Die US-amerikanische Luftfahrtbehörde (Federal Aviation Administration, FAA) hat eine spezielle Lufttüchtigkeitsanweisung (Special Airworthiness Information Bulletin, SAIB) herausgegeben, die sich auf bestimmte umgebaute Frachtversionen der Boeing 757-200 bezieht. Diese Empfehlung folgt auf einen Vorfall im Jahr 2021, bei dem sich die Hauptfrachttür eines DHL-Boeing-757-Frachters während des Fluges öffnete.
Am 13. Februar 2021 startete eine Boeing 757-200 PCF (Precision Conversions Freighter) von DHL um 05:31 Uhr Ortszeit vom Flughafen Leipzig/Halle mit Ziel Frankfurt. Kurz nach dem Start, in einer Höhe von etwa 1.530 Metern, stellte die Besatzung Probleme mit der Druckkabine fest und entschied sich, zum Ausgangsflughafen zurückzukehren. Nach einer sicheren Landung wurde festgestellt, dass sich die vordere Frachttür während des Steigflugs geöffnet hatte. DHL bestätigte später, dass während des Fluges „leichte Teile des Frachttürrahmens“ abgerissen wurden. Die betroffene Maschine, ursprünglich 1992 als Passagierflugzeug ausgeliefert und 2011 zum Frachter umgebaut, wurde nach dem Vorfall außer Dienst gestellt.
Ähnliche Vorfälle in der Vergangenheit
Ein vergleichbarer Vorfall ereignete sich 2014 in Russland. Eine Boeing 757-200 PCF der Yakutia Airlines startete in Magadan bei extrem kalten Temperaturen von bis zu -25 Grad Celsius. Nach dem Start öffnete sich die Frachttür aufgrund von Vereisung der Verriegelungsmechanismen, was zu einem Druckabfall in der Kabine führte. Die Maschine kehrte sicher zum Ausgangsflughafen zurück. Untersuchungen ergaben, dass Schnee und Eis die ordnungsgemäße Funktion der Türsensoren beeinträchtigt hatten.
Die Umrüstung von Passagier- auf Frachtflugzeuge des Typs Boeing 757-200 umfasst den Einbau einer hydraulisch betriebenen Hauptfrachttür sowie mechanischer Verriegelungen, um die Tür während des Fluges zu sichern. Zusätzlich werden Proximity-Sensoren installiert, die der Besatzung anzeigen, ob die Tür korrekt geschlossen und verriegelt ist. Diese Sensoren sollen sicherstellen, dass die Tür vor dem Start ordnungsgemäß gesichert ist.
Empfehlungen der FAA
In dem am 21. Februar 2025 veröffentlichten Bulletin empfiehlt die FAA, dass Betreiber der betroffenen Flugzeuge alle 5.000 Flugzyklen spezifische Inspektions- und Wartungsarbeiten an der Hauptfrachttür durchführen. Zu den empfohlenen Maßnahmen gehören:
- Reinigung der Sichtfenster und Spiegel: Entfernung von Schmutz, Ablagerungen und anderen Verunreinigungen, die die Sicht auf die Verriegelungsmechanismen beeinträchtigen könnten.
- Überprüfung der Verriegelungen und Sperrstifte: Sicherstellung, dass keine Lackschäden oder Abnutzungserscheinungen vorliegen, die auf mechanische Probleme hindeuten könnten.
- Durchführung von Funktionstests: Überprüfung der Tür in den Zuständen „offen“, „geschlossen“ sowie „verriegelt und gesichert“, um die korrekte Funktionalität zu gewährleisten.
Besonderes Augenmerk legt die FAA auf den Betrieb bei kalten Wetterbedingungen. Es wird empfohlen, Eis und Schnee rund um die Frachttür und deren Mechanismen zu entfernen und zusätzliche Inspektionen nach Aufenthalten in Gefriernebel oder Vereisungsbedingungen durchzuführen. Diese Vorsichtsmaßnahmen sollen verhindern, dass Vereisungen die ordnungsgemäße Funktion der Verriegelungsmechanismen beeinträchtigen.
Historische Perspektive auf Frachttürvorfälle
In der Geschichte der Luftfahrt gab es mehrere schwerwiegende Unfälle im Zusammenhang mit Frachttüren. Ein tragisches Beispiel ist der Absturz einer McDonnell Douglas DC-10 der Turkish Airlines im Jahr 1974 nahe Paris. Nach dem Start öffnete sich die Frachttür, was zu einem explosiven Druckabfall führte und den Absturz des Flugzeugs verursachte, bei dem alle 346 Insassen ums Leben kamen. Ein weiterer Vorfall ereignete sich 1989 auf dem United-Airlines-Flug 811, als sich während des Steigflugs die vordere Frachttür einer Boeing 747 öffnete. Der daraus resultierende Druckabfall führte zum Verlust von neun Passagieren, die aus dem Flugzeug gesogen wurden. Diese Ereignisse unterstreichen die kritische Bedeutung einer ordnungsgemäßen Wartung und Überprüfung von Frachttüren.
Reaktionen der Industrie
Die Veröffentlichung des FAA-Bulletins hat in der Luftfahrtindustrie unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Während einige Betreiber die Empfehlungen als notwendige Vorsichtsmaßnahme begrüßen, äußern andere Bedenken hinsichtlich der zusätzlichen Wartungsaufwände und der damit verbundenen Kosten. Einige Fluggesellschaften haben bereits begonnen, ihre Wartungsprotokolle entsprechend anzupassen, um den Empfehlungen der FAA zu entsprechen und die Sicherheit ihrer Flotten zu gewährleisten.
Die FAA betont, dass es sich bei dem Bulletin um eine Empfehlung handelt und nicht um eine verpflichtende Anweisung. Dennoch wird erwartet, dass viele Betreiber die vorgeschlagenen Maßnahmen umsetzen, um das Risiko ähnlicher Vorfälle in der Zukunft zu minimieren. Die kontinuierliche Überprüfung und Wartung von sicherheitskritischen Komponenten bleibt ein zentraler Aspekt im Betrieb von Frachtflugzeugen, insbesondere bei älteren Modellen wie der Boeing 757-200.