Der europäische Flugzeugbauer Airbus plant eine Weichenstellung bezüglich der möglichen Entwicklung verlängerter Rumpfvarianten seiner Modellreihen A220 und A350.
Wie der Leiter der Zivilflugzeugsparte des Konzerns, Lars Wagner, am 14. Oktober 2026 bei einem Fachmedien-Briefing am Hauptsitz im französischen Toulouse erklärte, werden formelle Beschlüsse über den Start der in der Branche als A220-500 und A350-2000 gehandelten Projekte noch vor Ablauf der aktuellen Fünfjahres-Planungsperiode und somit deutlich vor dem Jahr 2030 fallen. Wagner betonte vor Journalisten, dass seitens internationaler Fluggesellschaften eine eindeutige Nachfrage nach kapazitätsstärkeren Ausführungen beider Baureihen bestehe. Bevor neue Varianten zur Serienreife gebracht werden können, stehen jedoch komplexe Entwicklungsaufgaben im Bereich der Triebwerkstechnik sowie ein Ausbau der bestehenden Fertigungsinfrastruktur an.
Markterfordernisse und Überlegungen für eine verlängerte A350-Variante
Seit der Produktionseinstellung der Vierstrahler-Modelle Airbus A380 und Boeing 747 äußern mehrere internationale Großfluggesellschaften den Bedarf nach Großraumflugzeugen mit höherer Sitzplatzkapazität. Insbesondere Betreiber auf stark frequentierten Langstreckenverbindungen und an kapazitätsbeschränkten Drehkreuzen verlangen nach Mustern, die oberhalb der aktuellen A350-1000 angesiedelt sind. Lars Wagner verwies darauf, dass Kunden in persönlichen Gesprächen regelmäßig das Interesse an einer gestreckten Ausführung der A350 bekunden.
Eine Realisierung einer Großvariante stellt den Hersteller jedoch vor technische Herausforderungen. Für ein Flugzeug der Größenordnung einer potenziellen A350-2000 reicht die Leistung der aktuellen Rolls-Royce-Trent-XWB-97-Triebwerke nicht aus, wenn die gewohnte Reichweite beibehalten werden soll. Der britische Triebwerkshersteller Rolls-Royce hatte in der Vergangenheit darauf hingewiesen, dass die Entwicklung einer leistungsstärkeren Triebwerksgeneration einen Zeitraum von bis zu sieben Jahren in Anspruch nehmen könnte. Branchenbeobachter verweisen zudem auf die bereits bis weit in die 2030er Jahre gefüllten Auftragsbücher der A350-Familie, was eine Anhebung der monatlichen Produktionsraten zur Voraussetzung für neue Modellvarianten macht.
Nachfrage im Schmalrumpfsegment und Entwicklungsstand der A220-500
Neben dem Langstreckensegment prüft Airbus intensive Optionen zur Rumpfstreckung bei seiner kleinsten Modellreihe A220. Eine gestreckte Version mit der Bezeichnung A220-500 wird im Markt von zahlreichen Regional- und Linienfluggesellschaften nachgefragt, um die Lücke zu den kleineren Varianten der A320neo-Familie zu schließen. Guillaume Chevasson, Leiter von Airbus Canada, hatte bereits im Sommer 2026 im Werk Mirabel bestätigt, dass die internen Studien und Ingenieursarbeiten bezüglich der Machbarkeit und Wirtschaflichkeit einer A220-Streckung deutlich beschleunigt wurden.
Obwohl das Kundeninteresse an der A220-500 groß ist, wägt das Management Leistungsparameter, Rentabilität und die operativen Auswirkungen auf das bestehende Produktportfolio ab. Experten gehen davon aus, dass eine formelle Entscheidung und Einführung einer verlängerten A220 zeitlich vor dem Projekt einer gestreckten A350 liegen dürfte, da der entwicklungstechnische Aufwand im Schmalrumpfsegment vergleichsweise geringer ausfällt.
Zeitplan der Entscheidungsfindung und Kapazitätsausbau
In der Fragerunde in Toulouse verdeutlichte Lars Wagner, dass der Flugzeugbauer die Entscheidungen für die jeweiligen Rumpfstreckungen nicht bis zum Ende des Planungszeitraums hinauszögern möchte. Sobald für das jeweilige Projekt ein tragfähiges Geschäftsmodell vorliegt, werde der Vorstand des Konzerns um Genehmigung gebeten. Ein Beschluss werde definitiv vor dem Jahr 2030 erfolgen.
Wie aufwendig Modifikationen an bestehenden Flugzeugstrukturen sind, verdeutlicht die Frachtervariante A350F. Obwohl das Modell auf dem Rumpf der A350-1000 basiert und dieselbe Triebwerksvariante nutzt, vergingen zwischen der Ankündigung im Jahr 2021 und dem absolvierten Erstflug im Oktober 2026 fünf Jahre. Vor der Vermarktung neuer Rumpfvarianten konzentriert sich der Konzern daher zunächst darauf, die bestehenden Engpässe in den weltweiten Zulieferketten zu beheben und die Fertigungsraten der Basismodelle planmäßig zu steigern.