Ein Passagierflugzeug des Typs Sukhoi Superjet 100 der russischen Fluggesellschaft Azimuth hat kurz nach dem Start vom internationalen Flughafen Zvartnots in Jerewan einen technischen Notfall erklärt und ist zum Ausgangsflughafen zurückgekehrt. Rund 20 Minuten nach dem Abheben setzten die Piloten den internationalen Transpondercode 7700 ab, der der Flugverkehrskontrolle eine allgemeine Luftnotlage signalisiert.
Der Vorfall ereignete sich im Luftraum nahe der Ortschaft Tsilkar, etwa 50 Kilometer nördlich der armenischen Hauptstadt. Erstberichten zufolge handelte es sich bei der betroffenen Maschine um ein über acht Jahre altes Flugzeug. Der Zwischenfall reiht sich in eine Serie technischer Störungen bei der Fluggesellschaft Azimuth ein und verdeutlicht die anhaltenden Herausforderungen, mit denen die russische Luftfahrtbranche bei der Instandhaltung ihrer Flotte unter dem Einfluss internationaler Sanktionen konfrontiert ist.
Details zum Zwischenfall und betroffenes Fluggerät
Nach Angaben aus Branchenkreisen führte eine technische Fehlfunktion kurz nach dem Steigflug zur Auslösung des Notfallcodes. Welche Maschine aus der aus 19 Superjet-100-Flugzeugen bestehenden Flotte von Azimuth exakt betroffen war, wird von der Fluggesellschaft derzeit überprüft. In der Flotte des Unternehmens befinden sich sechs Maschinen mit einem Alter zwischen acht und neun Jahren, darunter die Flugzeuge mit den Kennzeichen RA-89093 (Neva, geliefert am 6. März 2018), RA-89096 (Moskva, geliefert am 10. April 2018), RA-89094 (Kuban, geliefert am 28. März 2018), RA-89095 (Irtysh, geliefert am 17. April 2018), RA-89120 (Oka, geliefert am 16. Oktober 2019) und RA-89121 (Ob, geliefert am 28. November 2019).
Dasselbe Flugzeug, das den aktuellen Vorfall erlitt, verzeichnete bereits im Jahr 2025 einen abgebrochenen Startvorgang auf dem Flughafen Jerewan. Damals musste die Maschine aufgrund einer Störung im Beschleunigungsvorgang auf die Parkposition zurückrollen. Eine Stellungnahme der Fluggesellschaft Azimuth zu den genauen Ursachen der jüngsten Notlandung steht bislang aus.
Häufung technischer Zwischenfälle bei der Fluggesellschaft Azimuth
Die operative Historie der Fluggesellschaft Azimuth weist in den vergangenen Jahren mehrere signifikante Sicherheitsereignisse auf. Am 24. November 2024 geriet das Triebwerk eines Sukhoi Superjet 100 nach der Landung auf dem türkischen Flughafen Antalya in Brand. Die Maschine, die aus Sotschi kam und mit 89 Passagieren sowie sechs Besatzungsmitgliedern besetzt war, konnte über die Notrutschen evakuiert werden, erlitt jedoch erhebliche Schäden. Die Fluggesellschaft führte den Vorfall damals auf extreme Scherwinde während des Aufsetzens zurück.
Bei einem weiteren Zwischenfall auf einem Flug nach Jerewan verlor ein Superjet 100 der Airline kurz nach dem Start vom Flughafen Mineralnyje Wody Teile der Triebwerksverkleidung. Die abgeplatzten Komponenten der Fan-Hube wurden später auf dem Flughafenareal geborgen. Obwohl die Maschine sicher landen konnte, wies der Rumpf optische Beschädigungen auf. Die Frequenz solcher Vorkommnisse hat bei internationalen Aufsichtsbehörden Bedenken hinsichtlich der Wartungsstandards verstärkt.
Einfluss internationaler Sanktionen auf die Instandhaltung der russischen Zivilluftfahrt
Die Häufung von Notlagen im russischen Luftverkehr wird von Branchenanalysten primär auf die Auswirkungen der internationalen Sanktionen zurückgeführt. Seit dem Beginn des Konflikts in der Ukraine ist die Einfuhr von Originalersatzteilen sowie der Zugang zu zertifizierten Wartungsdienstleistungen westlicher Hersteller unterbunden. Der Sukhoi Superjet 100 wird zwar von der staatlichen United Aircraft Corporation (UAC) in Russland gefertigt, enthält jedoch in seinen ursprünglichen Baureihen zahlreiche Komponenten westlicher Zulieferer, darunter Avionikbauteile und Teile der SaM146-Triebwerke.
Um den Flugbetrieb aufrechtzuerhalten, griffen russische Hersteller und Fluggesellschaften wiederholt auf improvisierte Lösungen zurück. Bereits im Jahr 2023 wurden Fälle dokumentiert, in denen die UAC gebrauchte Triebwerke an neu montierten Superjet-100-Rümpfen installierte, da fabrikneue Antriebe fehlten. Branchenanalysen der Organisation Geostrata zeigen, dass sich die Zahl publizierter Notlagen und Sicherheitsvorfälle infolge von Triebwerks- oder Hydraulikdefekten im russischen Flugverkehr seit dem Inkrafttreten der Handelssperren vervielfacht hat.
Engpässe bei Schwerinstandhaltungen und Perspektiven für den Flottenbetrieb
Ein zentrales Problem der russischen Luftfahrtbranche stellt die Durchführung sogenannter C- und D-Checks dar. Diese tiefgreifenden Schwerinstandhaltungen, die je nach Flugzeugtyp und Betriebsstunden alle zwei bis sechs Jahre vorgeschrieben sind, erfordern spezialisierte Wartungseinrichtungen, Teststände und Originalbauteile. Vor dem Inkrafttreten der Sanktionen wurden diese Großwartungen für westliche Komponenten überwiegend bei zertifizierten Dienstleistern im Ausland durchgeführt.
In den Jahren 2025 und 2026 erreichte ein wesentlicher Teil der russischen Passagierflugzeugflotte das Intervall, in dem eine Weiterbeschäftigung ohne diese gesetzlich vorgeschriebenen Überholungen unter regulären internationalen Sicherheitsstandards nicht zulässig wäre. Das Fehlen von lizenzierten Wartungskapazitäten führt dazu, dass Teile aus ausgemusterten Maschinen gewonnen oder Bauteile ohne Herstellerzertifizierung eingesetzt werden müssen. Die Sicherheitslage im russischen Luftraum bleibt vor diesem Hintergrund Gegenstand kritischer Beobachtungen durch internationale Zivilluftfahrtorganisationen.