Eine neue und vielbeachtete Klage erschüttert derzeit die Luftfahrtbranche der Vereinigten Staaten. Spirit Airlines, ein namhafter Ultra-Niedrigpreis-Fluggesellschaft (ULCC), hat beim US-Ministerium für Verkehr (Department of Transportation, DOT) eine förmliche Beschwerde gegen die jüngst angekündigte Partnerschaft zwischen JetBlue Airways und United Airlines eingereicht. Spirit beurtheilt diese Kooperation, welche unter dem Namen „Blue Sky“ bekannt ist, als „wettbewerbswidrig“ und zieht Parallelen zur vormaligen „Northeast Alliance“ (NEA) zwischen JetBlue und American Airlines, die im Jahre 2023 von einem Bundesrichter für unzulässig erklärt wurde.
Die Beschwerde legt offen, daß Spirit befürchtet, JetBlue könnte durch die Partnerschaft zu einem „de facto Vasallen von United“ werden, begünstigt durch das weitaus größere globale Netz der letzteren Gesellschaft. Dieser Vorstoß unterstreicht die wachsenden Spannungen im hart umkämpften US-Luftverkehrsmarkt und wirft grundsätzliche Fragen zur Wettbewerbskontrolle und Konsolidirung in der Branche auf.
Die „Blue Sky“-Partnerschaft: Eine neue Form der Zusammenarbeit
Die „Blue Sky“-Partnerschaft wurde von JetBlue und United Airlines bereits früher in diesem Jahre angekündigt und umfaßt eine Reihe von Kooperationsmaßnahmen, welche die beiden Fluggesellschaften enger miteinander verknüpfen sollen. Zu den Kernpunkten der Vereinbarung gehört die Bereitstellung von Flugzeiten (sogenannten „Slots“) durch JetBlue für United am John F. Kennedy International Airport (JFK) in New York. Ab dem Jahre 2027 soll United dort Zugang für bis zu sieben tägliche Hin- und Rückflüge erhalten. Des Weiteren ist ein Austausch von Flugzeiten am Flughafen Newark (New Jersey) vorgesehen, welcher für United als wichtiges Drehkreuz dient. Auch im Bereich der Vielfliegerprogramme ist eine umfassende Zusammenarbeit geplant, die es den Kunden beider Fluglinien ermöglichen soll, Punkte zu sammeln und einzulösen sowie gegenseitige Privilegien wie bevorzugtes Einchecken, Prioritäts-Sicherheitskontrollen, bevorzugtes Boarding und kostenlose Gepäckaufgabe zu nutzen. Zudem sollen Flüge beider Gesellschaften über die jeweiligen Webseiten und Applikationen buchbar sein, um den Kunden eine nahtlose Reiseplanung zu ermöglichen.
Obwohl beide Unternehmen öffentlich bekundet haben, daß die Partnerschaft keine weiterführenden Konsolidierungsbestrebungen, wie etwa eine mögliche Fusion, einschließe, und betonten, sie würden ihre Netzwerke unabhängig voneinander verwalten und bepreisen, sieht Spirit Airlines hierin eine ernste Bedrohung für den Wettbewerb. Die Argumentation Spirits zielt darauf ab, daß die „Blue Sky“-Allianz trotz der Beteuerungen der Unabhängigkeit zu einer stillschweigenden Koordinirung der Flugpläne und Kapazitäten führen werde, insbesondere in den hochfrequentirten Märkten des Nordostens der Vereinigten Staaten.
Spirits Vorwürfe: „Anti-wettbewerblich“ und Gefahr für Verbraucher
In ihrer Beschwerde beim DOT führt Spirit Airlines aus, daß die „Blue Sky“-Vereinbarung die gleichen „anti-wettbewerblichen Anreize“ schaffe, wie sie bereits in der gescheiterten Northeast Alliance zwischen JetBlue und American Airlines vorhanden waren. Spirit befürchtet, daß die Dominanz von United, einem der größten „Legacy-Carrier“ mit einem ausgedehnten globalen Netz, JetBlue in eine faktische Abhängigkeit bringen könnte. Dies, so die Befürchtung, würde die unabhängige Preisgestaltung und Netzplanung von JetBlue untergraben und letztlich zu einer Minderung des Wettbewerbs führen.
