Die staatliche Fluggesellschaft SriLankan Airlines fordert vom europäischen Flugzeughersteller Airbus eine umfassende Entschädigung. Hintergrund ist ein seit Jahren schwelender Korruptionsskandal, bei dem der frühere Vorstandsvorsitzende der Airline Bestechungsgelder für die Platzierung von Flugzeugbestellungen angenommen haben soll. Die Forderungen der Fluglinie umfassen nicht nur finanzielle Kompensation in dreistelliger Millionenhöhe, sondern auch vier fabrikneue Großraumflugzeuge.
Die Angelegenheit hat das Potenzial, weit über Sri Lanka hinaus Wirkung zu entfalten – sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Denn der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Schattenseiten internationaler Luftfahrtgeschäfte und deren mögliche Verquickung mit Korruption, Intransparenz und fragwürdiger Geschäftspraxis.
Die Ursprünge des Skandals: Airbus und die millionenschwere Bestechung
Im Jahr 2013 hatte SriLankan Airlines unter der damaligen Führung von Kapila Chandrasena eine Bestellung über zehn Flugzeuge bei Airbus aufgegeben: sechs A330-300 und vier A350-900. Weitere vier A350-900 sollten über Leasingverträge bezogen werden. Der Auftragswert belief sich auf rund 2,3 Milliarden US-Dollar.
Wie spätere Untersuchungen ergaben, zahlte Airbus im Rahmen dieses Geschäftes zwei Millionen US-Dollar an Chandrasena, angeblich in Form von „Beratungshonoraren“. Das Geld floss über ein Netzwerk von Briefkastenfirmen. Die US-Regierung sowie britische und französische Ermittlungsbehörden leiteten Untersuchungen gegen Airbus ein – im Zuge einer umfassenden Korruptionsermittlung, bei der Airbus am Ende über 3,9 Milliarden US-Dollar Strafe in mehreren Ländern zahlte.
Vertragsstornierungen und wirtschaftliche Folgen
Nachdem der Skandal öffentlich geworden war, wurden die A350-Bestellungen zwischen 2015 und 2017 annulliert. SriLankan Airlines verlor dadurch 116 Millionen US-Dollar an bereits geleisteten Vorauszahlungen und zahlte weitere Millionen an Stornogebühren. Diese Summen wurden größtenteils durch Kredite bei lokalen Banken gedeckt, was die Schuldenlast der ohnehin angeschlagenen Airline erheblich erhöhte.
Ein interner Bericht des Auditor General von Sri Lanka kritisierte die damalige Vergabepraxis der Fluggesellschaft scharf. Die Flugzeuge seien ohne nachvollziehbare Wirtschaftlichkeitsanalyse bestellt worden, Ausschreibungen habe es nicht gegeben. Auch die Einbindung der Beratungsfirma Seabury sei regelwidrig erfolgt.
Die aktuellen Forderungen an Airbus
Im Jahr 2025 forderte die Fluglinie offiziell eine Entschädigung von Airbus. Diese umfasst neben den 23,3 Millionen US-Dollar für geleistete Vorauszahlungen auch 200 Millionen US-Dollar als Schadenersatz sowie – besonders bemerkenswert – die kostenlose Lieferung von vier fabrikneuen Airbus A330-900. Dabei handelt es sich um modernisierte Langstreckenflugzeuge, deren Stückpreis derzeit auf etwa 120 Millionen US-Dollar geschätzt wird.
Sarath Ganegoda, derzeitiger Vorsitzender von SriLankan Airlines, begründete die hohen Forderungen damit, daß der Ruf der Airline durch den korrupten Deal erheblich beschädigt worden sei. Airbus habe dem Unternehmen langfristig geschadet, indem es zur Instabilität des Betriebes beigetragen habe.
Bislang hat Airbus öffentlich keine Stellung zu den Forderungen bezogen. Branchenbeobachter gehen jedoch davon aus, daß eine außergerichtliche Einigung angestrebt werden könnte – auch im Interesse des Konzerns, keine neuen Reputationsschäden zu erleiden.
Ein angeschlagener Konzern mit großen Plänen
SriLankan Airlines befindet sich seit Jahren in einer prekären wirtschaftlichen Lage. In den Jahren 2022 bis 2024 verzeichnete die Fluglinie operative Verluste in Milliardenhöhe. Der Vorstand begründete diese Verluste vor allem mit hohen Treibstoffkosten, sinkender Nachfrage auf einigen Strecken sowie einer überalterten Flotte.
Dennoch verfolgt die Airline ehrgeizige Wachstumspläne. Bis 2030 soll die Flotte verdoppelt werden, von derzeit 22 auf über 40 Flugzeuge. Im Mittelpunkt stehen dabei vermehrte Verbindungen nach Indien, Südostasien und Australien. Die Airline will insbesondere auf Strecken nach London, Dubai, Male und Melbourne ihre Präsenz verstärken.
Die derzeitige Flotte besteht ausschließlich aus Airbus-Flugzeugen, darunter neun A330, neun A320 und vier A321. Der Verzicht auf die ursprünglich bestellten A350 hat dazu geführt, daß SriLankan derzeit keine besonders modernen Langstreckenflugzeuge besitzt. Die Aufnahme der A330-900 in die Flotte gilt daher als strategisch sinnvoll – vorausgesetzt, die Airline erhält diese tatsächlich als Teil eines Ausgleichs von Airbus.
Der politische Druck steigt
Auf politischer Ebene wächst der Druck, den Airbus-Skandal vollständig aufzuklären. Das sri-lankische Parlament hat bereits mehrere Untersuchungsausschüsse eingesetzt, und auch die Strafverfolgungsbehörden des Landes ermitteln weiter gegen frühere Manager der Fluggesellschaft. Kapila Chandrasena, der Ex-CEO, wurde 2020 festgenommen, später jedoch gegen Kaution freigelassen. Die Verfahren gegen ihn und weitere Beteiligte laufen.
Zugleich wird auch das Verhalten von Airbus auf internationaler Ebene beobachtet. Zwar hat der Konzern im Zuge der globalen Korruptionsermittlungen 2020 umfangreiche Zahlungen geleistet und neue Compliance-Strukturen eingeführt, doch Kritiker werfen Airbus vor, in einigen Fällen nicht ausreichend mit den Geschädigten kooperiert zu haben.
Ein Präzedenzfall für die Luftfahrtbranche?
Der Fall SriLankan Airlines könnte als Präzedenzfall für künftige Auseinandersetzungen zwischen Flugzeugherstellern und staatlichen Fluggesellschaften dienen. Sollte das Unternehmen mit seinen Entschädigungsforderungen Erfolg haben, könnten sich auch andere Airlines, die in ähnliche Korruptionsfälle verwickelt waren, zu ähnlichen Schritten entschließen.
Für Airbus geht es dabei nicht nur um Geld, sondern auch um Glaubwürdigkeit. Der Konzern befindet sich weiterhin im globalen Konkurrenzkampf mit Boeing und kann sich weitere Imageverluste kaum leisten. Für SriLankan Airlines steht hingegen die wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel. Der Rechtsstreit, der sich daraus entwickeln könnte, wird nicht nur juristische, sondern auch geopolitische und wirtschaftliche Implikationen haben – mit offenem Ausgang.