Logo von Cirrus Airlines am THF (Foto: Jan Gruber).
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Der Traum vom regionalen Flügel: Aufstieg und Fall der Cirrus Airlines

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Die Geschichte der Luftfahrt ist reich an Unternehmen, die mit Innovationsgeist und kühnen Visionen angetreten sind, um den Himmel zu erobern. Unter ihnen war auch Cirrus Airlines, eine deutsche Regionalfluggesellschaft, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Lücken im Streckennetz zu schließen und Reisenden effiziente Verbindungen abseits der großen Drehkreuze zu bieten. Über zwei Jahrzehnte hinweg prägte Cirrus Airlines den regionalen Flugverkehr in Deutschland und Europa, etablierte sich als zuverlässiger Partner namhafter Fluggesellschaften und entwickelte sich zu einem wichtigen Arbeitgeber.

Doch trotz solider Fundamente und einer klaren Marktpositionierung konnte sich die Airline nicht dauerhaft im immer härteren Wettbewerb behaupten. Ihre Geschichte ist ein facettenreiches Lehrstück über die Herausforderungen, denen sich eine Regionalfluggesellschaft in einem dynamischen Marktumfeld stellen muß, und über die Faktoren, die selbst ein etabliertes Unternehmen zum Scheitern bringen können. Diese Reportage zeichnet den Werdegang von Cirrus Airlines nach, beleuchtet ihre Besonderheiten, analysiert die Gründe ihres Niedergangs und zieht Lehren aus dem jähen Ende einer einst so vielversprechenden Airline.

Die Anfänge und der Aufstieg: Eine Firmengeschichte im Überblick

Die Wurzeln von Cirrus Airlines reichen zurück bis ins Jahr 1995, als das Unternehmen als Luftfahrtberatung in Saarbrücken gegründet wurde. Sehr schnell entwickelte sich daraus jedoch eine Fluggesellschaft, die im März 1998 ihren Erstflug absolvierte. Der Name „Cirrus“ lehnte sich an die Wolkenart an, die für ihre federartige, hohe Erscheinung bekannt ist und eine gewisse Leichtigkeit und Eleganz suggeriert. Von Beginn an positionierte sich Cirrus Airlines nicht als Billigflieger, sondern als Anbieter von hochwertigen Regionalverbindungen, oft im Auftrag größerer Fluggesellschaften. Dies war ein wesentlicher Aspekt ihres Geschäftsmodells.

Das Kerngeschäft der Cirrus Airlines bestand darin, Zubringerflüge für große Hubs zu leisten oder Strecken zu bedienen, die für größere Airlines nicht profitabel genug waren. Dies geschah häufig im Rahmen sogenannter „Wet-Lease“-Vereinbarungen, bei denen Cirrus Airlines Flugzeuge mitsamt Besatzung, Wartung und Versicherung (Aircraft, Crew, Maintenance, Insurance – acmi) an andere Fluggesellschaften vermietete. Zu den wichtigsten Partnern zählten namhafte Airlines wie Lufthansa, Swiss International Air Lines und Austrian Airlines. Diese Kooperationen sicherten Cirrus Airlines eine stabile Auslastung und Einnahmequelle und ermöglichten es ihr, ihre Flotte und ihr Streckennetz kontinuierlich auszubauen. Die Hauptbasis der Cirrus Airlines war über weite Strecken ihrer Geschichte der Flughafen Saarbrücken, später kamen auch wichtige Basen in München und Frankfurt am Main hinzu.

Allerdings war Cirrus Airlines in den meisten Fällen auf eigene Rechnung in der Luft. Man unterhielt beispielsweise mit Lufthansa Codeshare-Abkommen, so dass die Flüge des Regio-Carriers auch über den Kranich-Konzern buchbar waren und beispielsweise als Zubringer genutzt werden konnten.

Das eingesetzte Fluggerät: Effizienz und Kapazität für den Regionalverkehr

Die Flottenpolitik von Cirrus Airlines war auf Effizienz und die spezifischen Anforderungen des Regionalflugverkehrs zugeschnitten. Das Unternehmen setzte primär auf Flugzeuge des Typs Dornier 328. Hierbei kamen sowohl die Turboprop-Version (Dornier 328-100) als auch die Jet-Variante (Dornier 328JET) zum Einsatz. Die Dornier 328-100, ein Propellerflugzeug mit etwa 30 bis 33 Sitzplätzen, war ideal für kürzere Regionalstrecken und kleinere Flughäfen mit kürzeren Start- und Landebahnen. Sie zeichnete sich durch ihre Wirtschaftlichkeit und Robustheit aus. Zuvor hatte man auch andere, zum Teil deutlich kleinere Maschinen, im Einsatz.

