China Southern Airlines, eine der drei großen staatlichen Luftverkehrsgesellschaften der Volksrepublik China, hat überraschend den geplanten Verkauf ihrer gesamten Boeing-787-8-Flotte zurückgezogen.
Noch im November 2024 hatte das Unternehmen angekündigt, sich von sämtlichen zehn Maschinen dieses Typs sowie zwei zugehörigen Ersatztriebwerken des Modells GEnx-1B70/P2 trennen zu wollen. Die Flugzeuge wurden im ersten Quartal 2025 auf der Börse für Staatsvermögen und Unternehmensbeteiligungen in Shanghai zum Verkauf ausgeschrieben. Die Entscheidung zum Verkaufsstopp wurde am 11. April 2025 publik – nur vier Tage vor einer bedeutsamen Ankündigung der chinesischen Regierung, die weitere Auslieferungen von Boeing-Maschinen an chinesische Fluglinien untersagt.
Flottenanpassung aus betriebswirtschaftlicher Sicht
Die ursprüngliche Verkaufsabsicht der Boeing-787-8-Flotte ergab sich aus einer internen Flottenanalyse, bei der betriebswirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund standen. Die 787-8 stellt die kleinste Variante innerhalb der Boeing-787-Familie dar und wurde seit ihrem operativen Einsatz von mehreren internationalen Fluggesellschaften als weniger wirtschaftlich eingestuft als ihre größeren Schwestermodelle 787-9 und 787-10. China Southern Airlines betreibt derzeit eine Mischung dieser Typen, wobei die 787-9 aufgrund höherer Reichweite und größerer Passagierkapazität zunehmend bevorzugt wird.
Zwischen 2013 und 2014 ausgeliefert, näherten sich die betroffenen Flugzeuge dem Zeitpunkt umfangreicher struktureller Wartungszyklen, welche mit hohem Kostenaufwand verbunden sind. Die Veräußerung der Flotte hätte dem Unternehmen ermöglicht, sich auf jüngere und effizientere Flugzeugtypen zu konzentrieren, insbesondere da auf dem chinesischen Markt auch heimische Hersteller wie Comac zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Politische Einflüsse auf unternehmerische Entscheidungen
Der Rückzug vom Verkauf fiel in eine Phase verschärfter geopolitischer Spannungen zwischen China und den Vereinigten Staaten. Bereits seit mehreren Monaten überziehen sich beide Staaten gegenseitig mit Strafzöllen, was nicht nur Handelsgüter betrifft, sondern auch sensible Industrien wie die Luftfahrt. So verhängte Washington im März 2025 zusätzliche Zölle auf chinesische Technologieexporte, worauf Peking mit eigenen Maßnahmen antwortete – unter anderem mit der Ankündigung vom 15. April 2025, wonach keine weiteren Boeing-Flugzeuge mehr an chinesische Fluggesellschaften geliefert werden dürfen.
In diesem Kontext erscheint die Entscheidung von China Southern Airlines, die bestehenden Boeing-787-8-Flugzeuge nicht mehr zu verkaufen, weniger als rein betriebswirtschaftliche Maßnahme, sondern vielmehr als strategische Vorsichtsmaßnahme. Angesichts einer ungewissen Versorgungslage mit neuen Langstreckenflugzeugen und politischer Restriktionen wird der Bestand an einsatzfähigen Maschinen zum Sicherheitsfaktor für die Aufrechterhaltung des internationalen Flugbetriebes.
Marktdynamik und Perspektiven der Luftfahrtbranche
Die internationale Luftfahrt befindet sich weiterhin im Umbruch. Zwar hat sich der innerasiatische Flugverkehr nahezu vollständig erholt, doch der transkontinentale Linienverkehr zwischen China und Nordamerika bleibt deutlich hinter dem Niveau vor der Pandemie zurück. Analysten zufolge erreichten die Verbindungen über den Pazifik zuletzt nur rund ein Drittel der Frequenzen von 2019. Die Nachfrage entwickelt sich somit langsamer als erwartet, was Investitionsentscheidungen wie Flugzeugkäufe zusätzlich erschwert.
Für westliche Flugzeugbauer wie Boeing stellt die chinesische Marktentwicklung eine zunehmende Herausforderung dar. Zwar sind über 15 Prozent aller weltweit eingesetzten Boeing-Großraumflugzeuge in chinesischer Hand, doch politische Einflussnahmen könnten künftig zu einem strategischen Bedeutungsgewinn von Airbus oder gar zu einer Belebung des einheimischen Marktes durch die chinesische Comac führen. Letztere hat mit der C919 bereits ein erstes Passagierflugzeug vorgestellt, das mittelfristig für den regionalen Flugverkehr eine Alternative darstellen könnte.
Es ist nicht das erste Mal, daß eine große chinesische Fluglinie geplante Verkäufe in letzter Minute revidiert. Bereits 2022 hatte Air China Verkaufspläne für ältere Airbus-Maschinen kurzfristig gestoppt, nachdem politische Unsicherheiten und Produktionsengpässe bei neuen Flugzeugen bekannt wurden. Die aktuelle Entwicklung bei China Southern Airlines reiht sich somit in eine Serie unternehmerischer Reaktionen ein, bei denen wirtschaftliche und politische Aspekte kaum noch voneinander zu trennen sind.
Zwischen Pragmatismus und politischem Kalkül
Die Entscheidung, auf den Verkauf der Boeing-787-8-Flotte zu verzichten, stellt einen pragmatischen Kurswechsel dar, der vor allem durch außenpolitische Spannungen und strategische Vorsicht motiviert ist. Sie zeigt zugleich, wie sehr die Luftfahrtbranche von globalen Entwicklungen abhängig ist. Für China Southern Airlines bedeutet dies, mit einer älteren, aber bewährten Flotte vorerst betriebliche Flexibilität zu wahren, statt sich durch politische Unsicherheiten an neue Risiken zu binden.
Ob diese Maßnahme ein Einzelfall bleibt oder zu einer generellen Strategie der chinesischen Fluglinien gegenüber Boeing und anderen US-Herstellern wird, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch: Die geopolitische Lage zwingt die Akteure der internationalen Luftfahrt zu einer nie dagewesenen strategischen Anpassung.