Die bevorstehenden neun Wochen Sommerferien, oft als Zeit der Erholung und Unbeschwertheit idealisiert, entpuppen sich für zahlreiche österreichische Familien als eine immense organisatorische und finanzielle Belastung. Besonders Alleinerziehende und Familien mit Kindern mit Behinderung stehen vor großen Herausforderungen, wie Christa Hörmann, geschäftsführende Bundesfrauenvorsitzende des Österreichischen Gewerkschaftsbundes (ÖGB), eindringlich mahnt.
Mehr als ein Viertel der Eltern wisse nicht, wie eine durchgehende Betreuung ihrer Kinder im Sommer sichergestellt werden solle, was viele an ihre Grenzen bringe. Der ÖGB kritisiert das alljährlich wiederkehrende Chaos und fordert einen nationalen Sommerbetreuungsgipfel, um endlich bundesweit einheitliche Mindeststandards und kostenlose ganztägige Ferienangebote zu schaffen.
Das alljährliche Ferien-Chaos: Wenn die Sommerpause zur Last wird
Die langen Sommerferien sind eine wohlverdiente Auszeit für Schüler, doch für deren Eltern, insbesondere wenn beide Elternteile berufstätig sind oder es sich um Alleinerziehende handelt, stellen sie eine immense logistische Herausforderung dar. Die Diskrepanz zwischen neun Wochen Schulferien und der deutlich kürzeren Urlaubszeit der Eltern führt zu einer Betreuungslücke, die jedes Jahr aufs Neue gestopft werden muß. Christa Hörmann vom ÖGB verweist auf diese prekäre Situation: „Mehr als ein Viertel weiß nicht, wie es eine durchgehende Betreuung ihrer Kinder im Sommer sicherstellen soll.“ Dies verdeutlicht das Ausmaß des Problems und die Notwendigkeit dringender Lösungen.
Das Chaos sei, so Hörmann, ein alljährliches Phänomen, das sich seit Jahren wiederhole, ohne daß die Politik adäquate Maßnahmen ergreife: „Auch die vergangene Bundesregierung hat weiter zugeschaut und keine Maßnahmen gesetzt.“ Diese Untätigkeit führt dazu, daß Familien in Eigenregie und oft unter großer Anstrengung Lösungen finden müssen. Eine Umfrage der Arbeiterkammer (AK) zur Schulkostenstudie ergab, daß 81 Prozent der Eltern die Ferien bereits vor Ferienbeginn im Juni durchgeplant haben, doch vier von zehn kämpfen dabei mit massiven Schwierigkeiten. Sechs Wochen lang müssen Eltern selbst oder Bekannte die Betreuung übernehmen, was oft auf Kosten von Freizeit, Einkommen oder gar der Gesundheit geht.
Die finanzielle Belastung durch die Sommerbetreuung ist ein weiterer kritischer Punkt. Die Kosten für Feriencamps sind beträchtlich: Laut AK-Schulkostenstudie betragen sie im Schnitt 415 Euro pro Woche und Kind. Für viele Familien, insbesondere in Zeiten steigender Lebenshaltungskosten, sind solche Summen schlichtweg untragbar. Die allgemeine Teuerung der vergangenen Monate hat dieses Problem noch zusätzlich verschärft und drängt viele Haushalte an den Rand ihrer finanziellen Möglichkeiten. Die Notwendigkeit, qualifizierte Betreuung für die Kinder zu finden, kollidiert somit oft mit den begrenzten finanziellen Mitteln der Familien.
Das Ost-West-Gefälle: Eine Ungerechtigkeit für berufstätige Eltern
Besonders eklatant zeigt sich das Problem in der regionalen Ungleichheit der Betreuungsangebote. Hörmann kritisiert das „starke Ost-West-Gefälle bei Öffnungszeiten und Schließtagen“ von Horten und anderen Betreuungseinrichtungen. Während in Wien, der Bundeshauptstadt mit einer gut ausgebauten Infrastruktur, Horte lediglich 13 Tage im Sommer geschlossen sind, sind es in Vorarlberg erschreckende 65 Tage. Diese immense Diskrepanz stellt eine Zumutung für berufstätige Eltern dar und schafft eine Ungleichbehandlung, die schwer zu rechtfertigen ist.
Dieses Gefälle ist historisch gewachsen und spiegelt die unterschiedliche Entwicklung der Kinderbetreuung in den einzelnen Bundesländern wider. Während in Ostösterreich, insbesondere in Wien, der Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen, einschließlich der Ferienbetreuung, schon vor Jahrzehnten begonnen hat und kontinuierlich fortgesetzt wurde, hinken westliche Bundesländer in diesem Bereich oft hinterher. Dies liegt an verschiedenen Faktoren, darunter unterschiedliche politische Prioritäten, finanzielle Ressourcen der Gemeinden und Länder sowie demographische Strukturen. Das Ergebnis ist eine Ungleichheit, die sich direkt auf die Lebensqualität und die beruflichen Möglichkeiten der Eltern auswirkt. Eltern in Regionen mit schlechten Betreuungsangeboten sind gezwungen, auf informelle Lösungen wie Großeltern oder Bekannte zurückzugreifen, oder müssen ihre Arbeitszeiten reduzieren, was wiederum finanzielle Einbußen bedeutet.
