Die kanadische Fluggesellschaft Air Canada nimmt im weltweiten Luftverkehrsmarkt eine zentrale Rolle für die Anbindung Nordamerikas an Europa, Asien, Afrika und den Nahen Osten ein. Nach aktuellen Datenerhebungen führt das Star-Alliance-Mitglied im Jahr 2026 durchschnittlich 54 Langstreckenabflüge pro Tag durch.
Hinter diesem Mittelwert verbergen sich jedoch erhebliche saisonale Schwankungen. Während die Zahl der täglichen Verbindungen im Winter auf 32 Abflüge sinkt, steigt sie in den Sommermonaten auf bis zu 71 tägliche Starts an. Trotz regelmäßiger Ankündigungen neuer Routen unterliegt das internationale Streckennetz der Airline einer kontinuierlichen Bereinigung. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen, geopolitische Spannungen und veränderte Nachfragestrukturen zwangen die Unternehmensführung in den vergangenen zehn Jahren dazu, eine Reihe von Verlustbringenden oder unrentablen Langstreckenverbindungen dauerhaft einzustellen oder vorübergehend auszusetzen.
Konsolidierung des europäischen Streckennetzes und die Rolle der Tochtergesellschaft Rouge
In der Dekade zwischen 2016 und 2026 hat Air Canada die Bedienung von insgesamt neun europäischen Flughäfen eingestellt. Einen wesentlichen Teil dieser Routen betrieb die Fluggesellschaft über ihre Tochtergesellschaft Air Canada Rouge. Diese Sparte wurde gezielt für Destinationen mit hohem Freizeitverkehr sowie für Strecken eingesetzt, auf denen Besuche von Freunden und Verwandten das Passagieraufkommen dominieren. Aufgrund des niedrigeren Ertragsniveaus in diesen Segmenten kamen vorrangig Flugzeuge des Typs Boeing 767-300ER zum Einsatz. Mittlerweile nutzt Air Canada die verbliebenen Maschinen dieses Typs ausschließlich für reine Frachtflüge.
Zu den gestrichenen Europa-Routen gehört unter anderem die Verbindung von Toronto-Pearson nach Istanbul, die bis 2017 im Hauptlinienbetrieb bedient wurde. Obwohl Air Canada eine spätere Rückkehr in die Türkei in Aussicht stellte, haben inzwischen Mitbewerber wie Air Transat Marktanteile auf dieser Strecke übernommen. Ebenfalls im Jahr 2017 endeten die Verbindungen von Toronto und Vancouver zum Londoner Flughafen Gatwick. Im Jahr 2018 wurde die Strecke zwischen Toronto und dem irischen Flughafen Shannon vorübergehend eingestellt.
Das Jahr 2019 markierte einen Höhepunkt bei der Schließung europäischer Sekundärrouten. In diesem Zeitraum stellte Air Canada Rouge die Flüge von Montréal nach Bordeaux und Marseille sowie von Toronto nach Glasgow, Warschau und Zagreb ein. Auch die Streckenverbindungen von Montréal und Toronto in die rumänische Hauptstadt Bukarest wurden aus dem Flugplan gestrichen. Einige dieser Ziele, wie etwa Marseille, verbleiben zwar auf der Beobachtungsliste für eine spätere Wiederaufnahme, doch haben konkurrierende internationale Fluggesellschaften teils bereits eigene Kapazitäten auf diesen Strecken aufgebaut. Von den Schließungen ausgenommen ist der frühere Berliner Flughafen Tegel, dessen Einstellung betriebsbedingt durch die Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg erfolgte, welchen Air Canada im Jahr 2026 wieder anfliegt.
Einstellung von Verbindungen in Asien, Afrika und dem Pazifikraum
Auch außerhalb Europas passte die kanadische Fluggesellschaft ihr Streckennetz in den vergangen Jahren an. Im asiatisch-pazifischen Raum sowie in Afrika wurden seit 2016 sechs Zielorte aus dem Flugplan gestrichen. In Afrika betrifft dies die Routen nach Algier und Kairo. Die Verbindung von Montréal nach Kairo wurde zuletzt im Jahr 2023 bedient, während die Route nach Algier im Jahr 2025 eingestellt wurde. Pläne für eine Wiederaufnahme der Flüge nach Algerien im Jahr 2027 wurden von der Unternehmensführung verworfen. Das von Heimatreisen geprägte Marktumfeld in dieser Region gilt als preisintensiv und ertragsschwach, weshalb das Segment der Staatsairline Air Algérie überlassen wird.
