Die britische Regierung beabsichtigt, den Kommunen und Regionalverbänden in England die rechtliche Handhabe zur Erhebung einer Übernachtungssteuer für Touristen zu erteilen. Wohnungsbauministerin Angela Rayner präsentierte das Vorhaben, das den lokalen Behörden die Festlegung einer prozentualen Abgabe auf Übernachtungspreise gestattet.
Eine landesweit einheitliche Obergrenze ist im Gesetzentwurf nicht vorgesehen, jedoch haben Vertreter von Kommunen eine Begrenzung signalisiert. Die Einnahmen aus der Abgabe sollen direkt in den jeweiligen Regionen verbleiben, um Ausgaben für die lokale Infrastruktur und das Verkehrswesen zu decken. Während Wirtschaftsverbände vor negativen Folgen für den Arbeitsmarkt und sinkenden Besucherzahlen warnen, verweisen Befürworter auf internationale Vergleiche sowie bestehende Modelle innerhalb des Vereinigten Königreichs, bei denen bislang keine signifikanten Rückgänge bei den Übernachtungszahlen festgestellt wurden.
Gesetzliche Rahmenbedingungen und geplante Mittelverwendung
Das von der Regierung angekündigte Gesetzesvorhaben sieht vor, den regionalen Entscheidungsträgern ein Instrument zur eigenständigen Einnahmengenerierung an die Hand zu geben. Nach den Vorstellungen des Ministeriums für Wohnungsbau und kommunale Entwicklung soll der Aufschlag flexibel gestaltet werden können, um den spezifischen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der einzelnen Regionen Rechnung zu tragen. Die Erhebung erfolgt als prozentualer Zuschlag auf den Netto-Übernachtungspreis in Beherbergungsbetrieben wie Hotels, Pensionen und Ferienwohnungen.
In einer gemeinsamen Erklärung versicherten zehn Bürgermeister der Labour-Partei, darunter auch der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, die Abgabe in ihren Zuständigkeitsbereichen unter der Marke von fünf Prozent des Übernachtungspreises halten zu wollen. Regierungsnahe Stellen gehen davon aus, dass sich die Sätze in der Praxis im Bereich weniger Prozentpunkte einpendeln werden. Zweck der Maßnahme ist die Stärkung der kommunalen Finanzautonomie. Die generierten Mittel sind zweckgebunden und sollen vorrangig in den Erhalt und Ausbau der öffentlichen Verkehrsinfrastruktur sowie in regionale Entwicklungsprojekte investieren werden, die durch das Aufkommen von Besuchern zusätzlich beansprucht werden.
Befürchtungen des Gastgewerbes und ökonomische Risikoanalysen
Gegen das Vorhaben regt sich Widerstand aus Teilen der Tourismus- und Beherbergungswirtschaft. Der Branchenverband UK Hospitality äußerte Bedenken hinsichtlich der finanziellen Mehrbelastung für Reisende. Verbandsvertreter Allen Simpson wies darauf hin, dass die Abgabe das für Konsumausgaben verfügbare Budget der Urlauber schwere und somit Folgesektoren wie Gastronomie und Einzelhandel belasten könne.
Zur Untermauerung dieser Position verweist der Verband auf eine Untersuchung des Forschungsinstituts Oxford Economics. Gemäß dieser Modellrechnung könnte die flächendeckende Einführung einer fünfprozentigen Übernachtungssteuer in England zu einem Rückgang um bis zu zwölf Millionen Aufenthalte führen. In der Folge könnten Hochrechnungen zufolge bis zu 33.000 Arbeitsplätze im Beherbergungs- und Dienstleistungssektor gefährdet sein. Insbesondere ländliche und stark vom Fachtourismus abhängige Regionen wie der Lake District oder die Yorkshire Dales befürchten einen Ausweicheffekt der Gäste in benachbarte Gebiete, die auf die Erhebung einer solchen Steuer verzichten.
Erkenntnisse aus empirischen Studien und bestehenden Modellen
Den Befürchtungen der Wirtschaftsverbände stehen empirische Daten aus europäischen Destinationen und bestehenden Initiativen im Vereinigten Königreich gegenüber. Eine im Jahr 2024 veröffentlichte Studie der walisischen Bangor University untersuchte die Effekte von Übernachtungsabgaben in 125 Destinationen innerhalb von 26 europäischen Staaten im Zeitraum bis 2019. Die Wissenschaftler fanden keine Belege dafür, dass die Einführung moderater Abgaben zu einer messbaren Verringerung der Nachfrage oder einer Beeinträchtigung der Wettbewerbsfähigkeit geführt hätte.
Auch innerhalb des Vereinigten Königreichs existieren bereits praxisnahe Referenzwerte. Manchester führte im Jahr 2023 als erste britische Kommune eine Übernachtungsabgabe ein. Laut einer im Fachjournal Tourism Management veröffentlichten Analyse aus dem Jahr 2025 verzeichnete der lokale Hotelmarkt nach der Einführung keine signifikanten Veränderungen bei den Auslastungsquoten. In den ersten drei Jahren nach der Umsetzung generierte die Abgabe in Manchester Einnahmen in Höhe von 10,5 Millionen Pfund, die für die Finanzierung kultureller Infrastruktur und öffentlicher Angebote genutzt wurden.
Regionale Umsetzung in Schottland und Wales sowie parlamentarischer Ausblick
Neben den englisches Städteinitiativen haben auch die übertragenen Regierungen in Schottland und Wales gesetzliche Grundlagen für kommunale Abgaben geschaffen. Die schottische Hauptstadt Edinburgh führte im Juli 2026 eine Touristensteuer in Höhe von fünf Prozent ein. Die regionale Branchenvertretung Edinburgh Tourism Action Group erklärte, dass eine abschließende Bewertung der langfristigen Auswirkungen zum jetzigen Zeitpunkt noch ausstehe. Allerdings zeige der Vergleich mit Städten wie Manchester, dass Erhöhungen im einstelligen Prozentbereich in der Regel nicht zu strukturellen Einbußen im Städtetourismus führen.
Der Gesetzentwurf der britischen Regierung soll in Kürze in das Parlament eingebracht werden. Im Rahmen der anstehenden Debatten wird erwartet, dass insbesondere die genaue Ausgestaltung der Erhebungskompetenzen, eventuelle Freibeträge sowie die Abgrenzung zwischen geschäftlich und privat Veranlassten Übernachtungen thematisiert werden.