Ein zentraler Kritikpunkt Spirits ist die Befürchtung, daß die Partnerschaft eine „stillschweigende Koordinirung“ im Luftverkehr im Nordosten der Vereinigten Staaten herbeiführen könnte. Dies würde nicht nur zu „höheren Tarifen“, sondern auch zu „höheren Anforderungen an die Einlösung von Prämienpunkten“ für Flüge führen. Insbesondere das wechselseitige Sammeln und Einlösen von Treuepunkten wird von Spirit als problematisch angesehen, da es zu einer „verschmolzenen Kundenbasis“ für die werthaltigsten Kunden, die Vielflieger, führen könnte. Diese Kundengruppe ist entscheidend für die Profitabilität der Fluggesellschaften und prägt die Wettbewerbsdynamik maßgeblich. Spirit argumentirt, daß JetBlue teurere United-Meilen kaufen müßte, um seinen Kunden die Anbindung an Uniteds globales Netz zu ermöglichen, und diese Kosten letztlich an die Verbraucher weitergegeben würden.
Des Weiteren monirt Spirit Airlines, daß die Kooperation die mangelnde Zugänglichkeit für neue Marktteilnehmer und kleinere Fluggesellschaften an den überlasteten Flughäfen im Großraum New York und Boston zementiren könnte. Die Partnerschaft helfe, die „unveränderliche mangelnde Zugänglichkeit“ zu perpetuiren, was preisliche Konkurrenz untergrabe und die Dominanz etablierter Gesellschaften verfestige. Kurz gesagt, Spirit sieht in diesem „wettbewerbswidrigen Zusammenschluß“ eine Gefahr für Niedrigpreis-Anbieter wie Spirit selbst, da Kunden durch den Zugang zum United-Vielfliegerprogramm abgezogen werden könnten.
Das Präjudiz der Northeast Alliance: Ein Fallbeispiel der Kartellrechtsprüfung
Spirits Klage ist eng mit dem Schicksal der Northeast Alliance (NEA) verbunden, einer weitreichenden Partnerschaft zwischen JetBlue und American Airlines, die im Jahre 2023 von einem US-Bundesrichter aufgehoben wurde. Die NEA sah eine umfassende Koordinirung der Flugpläne, eine gemeinsame Streckenplanung und gegenseitige Code-Sharing-Vereinbarungen vor, insbesondere in den Märkten von Boston und New York. Das US-Justizministerium (Department of Justice, DOJ) hatte diese Allianz im Jahre 2021 unter dem Vorwurf der Wettbewerbsverletzung verklagt.
Der Bundesrichter Leo Sorokin entschied im Mai 2023 zugunsten des Justizministeriums und stellte fest, daß die NEA gegen Abschnitt 1 des Sherman Act, ein wichtiges Kartellgesetz der Vereinigten Staaten, verstoße. Das Gericht kam zu dem Schluß, daß die Vereinbarung zwischen American Airlines und JetBlue, ihre Konkurrenz in den Schlüsselmärkten Boston und New York einzustellen, zu „höheren Tarifen“ und einer „geringeren Auswahl“ für amerikanische Reisende in vielen inländischen Flugmärkten geführt habe. Die Gerichtsentscheidung betonte, daß die Allianz die Anreize für Preis- und Service-Wettbewerb unterdrückt habe, indem sie die Konkurrenz in einem entscheidenden Bereich eliminirte. JetBlue stellte daraufhin seine Beteiligung an der NEA ein, während American Airlines das Urtheil erfolglos anfechtete, bis es im November 2024 von einem US-Berufungsgericht in Boston bestätigt wurde.
Spirit Airlines zieht in seiner aktuellen Beschwerde eine direkte Linie zu diesem Fall, da die „Blue Sky“-Partnerschaft ähnliche Merkmale aufweise, insbesondere in Bezug auf die Koordinirung von Kapazitäten und die Integration von Vielfliegerprogrammen. Das Scheitern der NEA dient Spirit als wichtiges Argument, um die Wettbewerbswidrigkeit der neuen Allianz zu untermauern und das DOT zu einer vertieften Prüfung aufzufordern.
