Der tragische Absturz einer Air India Boeing 787-8 am 12. Juni 2025, bei dem 241 von 242 Menschen an Bord ihr Leben verloren, hat weitreichende Konsequenzen für die Luftfahrtbranche und überschattet die diesjährige Paris Air Show. Als direkte Reaktion auf das Unglück, das den ersten Totalverlust eines „Dreamliners“ und eine der schwersten zivilen Luftfahrtkatastrophen der jüngeren Geschichte darstellt, hat Kelly Ortberg, der Vorstandsvorsitzende von Boeing, seine geplante Teilnahme an der Messe in Le Bourget zurückgezogen.
Auch Stephanie Pope, Präsidentin von Boeing Commercial Airplanes, wird nicht anwesend sein. GE Aerospace, Hersteller der Triebwerke des Unglücksflugzeugs, hat seinen Investorentag, der parallel zur Messe stattfinden sollte, verschoben. Beide Unternehmen betonen, daß sich ihre Führungsriegen voll und ganz auf die Unterstützung der laufenden Untersuchung konzentrieren.
Der Absturz von Air India Flug 171: Eine Chronologie des Unglücks
Am 12. Juni 2025 um etwa 13:38 Uhr Ortszeit hob Air India Flug 171, eine Boeing 787-8 „Dreamliner“, vom internationalen Flughafen Ahmedabad (AMD) ab. Das Flugzeug war auf dem Weg zum London Gatwick Airport (LGW). Nach dem Start stieg die Maschine zunächst auf eine Höhe von etwa 625 Fuß (rund 190 Meter), bevor sie kurz darauf anfing, rapide an Höhe zu verlieren. Wenige Augenblicke später stürzte der Dreamliner ab. Die Katastrophe forderte 241 Menschenleben, von insgesamt 242 Personen an Bord, was sie zu einem der verheerendsten zivilen Luftfahrtunfälle der letzten Jahre weltweit macht. Die hohe Opferzahl und der Fakt, daß es sich um den ersten Totalverlust eines Boeing 787-Flugzeugs handelt, verleihen diesem Unglück eine besondere Tragik und Brisanz.
Die Unglücksstelle, vermutlich in der Nähe des Flughafens, zeigte brennende Wrackteile und dicke schwarze Rauchschwaden, die in den Himmel stiegen, wie Augenzeugenberichte und erste Aufnahmen bestätigten. Unmittelbar nach dem Vorfall wurden umfassende Rettungs- und Bergungsmaßnahmen eingeleitet. Die indischen Behörden haben schnell reagiert und die Untersuchung aufgenommen. Der Flugdatenschreiber (Flight Data Recorder, FDR) und der Cockpit-Stimmenrekorder (Cockpit Voice Recorder, CVR), die sogenannten „Black Boxes“ des Flugzeugs, wurden bereits geborgen und werden von den Ermittlern ausgewertet.
Die Untersuchung wird federführend vom indischen Aircraft Accident Investigation Bureau (AAIB) sowie dem Directorate General of Civil Aviation (DGCA) geleitet. Internationale Unterstützung erhalten die indischen Behörden dabei von der U.S. National Transportation Safety Board (NTSB) und der britischen Air Accidents Investigation Branch (AAIB). Diese internationale Zusammenarbeit ist bei Flugunfällen dieser Größenordnung üblich und dient der umfassenden Klärung der Unfallursache durch das Zusammenführen von Expertisen und Ressourcen verschiedener Länder.
Boeings Reaktion: Führungsriege fokussiert auf Untersuchung statt auf Messeglanz
Der Absturz der Air India 787 trifft Boeing in einer ohnehin schwierigen Phase, die von industriellen Rückschlägen und regulatorischen Herausforderungen geprägt ist. Die Absage der Teilnahme von Boeing CEO Kelly Ortberg an der Paris Air Show, dem wichtigsten Branchenereignis des Jahres, ist ein klares Signal der Prioritäten des Unternehmens. Die Messe hätte Ortbergs ersten großen öffentlichen Auftritt als Boeing CEO auf internationaler Bühne markiert und sollte eigentlich die Erholungsstrategie des US-Herstellers nach mehreren Jahren von Produktionsproblemen und Sicherheitsskandalen symbolisieren.
In einer internen Mitteilung an die Boeing-Mitarbeiter am Donnerstagabend teilte Ortberg mit, daß sowohl er als auch Stephanie Pope, die Präsidentin von Boeing Commercial Airplanes, bei ihren Teams bleiben würden, um sich voll auf die Unterstützung der Untersuchung zu konzentrieren. Diese Entscheidung ist ein Ausdruck der Unternehmensverantwortung und des Respekts gegenüber den Opfern und ihren Angehörigen. Es ist gängige Praxis in der Luftfahrtbranche, daß sich die Führungsebene in solchen Krisensituationen auf die Aufklärung der Umstände und die Zusammenarbeit mit den Behörden konzentriert. Die Absage der persönlichen Teilnahme der Top-Manager bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, daß Boeing seine gesamte Präsenz auf der Messe einstellt. Das Unternehmen hat noch nicht entschieden, ob andere geplante Veranstaltungen oder Präsentationen auf der Paris Air Show wie geplant stattfinden werden. Branchenbeobachter erwarten jedoch, daß Boeing, ähnlich wie Airbus, ein eher zurückhaltendes Profil wahren wird.
