Angehörige der Opfer der beiden tödlichen Abstürze von Boeing 737 Max-Flugzeugen haben einen Bundesrichter aufgefordert, eine Vereinbarung zwischen dem US-Justizministerium und dem Flugzeughersteller abzulehnen. Dieser sogenannte Deal würde Boeing vor einer Strafverfolgung in einem Betrugsstrafverfahren bewahren. Die Familien argumentiren, die Einstellung des Verfahrens liege nicht im öffentlichen Interesse. Im Jahr 2023 hatte Richter Reed O’Connor Boeings Vergehen als „das tödlichste Unternehmensverbrechen in der Geschichte der USA“ bezeichnet.
Die umstrittene Vereinbarung erlaubt es dem Luftfahrtriesen, nicht als verurteilter Schwerverbrecher gebrandmarkt zu werden und einer dreijährigen Überwachung durch einen unabhängigen Kontrolleur zu entgehen. Boeing hatte sich zuvor bereit erklärt, zusätzlich 444,5 Millionen Dollar in einen Opferfonds einzuzahlen, welcher gleichmäßig unter den Absturzopfern aufgeteilt werden soll. Hinzu kommt eine Geldstrafe von 243,6 Millionen Dollar. Insgesamt beläuft sich die Zahlung von Boeing auf 1,1 Milliarden Dollar, die neben der Geldstrafe und den Entschädigungen an die Familien auch über 455 Millionen Dollar zur Stärkung der Compliance-, Sicherheits- und Qualitätsprogramme des Unternehmens umfaßt.
Das Justizministerium vertritt die Ansicht, der Deal sichere eine „bedeutsame Rechenschaftspflicht“ und bringe „Endgültigkeit in einen schwierigen und komplexen Fall“. Es wurde zudem betont, daß die meisten Familien ihre Zivilklagen mit Boeing beigelegt und kollektiv mit „mehreren Milliarden Dollar“ entschädigt worden seien. Boeing war ursprünglich für den 23. Juni zu einem Prozeß wegen der Vorwürfe geladen, die US-Regulierungsbehörden über ein entscheidendes Flugkontrollsystem der 737 Max getäuscht zu haben.
Die beiden Flugzeugabstürze in Indonesien im Jahre 2018 und in Äthiopien im Jahre 2019 forderten insgesamt 346 Menschenleben. Der Kern der Vorwürfe gegen Boeing dreht sich um das sogenannte Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS), ein automatisiertes Flugsteuerungssystem, das maßgeblich zu den Katastrophen beigetragen haben soll. Die Forderung der Opferangehörigen nach einer Ablehnung des Vergleichs unterstreicht die tiefe Unzufriedenheit und das Verlangen nach vollständiger Gerechtigkeit, welches über finanzielle Entschädigungen hinausgeht.