O'Hare International Airport (Foto: CDA).
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Rollbahnverletzungen am Flughafen Chicago O’Hare werfen Fragen zur Luftfahrtsicherheit auf

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Im Jahr 2024 kam es am Chicago O’Hare International Airport (ORD), einem der verkehrsreichsten Flughäfen der Vereinigten Staaten, zu mehreren sicherheitsrelevanten Vorfällen, bei denen Bodenfahrzeuge ohne die notwendige Genehmigung durch die Flugverkehrskontrolle (ATC) aktive oder restriktive Rollbahnen befuhren.

Diese sogenannten „Runway Incursions“ führten zu ernsthaften Störungen im Betriebsablauf, darunter auch ein notwendiges Durchstarten eines landenden Verkehrsflugzeuges. Die Stadt Chicago sowie die zuständige Luftfahrtbehörde FAA sehen sich nun mit kritischen Fragen zur Wirksamkeit der bisherigen Sicherheitsprotokolle konfrontiert.

Kritischer Vorfall im April 2024

Am 21. April 2024 fuhr ein städtisches Fahrzeug ohne vorherige Freigabe der ATC auf die aktive Rollbahn 10C/28C des Flughafens Chicago O’Hare. Gemäß städtischer Dokumentation bewegte sich das Fahrzeug westwärts bis zur Taxiway F, wendete und verließ die Rollbahn schließlich über Taxiway HH. Zu diesem Zeitpunkt befand sich ein anfliegendes Flugzeug der Fluggesellschaft American Eagle in weniger als einer Meile Entfernung zur Landeschwelle. Das Flugzeug mußte seinen Anflug abbrechen und ein Durchstartmanöver einleiten – ein Manöver, das mit hohem Energieaufwand verbunden ist und in der Regel nur bei akuter Gefahr für eine sichere Landung angewendet wird.

Besonders gravierend: Der Fahrer des Fahrzeugs reagierte nicht auf die Funkrufe der Fluglotsen. Später stellte sich heraus, daß es sich um einen städtischen Mitarbeiter handelte, der für fünf Tage ohne Bezahlung suspendiert wurde. In der Begründung hieß es, daß der Vorfall als „mangelhafte Arbeitsausführung“ gewertet wurde.

Weitere Vorfälle im Laufe des Jahres

Zwei weitere sicherheitsrelevante Ereignisse ereigneten sich im Laufe des Jahres 2024. Am 2. Juli betraten zwei Flughafenmitarbeiter – ein erfahrener Angestellter sowie ein Auszubildender – die Rollbahn 4R/22L, ohne sich vorher die entsprechende Genehmigung der ATC einzuholen. Obwohl die Rollbahn zum betreffenden Zeitpunkt nicht aktiv für den Flugverkehr genutzt wurde, stellt das unautorisierte Befahren dennoch eine schwerwiegende Verletzung der Vorschriften dar. Der verantwortliche Mitarbeiter wurde für zwei Tage suspendiert, der Auszubildende lediglich verwarnt.

Bereits im Januar 2024 wurde ein weiterer Vorfall dokumentiert, bei dem ein städtischer Mitarbeiter einen eingeschränkten Bereich in der Nähe einer Landebahn betrat, obwohl dort in Kürze eine Landung erfolgen sollte. Dieser Mitarbeiter wurde disziplinarisch gerügt, ohne daß eine Suspendierung ausgesprochen wurde.

Stellungnahmen der Behörden

Ein Sprecher des Chicagoer Luftfahrtamts betonte gegenüber örtlichen Medien, daß „Sicherheit oberste Priorität“ genieße. Angesichts der Vielzahl an auf dem Flughafengelände zugelassenen Fahrzeugführern handele es sich um Einzelfälle. Doch die Zahlen werfen ein anderes Licht: Drei dokumentierte Zwischenfälle innerhalb eines Jahres deuten auf systemische Schwächen hin – insbesondere im Hinblick auf Schulung, Kommunikation und Kontrolle von Bodenbewegungen.

Initiativen der FAA zur Risikominimierung

Die Federal Aviation Administration (FAA) reagierte auf die steigende Anzahl sogenannter Runway Incursions landesweit mit einer umfassenden Untersuchung der 45 meistfrequentierten Flughäfen der Vereinigten Staaten, darunter auch Chicago O’Hare. Ziel dieser Untersuchung war es, Risikoanalysen zu erstellen sowie Defizite in Technik, Verfahren und Personal zu identifizieren.

Ein zentrales Ergebnis dieser Überprüfung war die Erkenntnis, daß veraltete Technik in der Flugverkehrskontrolle, personelle Engpässe sowie mangelnde Erfahrung bei Fahrzeugführern mit zu den häufigsten Ursachen zählen. Als direkte Folge kündigte die FAA an, neue Systeme zur automatischen Erkennung von Rollbahnverletzungen an insgesamt 74 Flughäfen zu installieren. Vier Standorte – darunter Austin, Denver und Portland – wurden bereits ausgestattet. Weitere Flughäfen, darunter auch große Drehkreuze wie Fort Lauderdale und Tampa, sollen im Laufe des Jahres folgen.

Technik und Personal unter Druck

Insbesondere die Fluglotsen, deren Arbeitsumfeld ohnehin durch hohe Belastung geprägt ist, stehen im Zentrum der Debatte. Die FAA kündigte bereits an, bis Ende 2025 rund 2.000 neue Fluglotsen auszubilden, um personellen Engpässen entgegenzuwirken. Parallel dazu soll auch in neue Technik investiert werden. Ein modernes Lageerkennungssystem zur Warnung vor kritischen Bewegungen am Boden soll die bisherige visuelle und funkbasierte Überwachung ergänzen.

Schulung und disziplinarische Maßnahmen

Ein weiteres Augenmerk liegt auf der Verbesserung der Schulung von Bodenpersonal. Während Mitarbeitende derzeit über interne Zertifizierungsverfahren der Flughäfen qualifiziert werden, fordern Gewerkschaften wie die Teamsters und die Laborers Union einheitliche Standards und „progressive Disziplinarverfahren“ – ein abgestuftes System von Verwarnung bis zur Kündigung, je nach Schwere des Verstoßes. Die bislang verhängten Suspendierungen werden als angemessene Reaktion auf Regelverstöße gesehen, reichen jedoch nicht aus, um systemische Risiken zu eliminieren.

Die Vorfälle am Flughafen Chicago O’Hare im Jahr 2024 unterstreichen die Dringlichkeit, mit der aufkommende Risiken im Bereich der Luftfahrtsicherheit adressiert werden müssen. Während jeder einzelne Vorfall glimpflich verlief und es zu keinem Personenschaden kam, bleibt das Sicherheitsniveau nur dann hoch, wenn sämtliche Beteiligten – vom Fahrzeugführer bis zum Fluglotsen – strikt nach Protokoll handeln. Die Maßnahmen der FAA und der Flughafengesellschaft weisen in die richtige Richtung, doch deren Erfolg wird sich erst durch konsequente Umsetzung und dauerhafte Kontrolle zeigen.

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