Der Dachverband Aviation Industry Austria hat im Oktober 2026 eine umfassende Debatte über die Zukunft der nationalen Flugabgabe in Österreich angestoßen. Angesichts stagnierender bis rückläufiger Passagierzahlen an heimischen Standorten bei gleichzeitigem Wachstum nahegelegener ausländischer Konkurrenzflughäfen fordert die Branchenvertretung die ersatzlose Streichung oder zumindest eine drastische Senkung der Abgabe.
Während von den 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union lediglich sieben Länder eine vergleichbare Sondersteuer erheben, ist Deutschland der einzige Nachbarstaat Österreichs mit einer ähnlichen Regelung. Weder die Schweiz noch die östlichen EU-Mitteleuropastaaten wie die Slowakei, Ungarn oder Tschechien belasten Flugtickets mit einer entsprechenden Sonderabgabe. Der Dachverband warnt vor einer schleichenden Abwanderung von Flugverbindungen und Passagierströmen in das benachbarte Ausland. Dies treffe nicht nur das primäre Luftfahrtdrehkreuz Wien-Schwechat, sondern schwäche auch die österreichischen Bundesländer-Flughäfen in ihrer Funktion für die regionale Wirtschaft.
Ungleiche Marktentwicklung im regionalen Standortvergleich
Die Gegenüberstellung der Verkehrszahlen der ersten drei Quartale des Jahres 2026 verdeutlicht die unterschiedliche Dynamik im ostösterreichischen und westslowakischen Einzugsgebiet. Während der Flughafen Wien von Januar bis September 2026 einen Passagierrückgang von 4,5 Prozent verzeichnete, konnte der nur knapp 60 Kilometer entfernte Flughafen Bratislava sein Fluggastaufkommen im selben Zeitraum mehr als verdoppeln. Dieser deutliche Zuwachs am slowakischen Standort wird maßgeblich durch die Verlagerung von Kapazitäten europäischer Niedrigpreis-Fluggesellschaften getrieben, die ihre Flugzeuge vorrangig an Standorten mit niedrigeren fiskalischen Rahmenbedingungen stationieren.
Fluggesellschaften disponieren ihre Flugzeugflotten auf einem hochgradig mobilen europäischen Gesamtmarkt. Wenn die Abgabenlast pro Passagier an einem Standort durch staatliche Steuern künstlich erhöht wird, weichen insbesondere preisflflexible Fluggesellschaften auf benachbarte Ausweichflughäfen aus. Der Standort Österreich droht dadurch den direkten Anschluss an internationale Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zu verlieren. Neben dem Flughafen Wien spüren auch die regionalen Verkehrsflughäfen in Linz, Salzburg, Graz, Innsbruck und Klagenfurt die Zurückhaltung von Airlines bei der Neuaufnahme oder Weiterführung von europäischem Schnittstellenverkehr.
Ökonomische Modellrechnungen und fiskalische Effekte
Zur Untermauerung ihrer Forderungen verweist die Aviation Industry Austria auf modellhafte Berechnungen, die auf einer Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts Economica basieren. Nach diesen Prognosen könnte die vollständige Abschaffung der Flugabgabe das Passagieraufkommen an österreichischen Flughäfen mittelfristig um rund 2,5 Millionen Passagiere pro Jahr steigern. Eine solche Volumenausweitung würde schätzungsweise 188 Millionen Euro an direkter und indirekter zusätzlicher Wertschöpfung generieren und rund 2.500 Arbeitsplätze in der Luftfahrtbranche sowie in angrenzenden Zulieferbetrieben sichern oder neu schaffen.
Unter Einrechnung der damit verbundenen touristischen Impulse im Hotel- und Gastgewerbe sowie bei regionalen Dienstleistern beziffert der Verband die potenziellen positiven Steuereffekte auf etwa 210 Millionen Euro jährlich. Diesen kalkulierten Mehreinnahmen stehen aktuelle Einnahmen aus der Flugabgabe in Höhe von rund 160 bis 180 Millionen Euro gegenüber, die dem Bundeshaushalt derzeit zufließen. Nach Einschätzung der Branchenvertreter drohen diese Einnahmen bei einer fortgesetzten Abwanderung von Flugverbindungen mittelfristig ohnehin zu sinken. Robert Machtlinger, Präsident der Aviation Industry Austria und Vorstandsvorsitzender des Luftfahrtzulieferers FACC AG, betonte, dass die regionale Wirtschaft auf direkte internationale Anbindungen angewiesen sei, um Investitionen und Arbeitsplätze am Standort zu sichern.
Politische Debatte über Entlastungsschritte und Standortqualität
Die Bundesregierung hat im Rahmen ihrer Haushaltsplanungen eine Entlastung der Luftfahrtbranche um rund 30 Millionen Euro in Aussicht gestellt. Während der Dachverband diesen Schritt als grundsätzliches Signal begrüßt, reicht die geplante Teilentlastung aus Sicht der Branchenvertreter keineswegs aus, um die strukturelle Wettbewerbsverzerrung gegenüber den zoll- und abgabenfreien Nachbarstaaten auszugleichen. Peter Malanik, Geschäftsführer der Aviation Industry Austria, erklärte dazu, dass die vollständige Streichung der Abgabe für das Finanzministerium unter dem Strich haushaltsneutral oder sogar budgetschonend verlaufen könnte, wenn man die dynamischen Zweitrundeneffekte bei der Körperschaft-, Lohn- und Umsatzsteuer berücksichtige.
Kritiker der Verbandsforderungen verweisen dagegen darauf, dass das Einnahmenrisiko im Bundesbudget bei einer vollständigen Streichung der Steuer unmittelbar wirksam würde, während die prognostizierten fiskalischen Mehreinnahmen aus zusätzlichen Passagieren auf Annahmen über das künftige Marktverhalten beruhen. Zudem argumentieren Vertreter anderer Verkehrsträger, dass der Luftverkehr bereits von der internationalen Befreiung der Kerosinbesteuerung profitiere und eine staatliche Sonderabgabe einen angemessenen Beitrag zur Finanzierung der öffentlichen Infrastruktur darstelle. Die politischen Verhandlungen über die künftige Ausgestaltung der Abgabe im Bundesrechnungsabschluss werden in den kommenden Monaten fortgeführt.