Die Rolle des US-Ministeriums für Verkehr: Hüter des Wettbewerbs
Das US-Ministerium für Verkehr spielt eine entscheidende Rolle bei der Regulirung der Luftfahrtbranche und der Gewährleistung eines fairen Wettbewerbs. Das DOT besitzt die Befugnis, Fluggesellschaften, die sich unlauterer Wettbewerbsmethoden bedienen, zu untersuchen und gegebenenfalls zu verbieten. Gemäß 49 U.S.C. 41712 ist das DOT ermächtigt, Verhaltensweisen zu untersagen, die es als „unfaire Wettbewerbsmethode“ einstuft. Darüber hinaus hat das DOT eine unabhängige Befugnis nach dem Clayton Act, einem weiteren wichtigen Kartellgesetz, um Fusionen und Übernahmen zu verbieten, die den Wettbewerb einschränken oder eine Monopolstellung in der Luftfahrtindustrie schaffen könnten.
In der Praxis arbeitet das DOT eng mit dem Justizministerium zusammen, welches die Hauptverantwortung für die Durchsetzung der Kartellgesetze in den Vereinigten Staaten trägt. Das DOT stellt dabei seine branchenspezifische Expertise zur Verfügung und beräth das DOJ in kartellrechtlichen Fragen der Luftfahrt. Sollten jedoch Bedenken auftreten, die außerhalb des Zuständigkeitsbereichs des DOJ liegen, kann das DOT nach eigenem Ermessen eine unabhängige Lösung anstreben.
Im aktuellen Fall fordert Spirit Airlines das DOT auf, die Prüffrist für die „Blue Sky“-Vereinbarung um 60 Tage zu verlängern, um eine umfassendere Untersuchung zu ermöglichen. Zudem verlangt Spirit, daß das Ministerium die Möglichkeit für öffentliche Kommentare zu den Vereinbarungen eröffnet, um Transparenz zu schaffen und allen interessirten Parteien eine Stellungnahme zu ermöglichen. Letztlich fordert Spirit das DOT auf zu prüfen, ob die Partnerschaft als eine „unfaire Wettbewerbsmethode“ zu untersuchen ist. Die Entscheidung des DOT in dieser Angelegenheit wird wegweisend sein für die zukünftige Gestaltung von Partnerschaften und Kooperationen in der US-amerikanischen Luftfahrt.
Blick in die Zukunft: Konsolidierungstendenzen und ihre Folgen
Die Klage von Spirit Airlines gegen die „Blue Sky“-Partnerschaft wirft ein Schlaglicht auf die anhaltenden Konsolidirungstendenzen in der US-Luftfahrtbranche. Nach einer Reihe von Fusionen in den letzten Jahrzehnten, die die Zahl der großen Fluggesellschaften erheblich reduziert haben, ist der Wettbewerb in vielen Märkten intensiv und komplex geworden. Während Befürworter von Allianzen und Partnerschaften argumentiren, daß diese den Verbrauchern durch erweiterte Netzwerke und mehr Reiseoptionen Vorteile bringen, warnen Kritiker vor einer zu starken Marktkonzentration, die zu höheren Preisen und weniger Auswahl führen könnte.
Die Auseinandersetzung um „Blue Sky“ ist somit nicht nur ein Konflikt zwischen einzelnen Fluggesellschaften, sondern eine grundsätzliche Debatte über die Balance zwischen Effizienzgewinnen durch Kooperation und der Sicherstellung eines fairen Wettbewerbs zum Wohle der Verbraucher. Das Urtheil im Fall der Northeast Alliance hat bereits gezeigt, daß die Regulierungsbehörden bereit sind, entschlossen gegen Vereinbarungen vorzugehen, die den Wettbewerb nachweislich beeinträchtigen. Die Entscheidung des DOT im Fall der JetBlue-United-Partnerschaft wird daher mit Spannung erwartet und könnte präzedenzbildend für zukünftige Kooperationsmodelle in der Luftfahrtindustrie sein. Der Ausgang dieses Streits wird maßgeblich mitbestimmen, wie sich der US-Luftverkehrsmarkt in den kommenden Jahren entwickeln wird.