Boeing 737 Max (Foto: Jan Gruber).
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Drohender Streik von knapp 17.000 Ingenieuren und Technikern gefährdet die Fertigung bei Boeing

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Der US-amerikanische Luft- und Raumfahrtkonzern Boeing steht vor einer neuen operativen Zerreißprobe. Ende August lehnte die Belegschaft der Ingenieure und technischen Mitarbeiter das vorgelegte Tarifangebot des Unternehmens mit großer Mehrheit ab.

In einer Urabstimmung, die von der Gewerkschaft Society of Professional Engineering Employees in Aerospace (SPEEA) organisiert wurde, stimmten 88 Prozent der stimmberechtigten Einheiten im Bereich Professional Unit sowie 90 Prozent im Bereich Technical Unit gegen die Beschlussvorlage der Unternehmensführung. Damit erteilten die Beschäftigten zugleich die Ermächtigung für einen Streik, der bereits am 7. Oktober 2026 beginnen könnte. Das Votum erfolgt knapp zwei Jahre nach einem 53-tägigen Ausstand der Industriemechaniker, der die Produktion in den Werkshallen lahmgelegt hatte. Der nun drohende Arbeitskampf im Angestellten- und Entwicklungsbereich birgt jedoch Risiken für die behördliche Zulassung und die Aufrechterhaltung der Fertigungsketten.

Spannungen zwischen Belegschaft und Konzernleitung

An der Abstimmung im August beteiligten sich über 92 Prozent der stimmberechtigten Gewerkschaftsmitglieder. Konkret lehnten 64,25 Prozent der rund 13.000 Mitglieder umfassenden Professional Unit und 71,87 Prozent der etwa 4.000 Personen zählenden Technical Unit die Vorschläge des Managements ab. Obwohl die Verhandlungskommission der SPEEA die Vertragsentwürfe zunächst eingebracht hatte, verweigerte die Basis die Zustimmung. Als Hauptgründe für die Ablehnung wurden eine Stagnation bei den Grundgehältern, Regelungen zu verpflichtenden Überstunden von bis zu 112 Stunden pro Quartal sowie starre Präsenzvorgaben am Arbeitsplatz genannt, die den gestiegenen Lebenshaltungskosten in der Region Pacific Northwest nicht ausreichend Rechnung tragen.

Nach dem negativen Votum kündigte der leitende Ingenieur Ben Nimmergut die Aktivierung eines betrieblichen Notfallplans an. Der Konzern zog zuvor zugesagte Prämien für eine rasche Ratifizierung, darunter eine rückwirkende Gehaltserhöhung um 3 Prozent und eine Anhebung der jährlichen Bonusziele um 40 Prozent, kurzfristig zurück. Die frei werdenden Mittel wurden stattdessen in die Anwerbung von Zeitarbeitskräften und externe Dienstleister umgeleitet. Innerhalb weniger Tage schaltete Boeing Stellenausschreibungen, um Ersatzpersonal für Ingenieurs- und Technikaufgaben zu rekrutieren. Trotz dieser Verhärtung der Fronten kehrten beide Seiten Ende August an den Verhandlungstisch zurück, da Tarifumfragen unter knapp 13.000 Beschäftigten zeigten, dass garantierte Sockelbetragserhöhungen und höhere Töpfe für leistungsbezogene Gehaltsanpassungen die zentralen Forderungen der Belegschaft darstellen.

Bedeutung der Ingenieure für die Produktion und die behördliche Zulassung

In der Zivilflugzeugsparte von Boeing hängt die Produktion nicht allein von den manuellen Schritten auf den Montagestraßen ab. Bei der Fertigung eines Verkehrsflugzeugs wie der 737 Max am Standort Renton erfordert jede Abweichung von den Konstruktionsvorgaben eine dokumentierte Freigabe. Tritt beispielsweise eine Toleranzüberschreitung von mehr als 0,76 Millimetern an Bauteilen auf, stoppt die Montage an der betroffenen Station umgehend. Die Fertigungsmechaniker besitzen nicht die Befugnis, Anpassungen an tragenden Strukturen eigenständig vorzunehmen. Jeder Fall erfordert die Erstellung eines Abweichungsberichts (Non-Conformance Report), der von einem Verbindungsingenieur (Liaison Engineer) vor Ort geprüft, berechnet und gegengezeichnet werden muss.

Zusätzlich verfügen ausgewählte SPEEA-Ingenieure im Rahmen der behördlichen Delegationsrechte (Organization Designation Authorization) der US-Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (FAA) über den Status als beauftragte Ingenieurvertreter (Designated Engineering Representatives). Diese Fachkräfte zertifizieren rechtlich verbindlich die Übereinstimmung der gebauten Maschinen mit den Luftfahrtstandards. Die Bestimmungen der FAA verbieten es Führungskräften ohne entsprechende Delegation, diese Zertifikate zu unterzeichnen. Sollten die zertifizierten Ingenieure in den Ausstand treten, kommen die finalen Dokumentationen zum Erliegen. Fertig montierte Flugzeuge dürfen das Werksgelände in diesem Fall nicht verlassen.