Mit dem Aufkommen der Dornier 328JET, einer schnelleren Strahlflugzeugvariante mit ähnlicher Passagierkapazität, erweiterte Cirrus Airlines ihre Möglichkeiten. Die Jets ermöglichten schnellere Verbindungen und boten einen höheren Reisekomfort, was insbesondere für Geschäftsreisende attraktiv war. Die Entscheidung für einen relativ einheitlichen Flugzeugtyp vereinfachte die Wartung und die Schulung des Personals, was zur Kosteneffizienz beitrug. Die Flotte wuchs im Laufe der Jahre auf über ein Dutzend Flugzeuge an, was die Bedeutung der Cirrus Airlines im Regionalflugverkehr unterstrich.

Zur Flotte der Cirrus Airlines zählten auch zwei Embraer 170. Man war Erstbetreiber dieses Maschinentyps in der Bundesrepublik Deutschland. In den letzten Jahren kamen sowohl die Do-Jets als auch die E170 nur noch in Ausnahmefällen im Linienverkehr zum Einsatz. Insbesondere die Dornier 328-Jets erwiesen sich als höchstgradigst unwirtschaftlich, weshalb das Unternehmen im kommerziellen Verkehr dann hauptsächlich die Turbopropvariante einsetzte. Die Embraer 170 waren wiederum zu groß und fanden allenfalls auf Charterflügen Verwendung.

Embraer 170 (Foto: Juergen Lehle).

Das Streckennetz: Vom Saarland nach Europa und die Rolle als Zubringer

Das Streckennetz von Cirrus Airlines war eng mit ihren Kooperationen verknüpft und spiegelte ihre Rolle als Zubringer und regionaler Anbieter wider. Von ihrer Heimatbasis Saarbrücken aus bediente die Airline verschiedene deutsche Städte, darunter Berlin (Tempelhof), München, Hamburg, Frankfurt am Main, Düsseldorf und Dresden. Diese nationalen Verbindungen waren entscheidend, um die saarländische Region an das bundesweite Flugnetz anzubinden.

Darüber hinaus bediente Cirrus Airlines auch internationale Routen, oft im Auftrag ihrer Partner. Wichtige internationale Ziele waren unter anderem Zürich und Genf in der Schweiz, wo sie als Zubringer für Swiss International Air Lines fungierte. Auch Verbindungen nach Amsterdam und Brüssel wurden angeboten. Ein besonderes Merkmal des Streckennetzes war die flexible Anpassung an die Bedürfnisse der Partnerairlines und die saisonale Nachfrage. Im Sommer wurden beispielsweise auch Charterflüge zu Urlaubszielen im Mittelmeerraum angeboten.

Die Strategie, sich als verläßlicher Partner für Wet-Lease-Operationen zu etablieren, führte dazu, daß Cirrus Airlines Flüge unter dem Code ihrer Partner durchführte (sogenannte Codeshare-Flüge). Dies war für die Airline von Vorteil, da sie von den Vertriebskanälen und der Markenbekanntheit der größeren Gesellschaften profitierte, während diese ihre Streckennetze ohne eigene Investitionen in Flugzeuge und Personal erweitern konnten.

Besonderheiten und Alleinstellungsmerkmale

Cirrus Airlines zeichnete sich durch mehrere Besonderheiten aus, die sie von anderen Fluggesellschaften abhoben:

  1. Spezialisierung auf Wet-Lease-Geschäft: Dies war das Herzstück des Geschäftsmodells. Cirrus Airlines war ein verläßlicher Dienstleister, der Flugzeuge und Crews für andere Airlines bereitstellte. Dieses B2B-Modell (Business-to-Business) sorgte für eine relativ stabile Auslastung und reduzierte das direkte Risiko des Passagiervertriebs.
  2. Hohe Servicequalität und Zuverlässigkeit: Obwohl eine Regionalfluggesellschaft, legte Cirrus Airlines Wert auf einen hohen Standard bei Service und Pünktlichkeit. Dies war entscheidend, um das Vertrauen der Partnerairlines und der Passagiere zu gewinnen und zu erhalten.
  3. Betrieb der Dornier 328JET: Cirrus Airlines war eine der wenigen Fluggesellschaften, die die Dornier 328JET in größerem Umfang einsetzten. Dies ermöglichte es ihnen, eine Nische für schnelle und komfortable Regionalverbindungen zu besetzen.
  4. Regionaler Fokus und Anbindung ländlicher Gebiete: Die Airline spielte eine wichtige Rolle bei der Anbindung kleinerer Flughäfen und Regionen an das nationale und internationale Luftverkehrsnetz, was von großer Bedeutung für die regionale Wirtschaft war.
  5. Unternehmensstruktur mit Tochtergesellschaften: Cirrus Airlines war Teil einer Unternehmensgruppe, zu der auch die Cirrus Maintenance GmbH gehörte, die für die Wartung der eigenen Flotte sowie für Drittkunden zuständig war. Diese vertikale Integration sollte Kosten sparen und die Effizienz steigern. Zudem betrieb Cirrus Airlines zeitweise die Cirrus Technik GmbH und die Cirrus Flight Training GmbH, was die ganzheitliche Kompetenz des Unternehmens im Luftfahrtbereich unterstrich.

