Die Fluggesellschaft Easyjet stellt das Management ihrer Treibstoffbetankung an zahlreichen Zielflughäfen auf ein elektronisches Verfahren um. In Kooperation mit dem Luftfahrttechnologieanbieter i6 Group führt das Unternehmen die Anwendung E-Handshake ein. Mit diesem System können Flugkapitäne die erforderliche Treibstoffmenge vor dem Abflug auf digitalem Weg anfordern und die gelieferte Menge nach dem Tankvorgang direkt elektronisch quittieren.
Ziel der Neuerung ist eine exakte Berechnung des tatsächlich benötigten Kerosins, um unnötig mitgeführtes Zusatzgewicht im Flugzeugbauch zu vermeiden. Die Verringerung der Flugmasse führt zu Einsparungen beim Treibstoffverbrauch sowie zu einer Senkung der operativen Betriebskosten. Darüber hinaus soll der Verzicht auf papierbasierte Fracht- und Ladedokumente die Abfertigungsabläufe am Boden beschleunigen und die administrative Fehlerrate bei der Abrechnung senken. Die Einführung der Technologie erfolgt schrittweise über einen Zeitraum von drei Jahren im europäischen Streckennetz der Fluggesellschaft.
Funktionsweise und Integration der digitalen Betankungssoftware
Der bisherige Ablauf bei der Betankung von Verkehrsflugzeugen basiert an vielen europäischen Verkehrsflughäfen auf manuellen Schritten. Flugkapitäne berechnen die benötigte Treibstoffmenge anhand des Flugplans, der Passagierzahl und der Frachtladung und händigen dem Tankdienstleister am Rollfeld ein Papierdokument aus. Nach Abschluss des Tankvorgangs wird die gelieferte Menge händisch quittiert und später in die administrativen Systeme der Fluggesellschaft übertragen. Dieser Prozess ist anfällig für Verzögerungen, Übertragungsfehler und Ungenauigkeiten.
Das neue System E-Handshake setzt an dieser Schnittstelle an. Die Anwendung wird direkt in die von Easyjet bereits genutzte digitale Plattform E-Techlog integriert, auf der sämtliche technischen Daten eines Fluggeräts erfasst werden. Über die Benutzeroberfläche übermitteln die Piloten die geplante, angeforderte und schließlich gelieferte Treibstoffmenge in Echtzeit. Durch die Verknüpfung der Daten entsteht für jeden einzelnen Betankungsvorgang ein digitaler Datensatz, der zentral gespeichert wird. Dieser Datensatz steht im Anschluss sowohl der Flugbetriebsleitung als auch den Finanzabteilungen für Kontrollzwecke und automatisierte Rechnungsprüfungen zur Verfügung.
Wirtschaftliche Effekte durch präzise Treibstoffkalkulation
Der Treibstoffaufwand bildet einen der umfangreichsten Kostenblöcke im Betrieb einer Fluggesellschaft. Er macht in der Regel zwischen einem Viertel und einem Drittel der gesamten Flugbetriebskosten aus. Bei der Flugvorbereitung sind Kapitäne gesetzlich verpflichtet, neben der für die Flugstrecke benötigten Kerosinmenge auch vorgeschriebene Reserven für eventuelle Ausweichlandungen oder Warteschleifen mitzuführen. In der Praxis führt die manuelle Planung jedoch häufig dazu, dass aus Sicherheitsgründen eine pauschale Zufuhr von zusätzlichem Treibstoff angefordert wird.
Jedes Kilogramm an zusätzlichem Gewicht an Bord erhöht jedoch den laufenden Kerosinverbrauch, da mehr Masse durch die Luft bewegt werden muss. Dieser Effekt verdeutlicht, dass das Mitführen nicht benötigter Reserven direkte Zusatzkosten verursacht. Durch den Einsatz präziser digitaler Daten soll verhindert werden, dass die gesetzlich vorgegebenen Sicherheitsreserven unbegründet überschritten werden. Easyjet geht davon aus, dass die exaktere Mengenbemessung den Treibstoffverbrauch im gesamten Streckennetz spürbar senkt. Die Senkung der Treibstoffkosten stellt in einem von rechnerischen Margen geprägten Marktumfeld einen wesentlichen Hebel zur Sicherung der Profitabilität dar.