Auswirkungen auf die Produktionsraten und die Lieferketten

Ein Arbeitsstopp der technischen Fachkräfte trifft das Unternehmen in einer kritischen Phase der Fertigungsausweitung. Nach dem Zwischenfall mit einem herausgebrochenen Rumpfteil an einer 737 Max 9 im Januar 2024 hatte die FAA die monatliche Produktion der 737-Reihe auf 38 Maschinen begrenzt. Erst nach umfangreichen Überprüfungen der Fertigungsqualität erteilten die Behörden die Genehmigung zur schrittweisen Anhebung der Ausstoßrate auf 42 Flugzeuge pro Monat ab Oktober 2025 mit der Perspektive, bis Mitte 2026 eine Schlagzahl von 47 Einheiten monatlich zu erreichen. Zu diesem Zweck wurde unter anderem eine vierte Montagelinie im Werk Everett in Betrieb genommen, um Engpässe am Standort Renton abzufedern.

Ein streikbedingter Stillstand bei der Bearbeitung der Qualitätsberichte würde nach Einschätzung von Branchenkennern innerhalb von drei bis fünf Tagen zu einer Überlastung der internen Erfassungssysteme führen. In der Folge müssten Zulieferungen gedrosselt werden. Großlieferanten wie Spirit AeroSystems, wo rund 70 Prozent der Rumpfstrukturen gefertigt werden, sowie der Triebwerkshersteller CFM International haben ihre Kapazitäten an den Zielwerten von 42 bis 47 Einheiten pro Monat ausgerichtet. Wenn fertige Rumpfteile auf Schienenwaggons nicht abgeladen werden können, drohen Rückstaus bis in die Zulieferbetriebe, was die globale Lieferkette belasten würde.

Verzögerungen bei Musterzulassungen und Konsequenzen für Fluggesellschaften

Neben der laufenden Serienfertigung sind auch die Zertifizierungsprogramme neuer Flugzeugvarianten direkt von der Arbeitsniederlegung betroffen. Die Variante 737 Max 10 absolvierte am 28. Juli 2026 ihren letzten Testflug im Rahmen des Erprobungsprogramms, womit das Projekt in die finale Phase der behördlichen Auswertung überging. Nachdem die kleinere Variante 737 Max 7 am 3. August 2026 die Zulassung durch die FAA erhielt, hängt die Freigabe der Max 10 von der Fertigstellung der Sicherheitsanalysen und Konformitätsberichte ab. Da diese Unterlagen von SPEEA-Ingenieuren erstellt werden, führt ein Streik ab dem 7. Oktober zu einer Unterbrechung des Zulassungsprozesses für die Max 10 sowie für das Großraumflugzeug 777-9.

Für die Kunden aus der Luftfahrtbranche bedeuten erneute Verzögerungen eine Anpassung ihrer Flottenplanungen. Fluggesellschaften wie United Airlines, die eine erhebliche Anzahl an Bestellungen für die Max 10 halten, müssen ihre Kapazitätsplanungen überdenken. Auch Southwest Airlines und Alaska Airlines sind auf fristgerechte Auslieferungen der Max-Reihe angewiesen, um ältere Flugzeugtypen schrittweise auszuordnen beziehungsweise Streckennetze auszubauen. Verzögerungen bei der Auslieferung zwingen Airlines dazu, Mietverträge für ältere Maschinen zu verlängern oder Flugpläne anzupassen, was mit zusätzlichen Betriebskosten verbunden ist.

Entscheidende Verhandlungsphase vor Ablauf der Tariffrist

Am 8. September 2026 nahmen die Verhandlungskommissionen von Boeing und der Gewerkschaft SPEEA die formalen Gespräche wieder auf, um vor Ablauf des aktuellen Tarifvertrags am 6. Oktober eine Einigung zu erzielen. Zwar versuchte das Management im Nachgang der Urabstimmung, durch die Vorbereitung von Ersatzpersonal Druck aufzubauen, doch gilt die kurzfristige Ersetzung von knapp 17.000 hochspezialisierten Ingenieuren und Technikern während einer laufenden Produktionssteigerung in der Luftfahrtbranche als schwer umsetzbar.

Die bevorstehenden Verhandlungen verdeutlichen die anhaltenden Herausforderungen in der Unternehmenskultur des Konzerns. Jahre der Restrukturierung und Sparmaßnahmen haben das Vertrauen zwischen der Führungsebene und den technischen Mitarbeitern belastet. Ein Ausgleich der Gehaltsstrukturen unter Berücksichtigung der regionalen Inflation gilt als Schlüsselfaktor, um den Abfluss von erfahrenen Fachkräften und Inhabern behördlicher Delegationsrechte zu verhindern. Für das Unternehmen ist die Aufrechterhaltung der behördlichen Zertifizierungsfähigkeit und der technischen Qualitätskontrollen eine grundlegende Voraussetzung, um das Vertrauen der Regulierungsbehörden und der Öffentlichkeit nachhaltig zu sichern.

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