Ein erst fünf Jahre alter Airbus A220, der sich im Besitz der US-Leasinggesellschaft Azorra befand, ist zerlegt und zu einem Teilespender geworden. Dieser Schritt, der als Premiere für den modernen Flugzeugtyp gilt, verdeutlicht die aktuelle Knappheit und die hohen Preise für Ersatzteile des A220, insbesondere für seine Getriebefan-Triebwerke (GTF).
Für Azorra schien der Wert der Einzelteile des Flugzeuges den Restwert der voll funktionsfähigen Maschine zu übersteigen. Die Zerlegung erfolgte, nachdem Egyptair Anfang 2024 ihre gesamte zwölf A220 umfassende Teilflotte aufgelöst hatte und die Flugzeuge an Azorra übergingen. Es wird erwartet, daß weitere A220 demselben Schicksal folgen werden, um den Bedarf an Komponenten zu decken.
Egyptairs Abschied vom A220: Eine teure Unverträglichkeit
Die Geschichte der betroffenen A220 beginnt mit der ägyptischen Nationalfluggesellschaft Egyptair. Diese hatte im Jahre 2019 eine Flotte von zwölf Airbus A220-Flugzeugen in Dienst gestellt, in der Hoffnung, ihre regionale Flotte zu modernisieren und zu erweitern. Der A220, ursprünglich als Bombardier CSeries entwickelt, ist ein modernes Kurz- und Mittelstreckenflugzeug, das für seine Effizienz und seinen Komfort bekannt ist.
Doch die Beziehung zwischen Egyptair und ihren A220 gestaltete sich schwierig. Das Hauptproblem lag offenbar in der Wartungsanfälligkeit der Maschinen und ihrer Inkompatibilität mit der übrigen Flotte von Egyptair. Die Wartung von Flugzeugen ist ein komplexes und kostspieliges Unterfangen, und wenn ein Flugzeugtyp nicht gut in die bestehenden Wartungsstrukturen und die Ersatzteilversorgung einer Airline paßt, kann dies zu erheblichen operativen Schwierigkeiten und hohen Kosten führen. Im Falle von Egyptair, die eine heterogene Flotte aus Airbus A320, A330, A340 und Boeing 737, 777 und 787 betrieb, stellte der A220 möglicherweise eine zusätzliche logistische Belastung dar.
Anfang 2024 zog Egyptair die Konsequenzen und löste ihre A220-Teilflotte komplett auf. Alle zwölf Flugzeuge gingen an die US-amerikanische Leasingfirma Azorra über, die sich auf das Leasing von Regionalflugzeugen spezialisiert hat. Diese Entscheidung von Egyptair, sich von einer relativ neuen Flugzeugflotte zu trennen, war ein deutliches Zeichen für die betrieblichen Herausforderungen, die der A220 für die Airline mit sich brachte.
Die Verwertung einer A220: Ein Präzedenzfall in der Luftfahrt
Wie zuerst das Fachportal „Aerospace Global News“ berichtete, wurde eine der von Azorra übernommenen A220-Maschinen, die frühere SU-GFA, nun als Teilespender verwertet. Die Zerlegung erfolgte durch Delta Material Services, ein Unternehmen, das sich auf das Recyceln und die Wiederverwertung von Flugzeugteilen spezialisiert hat. Dies markiert das erste Mal überhaupt, daß ein Airbus A220 zerlegt und zur Verwertung freigegeben wird. Angesichts des jungen Alters des Flugzeugtyps ist dies ein ungewöhnlicher Schritt in der Luftfahrtindustrie.
Der Grund für diese ungewöhnliche Maßnahme liegt in der Kappheit und den hohen Preisen für A220-Komponenten. Es wird berichtet, daß der Restwert des voll funktionsfähigen Flugzeugs bei rund 25 Millionen US-Dollar lag. Diesem Wert stand jedoch offenbar ein höherer Wert der Einzelteile gegenüber. Insbesondere die Pratt & Whitney PW1500G Getriebefan-Triebwerke (GTF), welche den A220 antreiben, sind notorisch schwer zu bekommen. Diese Triebwerke, die für ihre Effizienz und geringe Lärmemission bekannt sind, haben in der Vergangenheit mit technischen Problemen und langen Wartungszeiten zu kämpfen gehabt, was zu Engpässen bei der Ersatzteilversorgung und langen Standzeiten von Flugzeugen geführt hat.