Optimierung der Bodenprozesse und Verkürzung der Abfertigungszeiten
Neben der reinen Gewichtseinsparung zielt die Kooperation mit der i6 Group darauf ab, die Standzeiten der Flugzeuge am Boden zu verkürzen. Für Punkt-zu-Punkt-Fluggesellschaften ist eine hohe Auslastung der Flotte entscheidend. Flugzeuge erwirtschaften Erträge ausschließlich in der Luft, weshalb die Bodenzeiten zwischen zwei Flügen möglichst kurz gehalten werden.
Durch die Nutzung der Plattform E-Handshake erhalten die Tankdienstleister am Zielort die genaue Treibstoffbestellung bereits elektronisch übermittelt, bevor das Tankfahrzeug die jeweilige Flugzeugposition erreicht. Das Abfertigungspersonal kann die Vorbereitungen somit treffen, während das Flugzeug noch an der Parkposition andockt oder die Passagiere aussteigen. Missverständnisse oder sprachliche Barrieren zwischen dem Cockpitpersonal und den externen Dienstleistern am Boden werden minimiert. Dies verringert Rückfragen und verhindert Verzögerungen im Abfertigungsablauf. Zudem entfällt der administrative Aufwand für das Einsammeln und Abgleichen von Papiertankbelegen. Nach Unternehmensangaben werden durch die Digitalisierung des Prozesses jährlich rund 600.000 Blatt Papier eingespart.
Schrittweise Implementierung und infrastrukturelle Herausforderungen
Die Umsetzung des Projekts erfordert Anpassungen nicht nur bei der Fluggesellschaft selbst, sondern auch bei den Partnern an den jeweiligen Flughäfen. Da Easyjet eine Vielzahl von Flugzielen in ganz Europa bedient, arbeiten vor Ort unterschiedliche Treibstofflieferanten und Abfertigungsgesellschaften mit jeweils eigener technischer Ausstattung.
Aus diesem Grund erfolgt die Einführung der Betankungsplattform schrittweise. In der ersten Phase wird das System auf etwa der Hälfte der Strecken des Unternehmens zum Einsatz kommen. Dabei werden vorrangig Flughäfen eingebunden, an denen die Tankdienstleister bereits über die entsprechenden digitalen Schnittstellen verfügen. Innerhalb von drei Jahren soll die Abdeckung schrittweise auf rund 90 Prozent aller bedienten Destinationen ausgeweitet werden. Um diese Quote zu erreichen, müssen auch kleinere Regionalflughäfen und externe Dienstleister an die digitale Infrastruktur der i6 Group angebunden werden.
Branchenweiter Wandel in der digitalen Dokumentation des Flugbetriebs
Die Umstellung bei Easyjet fügt sich in einen branchenweiten Trend ein, bei dem Fluggesellschaften versuchen, veraltete papierbasierte Abläufe im Cockpit und bei der Bodenabfertigung durch digitale Lösungen zu ersetzen. Electronic Flight Bags, also digitale Assistenten auf Tablet-Basis für Piloten, gehören bei vielen Gesellschaften bereits zum Standard. Die Anbindung von externen Dienstleistern wie Caterern, Reinigungskräften und Tankbetrieben an diese Systeme steckte hingegen lange Zeit in der Entwicklungsphase.
Die Automatisierung der Betankungsdaten ermöglicht es den Fluggesellschaften, detaillierte Datenanalysen durchzuführen. Über historische Verbrauchsdaten lässt sich exakt nachvollziehen, auf welchen Flugrouten oder zu welchen Tageszeiten Abweichungen zwischen der geplanten und der tatsächlich benötigten Treibstoffmenge auftreten. Auf dieser Grundlage können Flugpläne und Routenberechnungen fortlaufend angepasst werden. Während die Einführung digitaler Betankungssysteme kurzfristig Investitionen in Software und Schulungen erfordert, überwiegen langfristig die betrieblichen Vorteile durch verringerte Fehlerquoten, schnellere Abläufe am Boden und reduzierte Ausgaben für Kerosin.