Boeing 737-800 (Foto: Jan Gruber).
Redakteur
Letztes Update
Give a coffee
Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee einladen.
Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.
Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Hinweise wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.
Ihr
Aviation.Direct-Team

Ryanair kürzt deutsches Flugangebot um 700.000 Sitzplätze

Werbung

Die irische Fluggesellschaft Ryanair setzt ihren Sparkurs auf dem deutschen Luftverkehrsmarkt mit unverminderter Härte fort und reduziert ihr Angebot für die bevorstehende Wintersaison 2026/2027 drastisch.

Wie das Unternehmen am 8. Oktober 2026 offiziell bekannt gab, werden dem deutschen Markt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum rund 700.000 Sitzplätze entzogen, was einer Reduktion des Gesamtangebots im Bundesgebiet um etwa zehn Prozent entspricht. Als Hauptursache für diesen Schritt führt der europäische Marktführer im Direktflugsegment erneut die im internationalen Vergleich überhöhten staatlich induzierten Standortkosten an, zu denen insbesondere die nationale Luftverkehrsteuer sowie stark gestiegene Gebühren für Flugsicherung, Luftsicherheit und Flughafeninfrastruktur zählen. Die Maßnahme verdeutlicht die fortschreitende Verlagerung von Fluggeräten in europäische Nachbarländer mit günstigeren Abgabenstrukturen.

Schließung der Basis am Flughafen Berlin-Brandenburg als Kernmaßnahme

Der Flughafen Berlin-Brandenburg (BER) entwickelt sich zum Hauptgeschädigten der neuerlichen Angebotskürzung. Ryanair bestätigt im Zuge des neuen Winterflugplans die definitive Schließung ihrer Berliner Stationierung mit Wirkung zum 24. Oktober 2026. Die bisher am BER fest stationierten sieben Flugzeuge vom Typ Boeing 737 werden vollständig abgezogen und an wettbewerbsfähigere europäische Standorte verlegt. Für den Hauptstadtflughafen bedeutet dies eine Halbierung des bisherigen Ryanair-Flugvolumens und den Ausfall von insgesamt zwölf Direktverbindungen. Im Winterflugplan 2026/2027 entfallen ab Berlin unter anderem die Strecken nach Bologna, Fuerteventura, Gran Canaria, Lanzarote, Marseille, Palermo, Pisa, Reggio Calabria, Tallinn, Thessaloniki, Triest und Vilnius.

Eddie Wilson, Chief Executive Officer der Ryanair DAC, bezeichnete Berlin als den mit Abstand größten Verlierer dieser Entwicklung. Er begründete den Schritt mit einer Steigerung der Entgelte am BER um mehr als 50 Prozent seit Beginn des aktuellen Jahrzehnts. Die Betreibergesellschaft des Berliner Flughafens trat dieser Darstellung in Teilen entgegen und betonte, dass die eigenen Entgelte seit der Eröffnung im Jahr 2020 trotz der allgemeinen Inflation stabil gehalten werden konnten. Zugleich wies ein Sprecher der Flughafengesellschaft darauf hin, dass andere Fluggesellschaften die freiwerdenden Kapazitäten teilweise kompensieren. Sechs der zwölf von Ryanair eingestellten Strecken werden demnach im kommenden Winter von Mitbewerbern bedient oder übernommen. Dennoch räumten die Verantwortlichen am BER ein, dass der Verlust der 700.000 Sitzplätze das Gesamtwachstum des Standorts spürbar hemmt und die staatlich fixierten Kostenrahmen eine schwerwiegende Belastung darstellen.

Regionale Disparitäten: Reduktion in Hamburg und Wachstum an Sekundärflughäfen

Die Restrukturierung des Flugplans fällt in den einzelnen Regionen Deutschlands unterschiedlich aus. Während der Flughafen Hamburg mit einem Kapazitätsrückgang von fünf Prozent ebenfalls Einbußen hinnehmen muss, verzeichnen kleinere Regionalflughäfen punktuelle Zuwächse. Entgegen dem bundesweiten Negativtrend baut die Fluggesellschaft ihr Angebot am Flughafen Memmingen im Winter 2026/2027 um zwölf Prozent aus. Auch der Flughafen Köln/Bonn profitiert mit einem Plus von zehn Prozent bei den angebotenen Sitzplätzen. Zudem plant die Airline, in der kommenden Kälteperiode erstmals den regulären Winterflugbetrieb an den Standorten Friedrichshafen und Saarbrücken aufzunehmen.

Diese Entwicklung unterstreicht das strategische Kalkül des Konzerns, stark frequentiere Großflughäfen mit hohem Entgeltniveau zu meiden und Flüge auf kostengünstigere Sekundär- und Nischenflughäfen umzuleiten. Am Flughafen Bremen wird der Flugbetrieb im Winter 2026/2027 zwar noch aufrechterhalten, das endgültige Aus für den Standort steht jedoch fest: Nach gescheiterten Entgeltverhandlungen wird sich die Fluggesellschaft im Sommer 2027 vollständig von der Weser zurückziehen. Auch an den ostdeutschen Standorten Leipzig/Halle und Dresden bleibt die Fluggesellschaft nach ergebnislosen Gesprächen mit der Mitteldeutschen Flughafen AG im Sommer 2027 fern.

Branchenweite Debatte über die Attraktivität des Luftfahrtstandorts Deutschland

Der angekündigte Rückzug am BER und die Reduzierung um 700.000 Sitzplätze verschärfen die politische Debatte über die Rahmenbedingungen für den zivilen Luftverkehr in Deutschland. Obwohl die Bundesregierung die nationale Luftverkehrsteuer zum 1. Juli 2026 leicht abgesenkt hat, um den Steuersatz für Kurzstrecken von 15,53 Euro auf 13,03 Euro je Passagier anzupassen, beurteilt die irische Fluggesellschaft diese Korrektur als unzureichend. Ryanair fordert weiterhin die vollständige Abschaffung der Abgabe sowie eine Deckelung der Luftsicherheits- und Flugsicherungsgebühren.

Die Entscheidung des Marktführers setzt die Flughafenbetreiber und die Bundespolitik unter Zugzwang. Während andere europäische Länder durch Gebührensenkungen versuchen, den Flugverkehr nach den Krisenjahren rasch wieder aufzubauen, droht Deutschland durch das anhaltend hohe Kostenniveau den Anschluss im europäischen Direktverkehrssektor weiter zu verlieren. Fluggesellschaften verlagern ihre Maschinen flexibel in Märkte wie Spanien, Italien oder Polen, wo die operativen Erträge pro Flug höher ausfallen.

Werbung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Werbung