Die wichtige Verbindung nach Mumbai, die von Toronto aus mit Zwischenstopp auf dem Flughafen London-Heathrow im Rahmen von Fünfte-Freiheit-Rechten geflogen wurde, wurde im Jahr 2026 eingestellt. In der Folge übernahm die indische Fluggesellschaft Air India direkte Kapazitäten auf diesem Korridor. Eine Wiederaufnahme von Direktflügen nach Mumbai schließt Air Canada erst für den Zeitpunkt an, an dem der Luftraum über Russland für westliche Fluggesellschaften wieder uneingeschränkt nutzbar ist.
Im Pazifikraum wurden die Ziele Nagoya im Jahr 2018 sowie Taipeh im Jahr 2020 vom Drehkreuz Vancouver abgekoppelt. Ebenfalls im Jahr 2020 endeten im Zuge der globalen Reiseeinschränkungen die Flüge zwischen Vancouver und Melbourne. Zwar erwog die Fluggesellschaft Anfang 2026 eine Wiederaufnahme dieser Route, verknüpft diese Option jedoch nun an die künftige Auslieferung neuer Großraumflugzeuge vom Typ Airbus A350-1000, was erst in einigen Jahren erwartet wird.
Veränderungen im Nahen Osten und Anpassung von Partnerschaften
Im Nahen Osten hat Air Canada im zurückliegenden Jahrzehnt lediglich einen Zielflughafen aufgegeben. Die Verbindung von Toronto nach Doha wurde zwischen 2020 und 2023 angeboten. Diese Route beruhte maßgeblich auf einer Partnerschaft mit Qatar Airways, wobei ein Großteil der Passagiere über das Drehkreuz in Katar zu Weiterflügen umstieg. Insbesondere Umsteigeverbindungen nach Teheran machten einen signifikanten Anteil des Buchungsvolumens aus, da in der Region Toronto eine große iranische Diaspora ansässig ist.
Nach der Umorientierung der Kooperationsstrategie hin zu einer Partnerschaft mit Emirates konzentriert Air Canada ihre Aktivitäten in der Region im Wesentlichen auf Dubai. Die zeitweise parallel betriebene Verbindung von Vancouver nach Dubai wurde im Jahr 2025 nach zweijähriger Laufzeit wieder eingestellt. Aufgrund der regionalen Sicherheitslage im Nahen Osten blieben die Flüge nach Tel Aviv und Dubai zeitweise ausgesetzt. Eine schrittweise Wiederaufnahme der Dienste von Toronto nach Dubai ist für Januar 2027 terminiert, womit die Fluggesellschaft künftig wieder zwei Ziele im Nahen Osten anfliegt.
Betriebswirtschaftliche Bewertung der Netzwerkanpassungen
Die fortlaufenden Streichen und Umstellungen verdeutlichen das Spannungsfeld, in dem sich internationale Netzwerk-Carrier bewegen. Steigende Treibstoffkosten, veränderte Luftraumkorridore und schwankende Auslastungsraten zwingen Fluggesellschaften zu einer strikten Renditekontrolle. Die Strategie von Air Canada zeigt, dass Strecken mit geringer Marge bei Verschlechterung der Rahmenbedingungen rasch aufgegeben werden, um Kapazitäten auf ertragsstärkeren Kernrouten zu bündeln.
Der Einsatz der Tochtergesellschaft Rouge hat sich in einigen Marktsegmenten als Übergangslösung erwiesen, konnte aber bei steigenden Betriebskosten die Unrentabilität einzelner Nebenstrecken nicht dauerhaft kompensieren. Die künftige Netzentwicklung wird maßgeblich von der Verfügbarkeit neuer Langstreckenflugzeuge und der Reorganisation globaler Luftstraßen abhängen.