiserhöhungen nur schwer durchsetzen können, da Firmenkunden sensibel auf Budgetsteigerungen reagieren. In der Konsequenz konzentrieren die Airlines ihre Preisanpassungen vorrangig auf das volumenstarke Segment der Privatreisenden in der Economy-Class.
Angebotsverknappung als Instrument zur Durchsetzung höherer Erlöse
Um die verbliebenen Mehrkosten für Kraftstoff in der zweiten Jahreshälfte 2026 noch umfassender auf den Markt zu übertragen, kündigten Führungskräfte der Branche weitere Schritte an. Lufthansa-Finanzvorstand Till Streichert erklärte vor Analysten, dass das Unternehmen steigende Treibstoffkosten konsequent über höhere Ticketpreise hereinholen werde. Zu diesem Zweck setzen die Netzwerkkonzerne auf eine bewusste Reduzierung der angebotenen Flugkapazitäten.
Durch das Streichen schwächer ausgelasteter Verbindungen oder den Einsatz kleineren Fluggeräts wird das Gesamtsitzplatzangebot verknappt. Die verringerte Kapazität erhöht bei gleichbleibender oder leicht steigender Nachfrage den Auslastungsdruck auf die verbleibenden Flüge, was die Durchsetzung höherer Durchschnittserlöse ermöglicht. Als Beispiel für diese Praxis reduzierte die Lufthansa ihre verfügbaren Sitzplatzkapazitäten auf den Nordamerikastrecken im zweiten Quartal 2026 um 5,3 Prozent. In der Folge stiegen die Durchschnittserlöse pro angebotenem Sitzplatz auf diesen Routen um 1,7 Prozent. Diese Vorgehensweise unterstreicht, wie Fluggesellschaften ihre Kapazitätsplanung nutzen, um Erträge in einem Umfeld gestiegener Betriebskosten zu sichern.