Die irische Fluggesellschaft Ryanair hat am 20. Oktober 2026 eine umfassende Reduzierung ihrer Betriebsaktivitäten in Belgien für die anstehende Winterflugplanperiode 2026/2027 bekannt gegeben.
Als Reaktion auf eine geplante Erhöhung der belgischen Luftverkehrsteuer streicht das Unternehmen insgesamt 20 Flugverbindungen, was einen Wegfall von rund 1,1 Millionen Sitzplätzen im belgischen Streckennetz bedeutet. Zudem werden sechs stationierte Flugzeuge von den belgischen Stützpunkten abgezogen und an Standorte in wirtschaftlich attraktiveren europäischen Märkten verlegt. Unternehmenschef Michael O’Leary richtete in diesem Zusammenhang eine dringende Aufforderung an die belgische Bundesregierung unter Premierminister Bart De Wever, die Steuermaßnahme zurückzunehmen. Der Schritt unterstreicht die wachsende Spannung zwischen europäischen Staaten, die Fiskalabgaben im Zivilluftverkehr anheben, und Fluggesellschaften, die flexibel auf Kostenveränderungen durch Kapazitätsverlagerungen reagieren.
Protest gegen die Anhebung der Luftverkehrsteuer und internationaler Standortvergleich
Der unmittelbare Auslöser für die Kapazitätskürzungen ist der Beschluss der belgischen Regierung, die staatliche Ticketsteuer im Januar 2027 von bisher 2,00 Euro auf 7,00 Euro pro Fluggast anzuheben. Ryanair-Vorstandsvorsitzender Michael O’Leary wies darauf hin, dass diese Anpassung einer Steigerung um 250 Prozent entspricht. Nach Auffassung des Managements verschlechtert der Schritt die Wettbewerbsfähigkeit des belgischen Luftverkehrsmarktes im europäischen Umfeld nachhaltig und bremst das Passagierwachstum ab.
O’Leary stellte die Fiskalpolitik der belgischen Regierung den Entscheidungen anderer europändischer Staaten gegenüber. Länder wie Schweden, Slowakei, Ungarn und Italien haben in der jüngeren Vergangenheit Flughafenentgelte sowie staatliche Flugabgaben gesenkt oder vollständig abgeschafft, um das Flugangebot anzuregen und die regionale Wirtschaftsanbindung zu stärken. Die irische Fluggesellschaft kündigte an, ihre Flugzeuge bevorzugt in Märkten einzusetzen, deren Gebührenstrukturen und Steuerrahmen Bedingungen für ein rentables Flottenwachstum bieten.
Auswirkungen auf die Stützpunkte Brüssel-Charleroi und Brüssel-Zaventem
Von den operativen Streichungen ist der Flughafen Brüssel-Süd-Charleroi besonders stark betroffen. Der rund 60 Kilometer südlich der Hauptstadt gelegene Standort fungiert seit vielen Jahren als Hauptbasis von Ryanair in Belgien, an der bislang 19 Maschinen fest stationiert waren. Der Carrier nutzt Charleroi als kostengünstiges Zugangstor zur Metropolregion Brüssel. Durch den Abzug von Flugzeugen verringert sich die dortige Flottenpräsenz spürbar, was direkte Auswirkungen auf die regionalen Arbeitsplätze und Bodenabfertigungskapazitäten hat.
Die aus belgischen Medienberichten hervorgehenden Streckenstreichungen ab Charleroi betreffen unter anderem die Winterverbindungen nach Sarajevo, Dubrovnik, Béziers, Genua, Reggio Calabria, Trapani, Essaouira, Nador, Oujda, Tétouan, Łódź, Poznań, Warschau-Modlin und Newcastle. Zudem werden auch auf dem Hauptflughafen Brüssel-Zaventem Routen gestrichen beziehungsweise ausgebucht. Dort betrifft die Ausdünnung des Winterprogramms Verbindungen nach Madrid, Valencia, Málaga, Rom-Fiumicino, Marrakesch, Porto und Barcelona-El Prat.
Vorgeschichte der Konflikte um Infrastruktur- und Standortkosten
Die Entscheidung stellt keine Isolierte Maßnahme dar, sondern fügt sich in eine Reihe von Auseinandersetzungen zwischen der Fluggesellschaft und belgischen Infrastrukturbetreibern ein. Bereits im Jahr 2022 hatte Ryanair ihre operative Eigenbasis auf dem Hauptstadtflughafen Brüssel-Zaventem aufgrund uneinigkeiten über zu hohe Flughafengebühren geschlossen. Zwar wird Zaventem weiterhin von Maschinen bedient, die an ausländischen Stützpunkten der Fluggesellschaft stationiert sind, doch wurde das Direktangebot ab der belgischen Hauptstadt seitdem schrittweise zurückgefahren.
Der erneute Kapazitätsabbau verdeutlicht die Flexibilität des Geschäftsmodells von Niedrigpreis-Fluggesellschaften, die Punkt-zu-Punkt-Verbindungen ohne feste Drehkreuzbindung betreiben. Für den Flughafen Charleroi bedeuten die Ausdünnungen einen spürbaren Rückgang der Passagierzahlen im Winterhalbjahr 2026/2027. Ob die belgische Bundesregierung auf die Forderungen der Fluggesellschaft reagieren wird, bleibt im Hinblick auf die laufenden konsolidierenden Haushaltsberatungen offen.