Cirrus Airlines war jene Fluggesellschaft, die den letzten regulären Linienflug ab Berlin-Tempelhof durchgeführt. Dieser wurde – wie üblich – mit Lufthansa-Codeshare angeboten und führte nach Mannheim. Auch wenn es Cirrus schon längst nicht mehr gibt, steht das Logo in der Haupthalle des Flughafens Tempelhof, nebst jenem von Intersky und anderen Anbietern, unter Denkmalschutz. Die Halle des THF muss mehr oder weniger so erhalten bleiben wie sie am letzten Tag des Flugbetriebs hinterlassen wurde.

Logo von Cirrus Airlines am THF (Foto: Jan Gruber).

Das Scheitern: Eine Verkettung widriger Umstände

Trotz ihrer Etablierung und ihrer spezialisierten Rolle geriet Cirrus Airlines in den späten 2000er und frühen 2010er Jahren zunehmend unter Druck, der letztlich zu ihrem Scheitern führte. Die Gründe waren vielschichtig und spiegelten die tiefgreifenden Veränderungen in der Luftfahrtbranche wider:

  1. Wirtschaftliche Rezession und Finanzkrise: Die globale Finanzkrise ab 2008 führte zu einem deutlichen Rückgang der Geschäftsreisen und der allgemeinen Reisetätigkeit. Dies reduzierte die Nachfrage nach den von Cirrus Airlines angebotenen Zubringerflügen und damit die Auslastung der Flotte. Partnerairlines reduzierten ihre eigenen Streckennetze und damit auch den Bedarf an Wet-Lease-Kapazitäten.
  2. Steigender Wettbewerbsdruck: Der europäische Luftverkehrsmarkt wurde immer stärker von Billigfluggesellschaften dominiert, die mit aggressiven Preismodellen auch auf regionalen Strecken operierten. Dies setzte die Preise unter Druck und erschwerte es Cirrus Airlines, ihre Kosten zu decken, zumal ihr Geschäftsmodell nicht auf das „No-Frills“-Prinzip der Billigflieger ausgelegt war.
  3. Hohe Betriebskosten der Dornier-Flotte: Obwohl die Dornier 328 im Regionalverkehr als effizient galt, waren ihre Betriebskosten im Vergleich zu größeren Jets oder neueren Turboprop-Flugzeugen teilweise höher. Die geringe Stückzahl der Dornier-Jets weltweit führte auch zu höheren Kosten für Ersatzteile und spezialisierte Wartung. Zudem waren die Kerosinpreise in dieser Periode volatil und tendierten zu hohen Niveaus, was die Rentabilität zusätzlich belastete.
  4. Abhängigkeit von Partnerairlines: Das Wet-Lease-Geschäft, das über Jahre eine Stärke war, wurde in Krisenzeiten zur Schwäche. Wenn Partner wie Lufthansa oder Swiss ihre Kapazitäten reduzierten oder Verträge nicht verlängerten, traf dies Cirrus Airlines direkt und empfindlich, da Alternativen schwer zu finden waren.
  5. Mangelnde Flexibilität und Skalierbarkeit: Das relativ starre Geschäftsmodell und die spezialisierte Flotte machten es schwierig, schnell auf veränderte Marktbedingungen zu reagieren. Die Umstellung auf andere Flugzeugtypen oder die Erschließung neuer Geschäftsfelder wäre mit erheblichen Investitionen und Risiken verbunden gewesen.