Die Forderung nach bundesweit einheitlichen Mindeststandards bei Öffnungszeiten und Schließtagen ist daher eine zentrale Forderung des ÖGB, um diese regionale Ungerechtigkeit abzubauen und gleiche Chancen für alle Familien in Österreich zu schaffen.
Forderungen nach einem Sommerbetreuungsgipfel und nationalem Kraftakt
Angesichts der drängenden Probleme fordert der ÖGB einen „Sommerbetreuungsgipfel“, der sich diesem Problem endlich ernsthaft widmet und nachhaltige Lösungen schafft. „An einem Sommerbetreuungsgipfel, der sich diesem Problem endlich ernsthaft widmet, und Lösungen schafft, führt kein Weg vorbei“, bekräftigt die ÖGB-Bundesfrauenvorsitzende. Ziel dieses Gipfels müsse es sein, alle relevanten Akteure – Politik, Sozialpartner, Betreuungseinrichtungen und Elternvertreter – an einen Tisch zu bringen, um gemeinsame Schritte einzuleiten.
Konkret fordert der ÖGB:
- Bundesweit einheitliche Mindeststandards bei Öffnungszeiten und Schließtagen: Dies würde die Planbarkeit für Eltern erheblich verbessern und das Ost-West-Gefälle beseitigen.
- Kostenlose ganztägige Ferienangebote: Dies würde die finanzielle Belastung der Familien reduzieren und sicherstellen, daß alle Kinder Zugang zu qualifizierter Betreuung haben, unabhängig vom Einkommen der Eltern.
- Spezielle Programme für Kinder mit Behinderung: Diese Kinder benötigen oft eine besonders angepaßte Betreuung, die derzeit unzureichend ist. Barrierefreie und inklusive Angebote sind hier unerläßlich.
Hörmann betont, daß Kinderbetreuung keine Privatsache sei, sondern eine öffentliche Aufgabe und eine wesentliche Voraussetzung für echte Gleichstellung von Männern und Frauen im Berufsleben. „Es braucht endlich einen nationalen Kraftakt – sonst bleiben Beruf und Familie unvereinbar.“ Dies ist eine klare Ansage an die Politik, die Verantwortung für die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen zu übernehmen.
Positive Beispiele zeigen, daß gute Betreuung machbar ist, wenn der politische Wille vorhanden ist. Die Summer City Camps in Wien sind ein etabliertes Modell, das flexible und qualitativ hochwertige Betreuung während der Ferien bietet. Auch die ganztägige Sommerschule mit Freizeitangebot im Burgenland ist ein Vorbild, das zeigt, wie schulische Förderung und sinnvolle Freizeitgestaltung kombiniert werden können. Solche Initiativen, die den Bedürfnissen von Kindern und Eltern gerecht werden, könnten als Blaupause für bundesweite Lösungen dienen.
Darüber hinaus schlägt der ÖGB vor, eine sechste Urlaubswoche für alle Arbeitnehmer einzuführen. Dies würde die Situation der Eltern erheblich erleichtern, da sie mehr Zeit hätten, die Betreuung ihrer Kinder selbst zu übernehmen oder die Betreuungslücke zu schließen, ohne ihre Erholungszeit vollständig opfern zu müssen. Eine solche Maßnahme würde nicht nur die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessern, sondern auch einen Beitrag zur allgemeinen Work-Life-Balance der Beschäftigten leisten.
Das Hilfswerk Österreich: Ein wichtiger Akteur in der Kinderbetreuung
Das Hilfswerk Österreich, von dem Isabella Ecker die Fachbereichsleitung für Kinder, Jugend und Familie innehat, ist ein zentraler Akteur im sozialen Bereich Österreichs. Als einer der größten gemeinnützigen Anbieter sozialer Dienste betreut das Hilfswerk mit rund 2.500 Mitarbeitern etwa 20.500 Kinder und Jugendliche in mehr als 650 Einrichtungen. Damit zählt es zu den erfahrensten und bestbewährten gemeinnützigen Trägern von Kinderbetreuung in Österreich. Das Hilfswerk versorgt darüber hinaus mit rund 7.000 Pflegefachkräften mehr als 31.000 ältere und chronisch kranke Menschen und ist somit die Nummer eins in der Pflege zu Hause in Österreich.
Die Expertise des Hilfswerks im Bereich der Kinder- und Jugendbetreuung macht seine Forderungen und Analysen besonders glaubwürdig und fundiert. Die Organisation ist tagtäglich mit den Herausforderungen konfrontiert, denen Familien, insbesondere in den Ferienzeiten, gegenüberstehen. Ihre Vorschläge basieren auf praktischen Erfahrungen und dem direkten Kontakt zu den Betroffenen. Der Aufruf zu einem nationalen Kraftakt ist daher nicht nur eine politische Forderung, sondern ein Appell aus der Praxis, um die Lebensrealität von tausenden Familien in Österreich spürbar zu verbessern und eine kinderfreundlichere Gesellschaft zu schaffen.