GE Aerospace: Triebwerkshersteller verschiebt Investorentag und sichert Unterstützung zu
Auch GE Aerospace, der Hersteller der GEnx-1B Triebwerke, mit denen die abgestürzte Boeing 787-8 von Air India ausgestattet war, hat umgehend reagiert. Das Unternehmen hat seinen Investorentag, der für den 17. Juni parallel zur Paris Air Show geplant war, abgesagt. Laut Berichten von Reuters stellt GE Aerospace ein Team zusammen, das nach Indien reisen wird, um die technische Untersuchung gemeinsam mit den Regierungsbehörden zu unterstützen. In einer Stellungnahme erklärte das Unternehmen: „Die leitende Führung von GE Aerospace konzentriert sich darauf, unsere Kunden und die Untersuchung zu unterstützen.“ Diese schnelle und umfassende Unterstützung ist entscheidend für die Klärung der Unfallursache, da die Triebwerke eine zentrale Rolle bei der Flugleistung spielen.
Die indische DGCA hat nach dem Vorfall eine operative Anweisung erlassen, die Air India verpflichtet, zusätzliche Wartungsüberprüfungen an ihrer Flotte von Boeing 787-8 und 787-9 Flugzeugen, die ebenfalls mit GEnx-Triebwerken ausgestattet sind, durchzuführen. Der Regulator hat eine einmalige Überprüfung der Startparameter vor jedem Abflug ab Mitternacht des 15. Juni angeordnet. Diese Überprüfungen zielen spezifisch auf Parameter des Kraftstoffsystems, Einstellungen der Triebwerkssteuerung, die Leistung der Hydraulik, das Verhalten der Kabinenluftkompressoren und Startschubdaten ab. Air India betreibt derzeit eine Flotte von 27 Boeing 787-8 und sieben 787-9, die alle von GE’s GEnx-Turbofan-Triebwerksfamilie angetrieben werden. Diese Maßnahmen sind Routine nach einem Flugunfall und dienen der Vorsorge, um die Sicherheit der verbleibenden Flotte zu gewährleisten, während die Unfallursache noch ermittelt wird.
Die Paris Air Show im Schatten der Katastrophe: Gedämpfte Stimmung und Zurückhaltung
Die Paris Air Show ist traditionell ein Höhepunkt im Kalender der Luftfahrtindustrie, ein Ort für Großaufträge, technologische Innovationen und das Zusammentreffen von Branchenführern. Der Absturz der Air India 787 wird jedoch voraussichtlich einen erheblichen Einfluß auf die Stimmung und die Aktivitäten auf der Messe haben. Delegierte und Beobachter erwarten, daß mehrere Ankündigungen, insbesondere große kommerzielle Flugzeugbestellungen, verschoben oder ganz zurückgezogen werden könnten.
Bereits vor der offiziellen Eröffnung der Messe wird deutlich, daß die Unternehmen ein gedämpftes Profil wahren werden. Ein erwarteter Flugzeugauftrag von Royal Air Maroc, der sowohl Boeing 787 als auch Airbus A220 umfassen sollte, wird Reuters zufolge voraussichtlich nicht auf der Veranstaltung bekannt gegeben. Airbus CEO Guillaume Faury sprach den Opfern und ihren Familien sein Beileid aus und kündigte an, daß das Unternehmen die ganze Woche über ein zurückhaltendes Profil wahren werde. Obwohl der europäische Flugzeughersteller ursprünglich für ein Umfeld mit hohem Bestellvolumen vorbereitet war, wird nun ein gedämpfterer Ansatz erwartet. Dies unterstreicht die Sensibilität der Branche gegenüber solchen tragischen Ereignissen und die Notwendigkeit, angemessen zu reagieren. Die Konzentration wird sich von kommerziellen Erfolgen auf die Aufklärung der Tragödie verlagern.
Die Boeing 787: Ein „Dreamliner“ vor der ersten „Hull Loss“
Die Boeing 787, bekannt als „Dreamliner“, ist ein zweistrahliges Großraumflugzeug, das seit seiner Einführung im Jahre 2011 als Symbol für moderne Flugzeugtechnik, Effizienz und Passagierkomfort gilt. Die Konstruktion aus Verbundwerkstoffen, die fortschrittliche Avionik und die treibstoffeffizienten Triebwerke haben die 787 zu einem beliebten Flugzeug für Langstreckenflüge weltweit gemacht. Die Air India Boeing 787-8, die am 12. Juni abstürzte, war Teil der frühen Lieferungen dieses Typs an die Fluggesellschaft und gehörte zu einer Flotte von 27 Boeing 787-8s und sieben 787-9s bei Air India.
Der Absturz markiert den ersten sogenannten „Hull Loss“ (Totalverlust) eines Boeing 787-Flugzeugs. Ein „Hull Loss“ bedeutet, daß das Flugzeug so stark beschädigt ist, daß es nicht mehr repariert werden kann oder die Reparatur unwirtschaftlich wäre. Dies ist ein schwerwiegendes Ereignis in der Luftfahrt, da es das Ende der Lebensdauer eines Flugzeugs bedeutet und eine intensive Untersuchung der Unfallursachen erforderlich macht. Obwohl die 787 in ihrer Anfangszeit einige technische Herausforderungen, insbesondere mit den Batterien, hatte, hat sich das Modell in den Jahren danach als sicher und zuverlässig erwiesen. Der aktuelle Unfall wird zweifellos eine genaue Prüfung aller Systeme und der Betriebsgeschichte des Flugzeugs nach sich ziehen, um die Sicherheit des Dreamliners als Ganzes zu gewährleisten und das Vertrauen der Öffentlichkeit in dieses Flugzeugmodell aufrechtzuerhalten. Die Ergebnisse der Untersuchung werden für Boeing und die gesamte Luftfahrtindustrie von höchster Bedeutung sein.