Die Fachgruppe Gastronomie der Wirtschaftskammer Wien hat am 1. Oktober 2026, dem internationalen Tag des Kaffees, die Schwerpunktaktion „Buchwochen im Kaffeehaus“ initiiert. Im Rahmen der dreiwöchigen Kampagne, die bis zum 22. Oktober läuft, verteilen teilnehmende Wiener Gastronomiebetriebe rund 20.000 Bücher kostenlos an ihre Gäste.
Der inhaltliche Fokus der Publikationen liegt auf Titeln mit Wien-Bezug. Flankiert wird die Abgabe von Werken durch vier öffentliche Lesungen österreichischer Autoren in ausgewählten Traditionshäusern wie dem Café Frauenhuber, dem Kaffee Alt Wien, dem Betriebe franzundjulius sowie dem Lokal das Kardinal. Den Abschluss der Veranstaltungsreihe bilden die Vergabe des Wiener Krimipreises sowie die 22. Wiener Kriminacht, bei der über 30 Kaffeehäuser als Leseorte dienen.
Mit der Initiative versucht die Fachgruppe Gastronomie, die historische Verbindung zwischen der Wiener Kaffeehauskultur und der Literatur wieder stärker in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Die Tradition der Wiener Literatencafés, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert als Arbeits- und Treffpunkt für Kulturschaffende diente, gehört seit 2011 zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Branchenvertreter wie Kaffeehaus-Sprecher Wolfgang Binder und Gastronomie-Obmann Thomas Peschta betonen die gesellschaftliche Funktion der Kaffeehäuser als Räume der Begegnung und des Austauschs. Die Verteilaktion dient somit auch als gezielter Impuls für die lokale Gastronomiebranche.
Branchenbeobachter werten die Aktion als den Versuch, die Frequenz in den Gastronomiebetrieben in Zeiten veränderter Konsumgewohnheiten und gestiegener Betriebskosten zu stabilisieren. Die Wiener Kaffeehauslandschaft steht unter erheblichem wirtschaftlichen Druck: Zunehmende Ausgaben für Energie, Rohstoffe und Personal sowie die Konkurrenz durch internationale Ketten und moderne To-go-Konzepte fordern die traditionellen Betriebe heraus. Zudem verlagert sich das Konsumverhalten jüngerer Zielgruppen zunehmend von langwierigen Kaffeehausaufenthalten hin zu flexibleren Gastronomieformen, was Anpassungen bei Angebot und Marketing erforderlich macht.
Vor diesem Hintergrund stellt die kostenlose Abgabe von Lektüre in Kombination mit Eventformaten wie der Kriminacht ein Instrument dar, um Kunden an die Lokale zu binden und Neukunden zu gewinnen. Ob solche zeitlich begrenzten Kulturaktionen ausreichen, um den strukturellen Herausforderungen des Wiener Gastgewerbes dauerhaft entgegenzuwirken, bleibt Gegenstand betriebswirtschaftlicher Erwägungen. Der Erfolg der Kampagne bemisst sich letztlich daran, ob es den Betrieben gelingt, die kurzfristig erhöhte Aufmerksamkeit in eine nachhaltige Steigerung der Gästezahlen und Umsätze zu übersetzen.