Die lettische Fluggesellschaft Air Baltic steht vor einer umfassenden betrieblichen Umstrukturierung. Wie das Unternehmen am 5. Oktober 2026 bekannt gab, sollen in den kommenden Monaten zwischen 500 und 700 Arbeitsplätze gestrichen werden.
Der geplante Personalabbau betrifft alle drei Hauptstandorte der Fluggesellschaft in Riga, Vilnius und Tallinn. Die Maßnahme ist Teil eines Sanierungskonzepts, mit dem die Fluggesellschaft auf langjährige Verluste, gestiegene Betriebskosten und operative Schwierigkeiten reagiert. Das Management setzt dabei auf eine deutliche Verkleinerung der Flugzeugflotte und eine Konsolidierung des Streckennetzes, um die finanzielle Stabilität der Fluggesellschaft wiederherzustellen.
Einschnitte an den Standorten im Baltikum
Der angekündigte Abbau betrifft einen erheblichen Teil der Belegschaft. Derzeit beschäftigt Air Baltic rund 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den drei baltischen Staaten. Ein Verlust von bis zu 700 Stellen entspricht einer Reduzierung der Belegschaft um fast ein Viertel. Das Unternehmen hat die lettische Arbeitsagentur sowie die zuständigen Behörden in Litauen und Estland über das eingeleitete Massenentlassungsverfahren informiert.
Nach Angaben der Unternehmensführung stehen die genauen Zahlen für die einzelnen Standorte und Berufsgruppen noch nicht fest. Derzeit laufen Verhandlungen mit Gewerkschaften und Personalvertretungen. Ziel dieser Konsultationen ist es unter anderem, Arbeitszeitverkürzungen für das Flugpersonal zu prüfen, um die Zahl der betriebsbedingten Kündigungen zu begrenzen. Präsident und VorstandsfeShared Erno Hildén betonte, dass der Prozess mit Transparenz und unter Einhaltung aller arbeitsrechtlichen Vorgaben geführt werde. Endgültige Entlassungsentscheidungen seien zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht getroffen worden.
Restrukturierungsplan nach US-Insolvenzantrag
Der Personalabbau ist die direkte Folge eines umfassenden Unternehmensumbaus, den die Führung von Air Baltic im August 2026 beschlossen hat. Unter dem Leitgedanken, der finanziellen Stabilität den Vorrang vor erneutem Wachstum zu geben, leitete die Airline Mitte September 2026 ein Insolvenzverfahren nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts beim zuständigen Bundesgericht in New York ein. Dieser Schritt ermöglicht es internationalen Unternehmen, ihren Geschäftsbetrieb unter gerichtlicher Aufsicht fortzuführen, während die Verbindlichkeiten und Lieferantenverträge neu verhandelt werden.
Die Notwendigkeit der Sanierung resultiert aus einer Kombination externer und interner Faktoren. Neben deutlich gestiegenen Treibstoffkosten und veränderten Flugrouten infolge der geopolitischen Lage in Osteuropa belasteten anhaltende Triebwerksprobleme die Bilanz. Air Baltic betreibt eine Flotte, die ausschließlich aus Flugzeugen des Typs Airbus A220-300 besteht. Wiederholte Ausfälle und lange Wartungszeiten der dort verbauten Geared-Turbofan-Triebwerke zwangen die Airline in der Vergangenheit dazu, Ersatzflugzeuge von Drittanbietern anzumieten, was die Betriebskosten stark erhöhte.
Verkleinerung der Flugzeugflotte und Fokussierung auf Riga
Ein zentraler Baustein des Sanierungskonzepts ist die Verkleinerung der Flotte. Bis Ende 2026 soll die Zahl der betriebenen Airbus A220-300 von derzeit 54 auf 36 Maschinen reduziert werden. Damit gibt Air Baltic ihre ursprünglichen Expansionspläne auf, die eine Vergrößerung der Flotte auf bis zu 100 Flugzeuge vorgesehen hatten. Erst im Zeitraum bis 2031 soll der Flugzeugbestand wieder langsam auf etwa 40 Einheiten ansteigen.
Parallel zur Flottenverkleinerung passt das Unternehmen sein Streckennetz an. Der Schwerpunkt des Flugbetriebs soll künftig noch stärker auf der Hauptbasis am Flughafen Riga liegen, während das Angebot an den dezentralen Basen in Vilnius und Tallinn auf rentable Kernverbindungen reduziert wird. Um die Kapazitätsauslastung der verbleibenden Maschinen auch in den nachfrageschwächeren Wintermonaten zu sichern, plant Air Baltic den Ausbau des sogenannten ACMI-Geschäfts, bei dem Flugzeuge samt Besatzung, Wartung und Versicherung an andere Fluggesellschaften vermietet werden.
Fortführung des Flugbetriebs während des Verfahrens
Trotz des laufenden Insolvenzverfahrens und der angekündigten Einschnitte bleibt der reguläre Flugbetrieb nach Unternehmensangaben uneingeschränkt aufrechterhalten. Der Flugplan wird wie vorgesehen bedient, und bereits gebuchte Tickets sowie Fluggutscheine behalten ihre Gültigkeit.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Neuausrichtung ausreicht, um Air Baltic dauerhaft auf einem konsolidierten Kurs zu halten. Das gerichtliche Sanierungsverfahren in den USA soll voraussichtlich bis Mitte 2027 abgeschlossen werden. Für die Betroffenen an den Standorten Riga, Vilnius und Tallinn bringt die Übergangsphase jedoch erhebliche Unsicherheiten hinsichtlich der zukünftigen Beschäftigungsstruktur mit sich.