Die Auflösung: Das Ende einer Ära

Die finanzielle Schieflage verschärfte sich in den Jahren 2011 und 2012 dramatisch. Trotz Restrukturierungsversuchen und der Suche nach neuen Investoren gelang es Cirrus Airlines nicht mehr, die notwendigen finanziellen Mittel aufzubringen, um den Betrieb nachhaltig aufrechtzuerhalten. Die Schuldenlast wurde erdrückend, und die Liquiditätsprobleme nahmen zu.

Am 16. Januar 2012 mußte Cirrus Airlines beim Amtsgericht Saarbrücken einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens stellen. Dies war der Beginn vom Ende. Obwohl zunächst versucht wurde, den Flugbetrieb unter Aufsicht eines vorläufigen Insolvenzverwalters fortzusetzen und eine Sanierungslösung zu finden, erwiesen sich die Herausforderungen als zu groß. Viele Mitarbeiter bangten um ihre Arbeitsplätze, und Passagiere waren von Flugstreichungen betroffen.

Am 20. März 2012 wurde der Flugbetrieb der Cirrus Airlines endgültig eingestellt. Wenig später wurde das Insolvenzverfahren eröffnet, und das Unternehmen wurde abgewickelt. Die Cirrus Maintenance GmbH, die Wartungstochter, konnte zunächst noch gerettet werden und existiert unter neuem Namen bis heute, was die technische Kompetenz des Unternehmens unterstreicht. Für die Fluggesellschaft Cirrus Airlines war es jedoch das unwiderrufliche Ende einer fast 14-jährigen Geschichte. Tausende von Flügen fielen aus, und hunderte Mitarbeiter verloren ihre Anstellung.

Eine Übernahme von Assets samt Flugzeugen durch den Mitbewerber OLT Express Germany scheiterte. Dieser erwarb dann den Geschäftsbetrieb der Contact Air und flog nur wenige Wochen danach selbst schnurstracks in die Insolvenz.

Fehler aus heutiger Sicht

Aus heutiger Sicht lassen sich mehrere entscheidende Fehler oder unglückliche Umstände identifizieren, die zum Scheitern von Cirrus Airlines beitrugen:

  1. Zu starke Abhängigkeit vom Wet-Lease-Geschäft: Obwohl das Wet-Lease-Modell anfänglich eine Stärke war, machte es die Airline extrem anfällig für Veränderungen bei den Partnerairlines und in der Gesamtwirtschaft. Es fehlte an Diversifizierung bei den Einnahmequellen.
  2. Mangelnde Flottenflexibilität: Die Konzentration auf die Dornier 328, insbesondere die Jet-Version, war zwar technisch sinnvoll, aber die geringe Verbreitung dieses Typs auf dem Markt bedeutete höhere Betriebskosten und eine geringere Verhandlungsmacht bei Ersatzteilen oder Leasingraten im Vergleich zu Massenmodellen wie der Embraer E-Jet Familie oder der Bombardier CRJ-Reihe, die später den Markt dominierten.
  3. Unzureichende Reaktion auf den Billigflugtrend: Cirrus Airlines hielt an ihrem Premium-Regionalflugmodell fest, ohne ausreichend auf den rapiden Aufstieg der Billigflieger zu reagieren. Die Nische des hochwertigen Zubringerverkehrs schrumpfte, während der Preiskampf immer intensiver wurde.
  4. Fehlendes starkes Eigenmarken-Profil: Obwohl Cirrus Airlines eigene Strecken bediente, war sie in der öffentlichen Wahrnehmung oft im Schatten ihrer großen Partner. Ein stärkerer Fokus auf eigene Vertriebskanäle und eine eigene Markenidentität hätte möglicherweise zu einer stabileren Passagierbasis führen können.
  5. Unzureichende Kapitalausstattung für Krisenzeiten: Trotz des Wachstums schien Cirrus Airlines nicht über genügend Eigenkapital oder Liquiditätsreserven verfügt zu haben, um die massiven externen Schocks wie die Finanzkrise und die gestiegenen Treibstoffpreise zu überstehen.

Das Scheitern von Cirrus Airlines ist ein deutliches Beispiel dafür, daß selbst ein etabliertes Unternehmen mit einem klaren Geschäftsmodell in einem sich schnell wandelnden Markt untergehen kann, wenn es nicht in der Lage ist, sich schnell genug anzupassen und ausreichend finanzielle Resilienz aufzubauen. Es unterstreicht die gnadenlose Dynamik der Luftfahrtbranche, in der nur die flexibelsten und finanzstärksten Akteure langfristig überleben.

Dornier 328 (Foto: Lasse Fuss).
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