Ab 15. November 2022 soll es Nonstopflüge zwischen Russland und dem nordzypriotischen Ercan geben. An Bord des Erstfluges soll sich kein geringerer als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan befinden, berichten türkische Medien.
Die „Türkische Republik Nordzypern“ ist ein so genanntes Defacto-Regime, das im Nachgang des kriegerischen Überfalls der Türkei gegen Zypern im Jahr 1974 errichtet wurde. Man erklärte sich am 15. November 1983 für unabhängig, jedoch wird dies bis heute international nicht anerkannt. Die Teilung der Mittelmeerinsel hat auch einige Besonderheiten für die Luftfahrt zur Folge. Beispielsweise befindet sich der Flughafen Nikosia seit 1974 in einer UN-Schutzzone und verfällt seither, da er nicht mehr genutzt werden kann.
Im südlichen Teil der Insel etablierten sich die Flughäfen Larnaka und Paphos als Nachfolgeairport, während im Norden Ercan für die Fliegerei zur Verfügung steht. Zumindest in der Theorie, denn in der Praxis wird der zuletzt genannte Airport fast ausschließlich von der Türkei aus angeflogen. Das hat auch seinen Grund, denn Regierungen, die Nordzypern nicht anerkennen, untersagen ihren Fluggesellschaften diesen Airport anzusteuern.
In der Vergangenheit führte dies immer wieder zu kuriosen Konstruktionen. Zum Beispiel führen türkische Fluggesellschaften, die Ercan ab dem EU-Raum anbieten, Touch-and-Go-Manöver auf Airports in der Türkei durch und fliegen anschließend weiter nach Nordzypern. Damit will man das Verbot umgehen und der „Anschlussflug“ wird seitens der Türkei ohnehin als Inlandsflug betrachtet.
Dass ausgerechnet am 15. November 2022 der erste kommerzielle Nonstop-Flug zwischen Russland und Nordzypern durchgeführt werden soll, ist kein Zufall. Die Türkei und die Regierung von Nordzypern wollen an diesem Tag den 39. Jahrestag der international nicht anerkannten Unabhängigkeitserklärung feiern. Bei dieser Gelegenheit soll Erdogan auch gleich das neue Terminal sowie die sanierte Runway in Ercan offiziell eröffnen.
Russland hat Nordzypern (noch) nicht anerkannt
Das Vorhaben und Russland, der Türkei und Nordzyperns gilt als international massiv umstritten. Bemerkenswert ist auch, dass die Russische Föderation im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Resolution 541/1983 mitbeschlossen hat. Formell stimmte damals die Sowjetunion als ständiges Mitglied des Gremiums, jedoch wurde die Russische Föderation ganz offiziell Rechtsnachfolger – mit allen Rechten und Pflichten – der UdSSR und übernahm daher auch den ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat.
In besagter Resolution ist festgehalten, dass die Unabhängigkeitserklärung der Türkischen Republik Nordzypern illegal ist und alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen aufgefordert sind diese nicht anzuerkennen. Auf diesem Dokument basiert auch der Umstand, dass die meisten Regierungen der Welt ihren Fluggesellschaften strikt untersagen Nordzypern anzufliegen. Selbstredend: Die Türkei, die maßgeblich an der Teilung der Insel beteiligt ist, anerkennt Nordzypern, jedoch nicht die UN-Resolution.
Bislang hat die Russische Föderation die Unabhängigkeit Nordzyperns offiziell nicht anerkannt. Daher wird zumindest nicht unbegründet in Russland, der Türkei und auf Zypern spekuliert, dass man diesen Schritt spätestens am 15. November 2022 setzen dürfte. Auch wenn man das nicht tun sollte, könnte die Aufnahme von Nonstopflügen zwischen Russland und Nordzypern luftfahrtrechtliche Konsequenzen haben.
Beispielsweise könnten die Europäische Union und/oder Regierungen nicht näher bekannter Staaten russischen Fluggesellschaften, die Ercan im Streckennetz haben, die Nutzung des Luftraums untersagen. Bezogen auf die EU hätte dies aber allenfalls symbolische Bedeutung, da aufgrund der Sanktionen, die im Nachgang des Einmarsches der russischen Armee in die Ukraine gegen die Russische Föderation praktiziert werden, ohnehin ausgesperrt sind. Völlig unklar ist aber, ob die EU-Kommission zusätzlich türkische Carrier sanktionieren könnte. Letzteres gilt aber als unwahrscheinlich.
Russische Touristen sollen für kräftige Umsätze in Nordzypern sorgen
Der Sinn und Zweck hinter der Aufnahme von Nonstopflügen zwischen Russland und Ercan ist glasklar. Die Türkei versucht seit einiger Zeit in großem Umfang russische Touristen ins Land zu bringen. Aufgrund der Sanktionen vieler Staaten ist es für Airlines gar nicht so einfach einigermaßen wirtschaftliche Routen zu fliegen. Viele Länder darf man überhaupt nicht mehr ansteuern. Die Türkei beteiligt sich nicht an den Sanktionen und versucht möglichst viel vom „Kuchen“ abzubekommen. Da Nordzypern – im Gegensatz zum südlichen Teil der Insel – touristisch nur sehr gering nachgefragt ist, will man auch hier möglichst viele Urlauber aus Russland einfliegen. Ohne die finanzielle und materielle Unterstützung der Türkei wäre Nordzypern wirtschaftlich längst am Ende.
Noch ist unklar welche russischen Fluggesellschaften Ercan in ihr Streckennetz aufnehmen werden. Die „Genehmigungen“ sollen unbürokratisch und kurzfristig vergeben werden. Türkische Reiseveranstalter bzw. deren russische Töchter sollen möglichst zügig günstige Pauschalreiseangebote auflegen. In den nächsten Tagen wollen Russland, die Türkei und Nordzypern die ersten Flugpläne verkünden.