Azorra hatte die Zerlegung der A220-300 von Egyptair bereits im April angekündigt. Die gewonnenen Teile sollen an die US-amerikanische Billigfluggesellschaft Breeze Airways verkauft werden. Breeze Airways betreibt eine wachsende Flotte von A220-Flugzeugen und wird die gewonnenen Komponenten an ihren eigenen Maschinen verwenden. Dies ist ein Indiz dafür, daß die Probleme mit der Ersatzteilversorgung nicht nur Egyptair betrafen, sondern eine branchenweite Herausforderung für A220-Betreiber darstellen. Breeze Airways hat das klare Ziel, insgesamt vier A220 aus dem ehemaligen Egyptair-Bestand zerlegen zu lassen, um die dringend benötigten Ersatzteile für die eigene Flotte zu sichern. Dies ist ein ungewöhnlicher, aber pragmatischer Ansatz, um die Betriebssicherheit und Verfügbarkeit der eigenen Flugzeuge zu gewährleisten.
Der Markt für A220 und die Suche nach neuen Betreibern
Die Entscheidung von Egyptair, sich von ihren A220 zu trennen, hat auch den Markt für gebrauchte A220-Flugzeuge beeinflußt. Von den zwölf von Egyptair abgestoßenen Maschinen konnte bisher nur eine A220 einen neuen Betreiber finden: Cyprus Airways. Die zypriotische Fluggesellschaft hat diese Maschine in ihre Flotte integriert, was zeigt, daß es trotz der Herausforderungen mit Ersatzteilen weiterhin einen Markt für den A220 gibt, insbesondere für Fluggesellschaften, die von den operativen Vorteilen des Typs profitieren möchten.
Der Airbus A220 ist ein vielversprechendes Flugzeug für den Regionalflugverkehr und kürzere Mittelstrecken. Er bietet eine gute Reichweite und eine angenehme Kabinenerfahrung, die oft mit größeren Langstreckenflugzeugen verglichen wird. Trotz der genannten Herausforderungen haben viele Fluggesellschaften den A220 in ihren Flotten, darunter Delta Air Lines, Swiss, Air France und Air Canada. Diese Airlines haben oft größere Flotten oder sind besser in der Lage, die komplexen Wartungsanforderungen der GTF-Triebwerke zu managen. Die Probleme mit den GTF-Triebwerken sind jedoch branchenweit bekannt und haben zu Verzögerungen bei der Auslieferung neuer A220-Flugzeuge und zu zusätzlichen Kosten für die Betreiber geführt. Pratt & Whitney, der Hersteller der Triebwerke, arbeitet kontinuierlich an der Verbesserung der Zuverlässigkeit und der Reduzierung der Wartungszeiten.
Die Preisentwicklung auf dem Ersatzteilmarkt für Flugzeuge wird von Angebot und Nachfrage bestimmt. Wenn neue Flugzeuge bestellt werden, werden gleichzeitig auch langfristige Verträge für die Lieferung von Ersatzteilen abgeschlossen. Sollten jedoch Engpässe auftreten, wie im Falle der A220-GTF-Triebwerke, können die Preise für verfügbare Komponenten stark ansteigen. Dies kann dazu führen, daß ältere oder weniger ausgelastete Flugzeuge zerlegt werden, um die Teile für andere Maschinen zu nutzen, die dringend benötigt werden.
Ein Zeichen für die Herausforderungen in der modernen Luftfahrt
Die Zerlegung eines fünf Jahre alten Airbus A220 zu einem Teilespender ist ein seltenes und aufschlußreiches Ereignis in der Luftfahrtindustrie. Es ist ein deutliches Zeichen für die anhaltende Knappheit und die hohen Kosten für bestimmte Ersatzteile, insbesondere für die komplexen GTF-Triebwerke, welche den A220 antreiben. Der Fall von Egyptair und Azorra zeigt, daß der Wert der Komponenten eines Flugzeugs unter bestimmten Umständen den Wert der gesamten betriebsbereiten Maschine übersteigen kann.
Dies verdeutlicht die wirtschaftlichen und operativen Herausforderungen, denen sich Fluggesellschaften und Leasingfirmen in der modernen Luftfahrt gegenübersehen, und unterstreicht die Bedeutung einer zuverlässigen Ersatzteilversorgung für den reibungslosen Betrieb von Flugzeugflotten weltweit. Die Entscheidung, weitere A220 zu zerlegen, wird die Branche weiterhin genau beobachten, da sie Aufschluß über die weitere Entwicklung des Marktes für diesen Flugzeugtyp geben wird.