Der Energiekonzern Uniper hat eine langfristige Vereinbarung mit dem US-amerikanischen Unternehmen Arcadia eFuels über den Bezug von jährlich 40.000 Tonnen strombasiertem synthetischem Flugkraftstoff abgeschlossen.
Der Vertrag erstreckt sich über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren, wobei die kommerziellen Lieferungen Anfang der 2030er Jahre beginnen sollen. Die Produktion ist in einer Anlage des Herstellers im dänischen Vordingborg vorgesehen, die auf eine Gesamtkapazität von rund 80.000 Tonnen pro Jahr ausgelegt ist. Die Abnahmevereinbarung steht im Kontext der gesetzlichen Vorgaben der Europäischen Union, die Fluggesellschaften und Kraftstoffanbieter schrittweise zur Beimischung synthetischer Kraftstoffe verpflichtet. Während Energieunternehmen und Anlagenbauer durch vertragliche Abnahmegarantien Investitionssicherheit für den Aufbau von Produktionskapazitäten schaffen wollen, äußern Vertreter der Luftfahrtbranche und Branchenverbände Vorbehalte hinsichtlich der rechtzeitigen Verfügbarkeit und der wirtschaftlichen Machbarkeit der vorgegebenen Quoten.
Produktionsverfahren und technische Parameter von strombasierten Flugkraftstoffen
Der vereinbarte Kraftstoff, bezeichnet als eSAF (electricity-based sustainable aviation fuel), gehört zur Gruppe der synthetischen Power-to-Liquid-Kraftstoffe (PtL). Die Herstellung basiert auf der Erzeugung von Wasserstoff mittels Elektrolyse unter Einsatz von Strom aus erneuerbaren Quellen. In einem anschließenden Syntheseprozess wird der Wasserstoff mit Kohlendioxid zusammengeführt, um flüssige Kohlenwasserstoffe zu erzeugen, die in ihrer chemischen Struktur konventionellem Jet-A1-Kerosin entsprechen. Nach der Raffination kann der synthetische Kraftstoff dem herkömmlichen Kerosin beigemischt und in bestehenden Flugzeugtriebwerken sowie über die vorhandene Flughafeninfrastruktur genutzt werden.
Das vertraglich vereinbarte Abnahmevolumen von 40.000 Tonnen entspricht rein rechnerisch dem Kraftstoffbedarf von etwa 1.000 Flügen eines Verkehrsflugzeugs vom Typ Boeing 787-9 auf der Langstrecke zwischen Düsseldorf und Abu Dhabi. Aus Sicht des Uniper-Managements stellt die Vereinbarung einen Baustein dar, um sich frühzeitig Marktanteile im Bereich der synthetischen Kraftstoffe zu sichern und die Versorgung von Fluggesellschaften an europäischen Flughäfen vorzubereiten. Für den Anlagenentwickler Arcadia eFuels bildet der langfristige Vertrag die Grundlage für die Finanzierung und den Bau der Produktionsstätte im dänischen Vordingborg.
Europäische Quotenregelung und gesetzliche Beimischungspflichten
Hintergrund der Abnahmevereinbarungen sind die rechtlichen Rahmenbedingungen der Europäischen Union im Rahmen der Luftfahrtinitiative ReFuelEU Aviation. Seit dem 1. Januar 2025 gilt an Flughäfen innerhalb der Europäischen Union eine verbindliche Mindestquote für nachhaltige Flugkraftstoffe, die zunächst bei 2,0 Prozent liegt. Diese Gesamtquote für nachhaltige Kraftstoffe soll schrittweise angehoben werden und im Jahr 2050 einen Wert von 70,0 Prozent erreichen.
Zusätzlich zur allgemeinen SAF-Quote sieht die EU-Verordnung eine spezifische Unterquote für synthetische PtL-Kraftstoffe vor. Diese strombasierten Kraftstoffe müssen ab dem Jahr 2030 verpflichtend beigemischt werden. Die Unterquote startet im Jahr 2030 bei 1,2 Prozent, steigt bis 2035 auf 2,0 Prozent und soll im Jahr 2050 einen Anteil von 35,0 Prozent am gesamten Treibstoffverbrauch der Luftfahrt in der Europäischen Union ausmachen. Großbritannien hat vergleichbare Regelungen eingeführt, um den Übergang zu alternativen Kraftstoffen im Luftverkehr rechtlich abzusichern.
Marktrealität und Bedenken der Luftfahrtbranche
Trotz der verabschiedeten Quoten und der Ankündigung einzelner Großprojekte zeichnet sich in der Praxis eine Differenz zwischen den gesetzlichen Vorgaben und den realen Produktionskapazitäten ab. Die International Air Transport Association (IATA) wies im Juni 2026 darauf hin, dass die bestehenden und im Bau befindlichen Anlagen weit hinter dem erwarteten Bedarf zurückbleiben.
Nach Berechnungen der IATA erfordert die Erfüllung der Quoten in der Europäischen Union und in Großbritannien bis zum Jahr 2030 ein Produktionsvolumen von rund 0,6 Millionen Tonnen eSAF pro Jahr. Demgegenüber belief sich die weltweit tatsächlich betriebene und im Bau befindliche Produktionskapazität Mitte 2026 lediglich auf etwa 0,02 Millionen Tonnen. Zudem war zu diesem Zeitpunkt erst eine einzige kommerzielle Produktionsanlage für strombasierte Flugkraftstoffe weltweit im regulären Betrieb. Fluggesellschaften befürchten vor diesem Hintergrund Engpässe bei der Beschaffung, hohe Pönalen bei Nichterfüllung der Quoten sowie Wettbewerbsnachteile gegenüber Konkurrenten aus Staaten außerhalb der Europäischen Union, in denen keine vergleichbaren Beimischungspflichten gelten.
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen und Skalierungsfragen
Neben den rein quantitativen Verfügbarkeiten stehen die Herstellungskosten im Mittelpunkt der Branchendiskussion. Die Produktion von strombasiertem Kerosin erfordert erhebliche Mengen an erneuerbarer Energie sowie eine kontinuierliche Wasserstoff- und CO2-Versorgung. Dies führt dazu, dass die Herstellungskosten von eSAF derzeit ein Vielfaches der Kosten von konventionellem fossilem Kerosin betragen.
Die Umsetzung von Abnahmeverträgen wie zwischen Uniper und Arcadia eFuels gilt zwar als wichtiger Schritt zur Erreichung höherer Produktionsvolumina, deckt aber nur einen Teil des künftigen europäischen Gesamtfeldbedarfs ab. Um die von der EU festgelegten Etappenziele bis 2030 und darüber hinaus zu erreichen, sind beträchtliche Investitionen in den Aufbau weiterer Industrieanlagen, die Bereitstellung von Grünstrom und den Ausbau der Transportinfrastruktur erforderlich. Die Entwicklung des Marktes in den kommenden Jahren wird davon abhängen, ob die geplante Produktion in Vordingborg und vergleichbare Projekte planmäßig in den kommerziellen Betrieb überführt werden können.